; die Pferde kommen kaum noch aus dem Geschirr ; zu Wagen und zu Schlitten geht es hierhin und dorthin . Oft sind wir tagelang allein . Ein Glück , daß ich Tante Schorlemmer habe , ich ängstigte mich sonst zu Tode . « » Tante Schorlemmer ! So findet alles seine Zeit . « » Oh , sie braucht nicht erst ihre Zeit zu finden , sie hat immer ihre Zeit , das weiß niemand besser als du und ich . Aber freilich , eines ist meiner guten Schorlemmer nicht gegeben , einen öden Tag minder öde zu machen . Möchtest du , eingeschneit , einen Winter lang mit ihr und ihren Sprüchen am Spinnrad sitzen ? « » Nicht um die Welt . Aber wo bleibt der Pastor ? Und wo bleibt Marie ? Ist denn alles zerstoben und verflogen ? « » Nein , nein , sie sind da , und sie kommen auch und sind die alten noch ; lieb und gut wie immer . Aber unsere Hohen-Vietzer Tage sind so lang , und am längsten , wenn im Kalender die kürzesten stehen . Marie kommt übrigens heute abend ; sie hat eben anfragen lassen . « » Und wie geht es unserm Liebling ? « » In den drei Monaten , daß du nicht hier warst , ist sie voll herangewachsen . Sie ist wie ein Märchen . Wenn morgen eine goldene Kutsche bei Kniehases vorgefahren käme , um sie aus dem Schulzenhause mit zwei schleppentragenden Pagen abzuholen , ich würde mich nicht wundern . Und doch ängstigt sie mich . Aber je mehr ich mich um sie sorge , desto mehr liebe ich sie . « So weit waren die Geschwister in ihren Plaudereien gekommen , als Jeetze - nunmehr in voller Livree - in der Türe erschien , um seinen jungen Herrschaften anzukündigen , daß es Zeit sei . » Wo ist Papa ? « » Er baut auf . Krist und ich haben zutragen müssen . « » Und Tante Schorlemmer ? « » Ist im Flur . Die Singekinder sind eben gekommen . « Lewin und Renate nickten einander zu und traten dann heiteren Gesichts und leichten Ganges , ein jeder stolz auf den andern , in den Korridor hinaus . In demselben Augenblick , wo sie an dem Treppenkopf angelangt waren , klang es weihnachtlich von hellen Kinderstimmen zu ihnen herauf . Und doch war es kein eigentliches Weihnachtslied . Es war das alte » Nun danket alle Gott « , das den märkischen Kehlen am geläufigsten ist und am freiesten aus ihrer Seele kommt . » Wie schön « , sagte Lewin und horchte , bis die erste Strophe zu Ende war . Als die Geschwister im Niedersteigen den untersten Treppenabsatz erreicht hatten , hielten sie abermals und überblickten nun das Bild zu ihren Füßen . Die gewölbte Flurhalle , groß und geräumig , trotz der Eichenschränke , die umherstanden , war mit Menschen , jungen und alten , gefüllt ; einige Mütterchen hockten auf der Treppe , deren unterste Stufen bis weit in den Flur hinein vorsprangen . Links , nach der Park- und Gartentür zu , standen die Kinder , einige sonntäglich geputzt , die anderen notdürftig gekleidet , hinter ihnen die Armen des Dorfes , auch Sieche und Krüppel ; nach rechts hin aber hatte alles , was zum Hause gehörte , seine Aufstellung genommen : der Jäger , der Inspektor , der Meier , Krist und Jeetze , dazu die Mägde , der Mehrzahl nach jung und hübsch , und alle gekleidet in die malerische Tracht dieser Gegenden , den roten Friesrock , das schwarzseidene Kopftuch und den geblümten Manchester-Spenzer . In Front dieser bunten Mädchengruppe gewahrte man eine ältliche Dame über fünfzig , grau gekleidet mit weißem Tuch und kleiner Tüllhaube , die Hände gefaltet , den Kopf vorgebeugt , wie um dem Gesange der Kinder mit mehr Andacht folgen zu können . Es war Tante Schorlemmer . Nur als die Geschwister auf dem Treppenabsatz erschienen , unterbrach sie ihre Haltung und erwiderte Lewins Gruß mit einem freundlichen Nicken . Nun war auch der zweite Vers gesungen , und die Weihnachtsbescherung an die Armen und Kinder des Dorfes , wie sie in diesem Hause seit alten Zeiten Sitte war , nahm ihren Anfang . Niemand drängte vor ; jeder wußte , daß ihm das Seine werden würde . Die Kranken erhielten eine Suppe , die Krüppel ein Almosen , alle einen Festkuchen , an die Kinder aber traten die Mägde heran und schütteten ihnen Äpfel und Nüsse in die mitgebrachten Säcke und Taschen . Das Gabenspenden war kaum zu Ende , als die große , vom Flur aus in die Halle führende Flügeltüre von innen her sich öffnete und ein heller Lichtschein in den bis dahin nur halb erleuchteten Flur drang . Damit war das Zeichen gegeben , daß nun dem Hause selber beschert werden solle . Der alte Vitzewitz trat zwischen Türe und Weihnachtsbaum , und Lewins ansichtig werdend , der am Arm der Schwester dem Festzug voraufschritt , rief er ihm zu : » Willkommen , Lewin , in Hohen-Vietz . « Vater und Sohn begrüßten sich herzlich ; dann setzten die Geschwister ihren Umgang um die Tafel fort , während draußen im Flur die Kinder wieder anstimmten : » Lob , Ehr und Preis sei Gott , Dem Vater und dem Sohne , Und auch dem Heil ' gen Geist Im hohen Himmelsthrone . « Der Zug löste sich nun auf , und jeder trat an seinen Platz und seine Geschenke . Alles gefiel und erfreute , die Shawls , die Westen , die seidenen Tücher . Da lagerte kein Unmut , keine Enttäuschung auf den Stirnen ; jeder wußte , daß schwere Zeiten waren und daß der viel heimgesuchte Herr von Hohen-Vietz sich mancher Entbehrung unterziehen mußte , um die gute Sitte des Hauses auch in bösen Tagen aufrechtzuerhalten . Zu beiden Seiten des Kamins , über dessen breiter Marmorkonsole