. Ich hatte die Gräfin einige Tage vorher gesprochen , wie immer nur flüchtig und bei einer zufälligen Begegnung , und war erschrocken gewesen , nicht bloß über ihr krankhaftes Aussehn , sondern fast noch mehr über den starren , gleichsam versteinerten Ausdruck ihrer Züge . Aber um Gottes willen , was geschieht , um sie zu retten ? Weiß der Graf , wie es mit ihr steht ? fragte ich und erhielt lauter trostlos klingende Antworten . Weder der Graf noch die Gräfin hielten die Ängstlichkeit des Arztes für gerechtfertigt , und namentlich die Kranke lehnte sich gegen deren Konsequenzen auf . Der Doktor meinte , ich wäre nun lange genug da , um zu wissen , ob es möglich sei , mit der Gräfin über Dinge zu sprechen , von denen sie nicht hören wolle . - Darauf mußte ich antworten : Nein ! es ist nicht möglich . Nur der , der in einem großen Hause gelebt hat , weiß , wie unüberbrückbar die Kluft ist , die seine Gebieter von ihren Untergebenen scheidet . Man lebt unter einem Dache , man sieht einander , man hat gemeinsame Interessen , und dennoch findet nicht der Schatten eines Verkehrs statt . Das Wichtigste hängt von der Beherzigung einer Warnung ab , die man pflichtgemäß ausgesprochen hat - einmal , mehrmals : sie wird nicht beachtet , und man vermag ihr keinen Nachdruck zu geben . Es scheint unglaublich , aber es ist so , und was die treueste , redlichste Absicht abhält , sich geltend zu machen , das sind Hindernisse , so durchsichtig , zart und fein , daß man sie aus einiger Entfernung nicht wahrnimmt . Erst beim Nähertreten erkennt man , daß die scheinbar ganz unbedeutenden , kaum nennenswerten unübersteiglich und unüberwindlich sind . Aus der Art , in der ich zurückgewiesen wurde , als ich die Eiswand zu durchbrechen suchte , hinter der die Gräfin sich verschanzte , konnte ich auf die Erfahrungen schließen , die der Arzt bei ähnlichen Gelegenheiten gemacht haben mochte . Sie waren gewiß schuld an der Teilnahmslosigkeit , mit der er sich jetzt über den Zustand der Kranken äußerte und die mir trotz dieses Erklärungsgrundes grausam , ja entsetzlich erschien . Er zuckte die Achseln zu der Bemerkung , die ich ihm darüber machte , und antwortete mit der erneuerten Bitte , bei Anka auszuharren . Wenn ich sie verließe , sagte er , das erst wäre ein schweres Unglück für sie . Er ließ den Einwand nicht gelten , daß ich unfähig sei , dem Kinde zu nützen , und behauptete , es habe sich unter meiner Leitung schon ein wenig zu seinem Vorteil verändert . Ich ließ mich endlich bestimmen , mein mühsames Erziehungswerk weiterzuführen . Die Versicherungen des Doktors , daß ich nicht ganz erfolglos daran arbeitete , hatten meinen Mut gehoben ; ich fühlte mich beruhigt , und so gut wie seit langem kein andrer begann für mich der Tag , an dem mir ein peinvolles Erlebnis bevorstand . - Ein unbeschreiblich peinvolles Erlebnis , das mir die Augen über Dinge öffnete , die ich nie hätte erfahren mögen . Sie ahnen wohl , daß der unglückselige Graf Stephan dabei im Spiele war ... Aber « - unterbrach sich die Hofrätin und ließ voll Entmutigung die Strickerei in den Schoß sinken - » was bin ich doch für eine schlechte Erzählerin ! Von diesem Grafen hätte ich längst sprechen müssen ... Freilich - freilich - der spielte damals schon eine Weile mit in meiner Geschichte ... Verzeihen Sie - jetzt bleibt mir nichts übrig , als allerlei nachzuholen . 4 Graf Stephan führte denselben Familiennamen wie meine Gräfin , war ihr Vetter und der jüngste von acht Brüdern , die alle im kaiserlichen Heere dienten . Ihr Vater lebte noch , sie bezogen von ihm eine spärliche Apanage und waren von klein auf zum Waffenhandwerk bestimmt . Sie machten dem Beruf auch Ehre , hatten sich in den letzten Feldzügen durch ihre Tapferkeit und ihr kaltes Blut glänzend hervorgetan . Unser Graf Stephan stand seinen Brüdern nicht nach ; ebenso tollkühn , aber weniger glücklich als sie war er als neunzehnjähriger Jüngling in der Schlacht von Caldiero durch einen Hieb über die Schulter verwundet worden . Eine Zeitlang blieb es zweifelhaft , ob er seine militärische Laufbahn je wieder werde aufnehmen können . Indessen kam es besser , als man anfangs gemeint hatte ; er war jetzt hergestellt . Seine Verletzung hatte keine Folgen hinterlassen , eine geringe Steifheit der Finger seiner rechten Hand ausgenommen , die ihm jedoch um alle Schätze der Erde nicht feil gewesen wäre . Die Steifheit mein ich . Er paradierte damit , vergaß ihrer nie und sorgte dafür , sie den andern in Erinnerung zu bringen . Einige Tage nach unsrer Ankunft erschien der Vetter der Gräfin auf dem Schlosse ; er sollte nur eine Woche da verweilen und sich dann zu seinem Regiment begeben . Nun waren aber schon zwei Monate vergangen , und der junge Herr traf noch immer keine Anstalten zu seiner Abreise . Anka ärgerte sich darüber ; sie konnte ihn nicht leiden , und wenn ich sie fragte , warum , antwortete sie ; Ich weiß nicht - halt so - er ist so dumm . Er war aber durchaus nicht dumm ; er war ein liebenswürdiger , hübscher , unbedeutender Mensch , moralisch so schwach und zaghaft , wie er physisch stark und mutig war . Anka gegenüber legte er eine Geduld und Nachsicht an den Tag , die für mich etwas Rätselhaftes hatte . Er ließ sich von ihr necken , mißhandeln , verspotten , er kam immer wieder , er war von allen Gästen ihrer Eltern der einzige , der sich um sie bekümmerte . Wir trafen ihn erstaunlich oft auf unsern Spaziergängen im Walde , und immer schloß er sich uns an , beschäftigte sich aber nur mit Anka und schien sich so gut mit ihr zu unterhalten , daß