Liedchen sangen . Da kömmt der Menschenfeind , rief die Mutter mir zu . Ich trat näher , und dankt ihr für den freundlichen Gruß . Du bist gestraft , daß du so lange wegbliebst , fuhr sie lächelnd fort , etwas Lieberes hat indes in meinem Hause Platz genommen . Man kann dich nun entbehren , du Stolzer ! Ich sah mich um . Da stand sie vor mir , die Herrliche , wie eine Priesterin der Liebe , heilig und hold ! - ach ! über dem Lächeln voll Ruh und himmlischer Duldsamkeit thronte mit eines Gottes Majestät ihr großes begeistertes Auge , und wie Wölkchen ums Morgenlicht , wallt ' im Frühlingswinde der dunkle Schleier um ihre Stirne . Ich kann es nicht anders nennen , es war Gefühl der Vollendung , was sie mir gab in diesem Augenblicke ; war doch die Nacht und Armut meines Lebens , die ganze dürftige Sterblichkeit , mit allem , was sie gibt und nimmt , so dahin , als wäre sie nie gewesen ! Oft trauert ich , daß wir nur dann erst wissen , von diesen Momenten der Befreiung , wann sie vorüber sind . Sie wägen Aeonen unsers Pflanzenlebens auf , sprach ich oft bei mir selbst , wenn ich ihr Andenken feierte , diese namenlosen Begeisterungen , wo das irdische Leben tot und die Zeit nicht mehr ist , und der entfesselte Geist zum Gotte wird . Jahre gingen vorüber , Meere trennten mich von ihr , tausendfältig verwandelte sich vor mir die Gestalt der Welt , aber ihr Bild verließ mich nie . Oft , wenn ich am heißen Mittag , ermattet von meinen Wanderungen , unter fremdem Himmel ruhte , erschien sie mir , wie in dem trunknen Momente , da ich sie fand , ich preßt es an mein glühendes Herz , das süße Phantom , ich hörte ihre Stimme , das Lispeln ihrer Harfe ; wie ein friedlich Arkadien , wo in ewigstiller Luft die Blüte sich wiegt , wo ohne Zwang die Frucht der Ernte und die süße Traube gedeiht , wo keine Furcht das sichre Land umzäunt , wo man von nichts weiß , als von dem ewigen Frühling der Erde , und dem wolkenlosen Himmel und seiner Sonne , und seinen heiligen Gestirnen , so stand es offen vor mir , das Heiligtum ihres Herzens und Geistes . Und später , unter den Bitterkeiten und Mühen des Lebens , bei stürmischer Fahrt , am Schlachttag , unter namenlosem Unmut , wo er mir auf ewig verschwunden schien , der gute Geist , den ich sonst so gerne ahndete , in allem , was lebt , wo ich kalt und stolz mir sagte : hilf dir selber , es ist kein Gott ! ach ! da trat oft ihr Schatten vor mich , wie ein Engel des Friedens , und besänftigte mein verwildertes Herz mit seiner himmlischen Weisheit . Jetzt ehr ich als Wahrheit , was mir einst dunkel in ihrem Bilde sich offenbarte . Das Ideal meines ewigen Daseins , ich hab es damals geahndet , als sie vor mir stand in ihrer Grazie und Hoheit , und darum kehr ich auch so gerne zurück , zu dieser seligen Stunde , zu dir , Diotima , himmlisches Wesen ! ------------- Fünftes Kapitel Der Abend jenes Tages meiner Tage ist mir mit allem , was ich noch gewahr ward in meiner Trunkenheit , unvergeßlich . Mir war er das schönste , was der Frühling der Erde geben kann , und der Himmel und sein Licht . Wie eine Glorie der Heiligen , umfloß sie das Abendrot , und die zarten goldnen Wölkchen im Aether lächelten herunter , wie himmlische Genien , die sich freuten über ihrer Schwester auf Erden , wie sie unter uns wandelte in aller Herrlichkeit der Geister , und doch so gut und freundlich war gegen alles , was um sie war . Alles drängte an sie . Allen schien sich ein Teil ihres Wesens mitzuteilen . Ein freundlicher Ernst , ein zärteres Aufmerken , eine innigere Traulichkeit war unter alle gekommen , und sie wußten nicht , wie ihnen geschah . Mit Begeisterung erzählte mir die Mutter , indes die andern um Diotima beschäftigt waren , wie ihr das liebe Mädchen Freude mache mit ihrem stillen nachdenklichen Wesen , und ihrer steten Zufriedenheit , wie sie sich scheue vor allem , was einem menschlichen Herzen wehe tun könne , vor allem , was nicht schön und schicklich wäre ; auch sehe man es sogleich , wenn etwas durch ihre Hände gegangen wäre , man könne gewiß nicht sagen , ihr Herz hänge an kleinen Dingen , und doch wär es immer , als wäre sie mit ihrer ganzen Seele an der Sache gewesen ; ein Gartenbeet gewinne ein ganz andres Ansehn , wenn sie es ordne ; es wär ihr auch so leicht nicht abzulernen , das Eigentliche , was einem an den Gewändern gefiele , die sie geschnitten , und den Kränzen , die sie gewunden hätte ; - ihr Element seien aber die alten Dichter und Weisen , hierin seie sie ein eignes Wesen , sie sei zwar sehr geheim damit , aber man hätte doch schon bemerkt , daß sie im Herzen das Andenken großer Menschen im alten Griechenlande ungefähr ebenso feire , wie die andern frommen Gemüter das Fest der Panagia , und anderer Seligen ; auch sonst sei etwas - sie müßte nur sagen - Übermenschliches an ihr . Hättest du sie gestern gesehn , setzte sie hinzu , es wäre dir wohl so sonderbar zu Mut gewesen , wie mir . Es hatte kaum getagt , als ich hinunter ging in den Garten . Da sah ich , ohne daß sie mich bemerken konnte , das liebe Mädchen in dem heimlichen Plätzchen unter den Platanen , wie sie dastand mit ausgebreiteten Armen , und emporrief : Dir opfr ' ich mein Herz , ewige Schönheit ! - Ich werde den