, den Rabbi Meyer durch Nachäffung zu verhöhnen , erwachte sie auch in diesem und zwang ihn , dem geliebten Schüler eine ungeheure Maulschelle zu geben . Kein Wunder , daß sich die Sympathie immer seltener äußerte , immer geringer wurde und schließlich in Haß umschlug . Das ging so bis zu Mendeles dreizehntem Geburtstag fort . An diesem Tage , der im Leben eines jeden jüdischen Knaben einen wichtigen Einschnitt bildet - er wird da konfirmiert und fortab beim Gottesdienst als Erwachsener mitgezählt - , schien sich auch in Mendele eine große Veränderung vollzogen zu haben : der Zorn gegen den strengen Lehrer schlug in sanfte Ergebung , der Haß in Liebe um . Es ist Sitte , daß jeder Lehrer seinen Schüler zu diesem Geburtstage so reich , als ihm irgend möglich , beschenke ; auch Rabbi Meyers Geschenk war sehr wertvoll , aber nur in moralischem Sinne . Er hielt dem Knaben nämlich eine sehr lange Mahnpredigt , worin er ihm mit Sicherheit prophezeite , daß er einmal hoch über allen anderen Menschen enden werde , am Galgen . Einen anderen Knaben hätte dies vielleicht erbittert . Mendele aber schien wohl tief zerknirscht , sagte dann aber mit vor Rührung zitternder Stimme : » Ihr habt recht , Rabbi , ich habe kein ander Geschenk verdient . Aber weil ich nun heute dreizehn Jahre alt geworden bin und da Geschenke üblich sind , so schenk ' ich Euch was ! Verschmähet es nicht , obwohl es wenig ist ! « Sprach ' s , wischte sich die Tränen aus den Augen und überreichte dem Rabbi je eine Büchse jener beiden Salben , die auch der ärmste Jude des Ostens nicht entbehren kann . Der strenggläubige Jude darf nämlich sein Haupt nicht dem Schermesser beugen , Bart und Wangenlöckchen wachsen , wie ihnen beliebt , und dürfen sogar nie gekürzt werden ; im Gegenteil , ihre Länge und Dichtigkeit ist der schönste Schmuck des Frommen und er , der sonst wahrlich auf sein Äußeres nicht viel Pflege , ja nicht einmal allzuviel Wasser wendet , gebraucht doch eine Salbe , die den Bartwuchs befördert . Die andere Salbe aber dient dem entgegengesetzten Zweck : das Haupthaar völlig zu entfernen , denn auch dies gebietet die Mode . Durch einen anderen , als einen völlig kahlen Scheitel würde sich der Fromme entstellt fühlen , und da er sich nicht rasieren lassen darf , so reibt er das Haupt von Zeit zu Zeit mit dieser scharfen Mixtur ein , die zwar anfangs keine Beschwerde macht , dann aber gehörig auf der Kopfhaut brennt . Beide Salben sind weiß und haben metallischen Glanz ; um einer Verwechslung vorzubeugen , wird die Ätzsalbe immer in runden , die Bartsalbe in eckigen Büchschen verkauft . Rabbi Meyer war über das Geschenk betroffen , sogar ein wenig beschämt , dann jedoch machte er , ehe er ins Lehrzimmer ging , von beiden Salben Gebrauch . Mendele aber gönnte sich einen Ferialtag und trollte sich seiner Wege . Eine Stunde später merkte der Rabbi ein seltsames Brennen auf den Wangen , und als er in den Bart griff , blieb ihm ein Büschel Haare in den Händen . Entsetzt stürzte er in sein Wohnzimmer , die Ätzsalbe abzuwaschen , aber mit ihr ging auch der schöne lange Bart ab und das Antlitz des Würdigen glich nun der litauischen Heide , auf der nur ein wenig Gestrüpp und hie und da ein einzelner Stamm verraten , welcher herrliche Wald da einst gestanden . Nach einiger Zeit erwiesen sich auch die Haarwurzeln der Kopfhaut , die er bisher immer so schnöde mit Ätzsalbe behandelt , für die unverhoffte Labung dankbar und sproßten kräftig empor . Dies Unglück ließ sich ja gut machen , aber der Bart ! Die vielen Besuche neugieriger und teilnehmender Verehrer , die den Rabbi zu besichtigen und zu trösten kamen , freuten ihn gar nicht , und Monate währte es , bis er wieder auf die Gasse zu treten wagte . Der Bart aber kam in alter Fülle nie wieder , niemals , und bis an sein Lebensende gab es ihm einen Stich durchs Herz , wenn man ihn bat : » Erzählet doch , was Euch Mendele Kowner zum Abschied verehrt hat ! « Denn Mendele hatte sich die Freude versagt , den Erfolg seiner freundlichen Gabe mit eigenen Augen zu sehen , und war auf Nimmerwiedersehen gegangen , aus dem Haus und aus der Stadt . Er wollte heimkehren und schlug den Weg nach Kowno ein , aber je näher er der Heimat kam , desto kürzer wurden die Tagereisen , desto länger der Aufenthalt bei gastlichen Glaubensgenossen , und in einer Schenke dicht vor Kowno besann er sich eines anderen und schlug den Weg nach Westen ein . Denn viel rascher als er war die Kunde jenes Streiches dieselbe Straße gezogen und wohin immer er gelangte , und als er den Ort , aus dem er kam , Wilna nannte , fragten ihn die Leute sofort nach Rabbi Meyers Bart , und obwohl einige dazu lachten , waren doch die meisten über den unerhörten Frevel an der heiligen Zier eines heiligen Mannes so entrüstet , daß er es vorzog , inkognito zu bleiben . In jener Schenke vor Kowno aber traf er einen Fuhrmann aus seiner Heimat , der ihm erzählte , seine Eltern hätten anfangs viel geweint , nun aber seien sie damit beschäftigt , biegsame Haselstauden in Essig zu legen , auch zwei Bambusrohre seien angeschafft und sonstige Vorbereitungen zu seinem würdigen Empfang getroffen . Da dachte Mendele , daß es ja nicht gleich sein müsse , machte kehrt und zog langsam der preußischen Grenze zu . Was aus ihm werden sollte , war damals nach seinem Willen noch nicht entschieden , und hätte jemand dem übermütigen , aber klugen und gutherzigen Knaben auf jener ersten Wanderung gesagt , welches Lebensziel seiner harre , ihm wäre die Warnung nicht nahe gegangen . Er war ja guter Leute Kind