den Weg und hob abmahnend den Zeigefinger . » Da hinaus kannst du nicht , da steht die Großmutter ! « sagte sie mit unterdrückter Stimme . Die Thür stand offen , und ich sah , wie meine Großmutter den Arm des Pumpbrunnens in rasender Geschwindigkeit auf und nieder schleuderte - ein Schauspiel , das mich sonst nicht befremdete , ich hatte es täglich vor Augen . Meine Großmutter war eine große , starkbeleibte Frau , mit einem Gesicht , das von den Scheitelhaaren an bis auf den breiten Hals hinab zu allen Zeiten eine gleichmäßig brennende Röte überlief . Diese Färbung der ohnehin starken und auffallend gebildeten Züge über der wuchtigen Gestalt mit den weitausholenden Schritten und den energischen , kraftvollen Armbewegungen machte sie zu einer wilden , furchtbaren Erscheinung , und wenn ich sie mir jetzt noch vergegenwärtige in jenen Augenblicken , wo sie unversehens an mir vorüberschoß , und ich höre wieder das Kreischen und Schüttern der Dielen unter ihren Füßen und fühle ein Wehen , als sei ein Windstoß vorbeigebraust , dann muß ich , trotz ihrer schwarzen Augen und der streng orientalischen Profillinie , doch an jene gewaltigen Cimbernweiber denken , die , das Tierfell um den Leib geschlagen und die Streitaxt in der Hand , sich mitten in den wogenden Kampf der Männer warfen . Sie hielt den Kopf unter den dicken Wasserstrahl ; er schoß ihr über das Gesicht und an den außerordentlich starken , grauen Zöpfen herab , die in den Brunnentrog hingen . Das that sie immer , auch im eisstarrenden Winter ; es schien ihr diese Erfrischung so unentbehrlich wie die Lebensluft zu sein . Heute aber befremdete mich ihre Gesichtsfarbe mehr als je ; selbst unter dem kalt niederströmenden Wasser spielte sie in ein tiefes , beängstigendes Braunrot hinüber , und als die gewaltige Frau , die Arme weit ausgebreitet , den Kopf schüttelnd in den Nacken warf und in dem wohligen Gefühl der Erquickung mit weitgeöffnetem Munde einigemal kräftig ausatmete , da hoben sich die Lippen bläulich dunkel von den großen , weißen Zähnen . Ich sah Ilse an ; sie blickte wie selbstvergessen hinüber , und ihre hartblauen strengen Augen schmolzen in dem Ausdruck tiefster Bekümmernis und Trauer . » Was ist mit der Großmutter ? « fragte ich beklommen . » Nichts - es ist schwül heute , « antwortete sie kurz . Es war ihr sichtlich fatal , auf dem schmerzvollen Blick ertappt worden zu sein . » Gibt ' s denn kein Mittel gegen diesen furchtbaren Blutandrang nach dem Kopfe , Ilse ? « » Sie nimmt nichts , - das weißt du ... Gestern abend hat sie mir das Fußbad vor die Füße geschüttet ... Jetzt geh , Kind , und hole deine Sachen . « Damit schritt sie nach dem Herd , und ich verließ pflichtschuldigst das Haus durch eine zweite Seitenthür . Ich sprang nach dem Flusse , der kaum dreißig Schritte hinter dem Dierkhof hinlief , und versuchte , durch das Ufergebüsch zu schlüpfen . Das war nicht so leicht in dem engen Geflecht , das unberührt von Menschenhand wachsen durfte , wie es Lust hatte . Aber ich wand mich unverdrossen weiter , denn die zähen Weiden , wenn sie auch nach mir zurückschlugen und meine nackten Füße schmerzend rieben , schützten mich doch vollkommen vor den fremden Blicken , und nachdem ich bereits eine bedeutende Strecke zurückgelegt hatte , segnete ich diesen Schutz doppelt ; denn schräg üb er die Heide her kamen die Herren , Heinz voran , und schritten direkt auf den Fluß zu . Noch hoffte ich , vor ihnen die kleine Bucht zu erreichen , wo ich meine Fußbekleidung abgelegt hatte , allein ich kam bei aller Anstrengung nicht so rasch vorwärts , als die Fremden , und kauerte mich resigniert , ziemlich nahe am Ziele , im Gebüsch an den Boden nieder . Was sie hierher führte , konnte ich mir denken : Heinz zeigte ihnen den schmalen , neben dem Ufergebüsch hinlaufenden Grasstreifen . Da ging sich ' s freilich anders , als im spröden starren Heidekraut , der Weg war samtweich , wie geschaffen für verwöhnte Füße . Die Herren kamen dicht an mir vorüber , ich hörte das Knistern ihrer Tritte , und leise wurden die Zweige gestreift , die auch meinen Arm berührten . An der Birke blieben sie stehen . » Aha , hier hat das Heideprinzeßchen Toilette gemacht ! « rief der junge Herr . Mir stockte der Atem . Ich bog mich vor und sah , wie er einen der Schuhe vom Boden aufnahm . Nun wußte ich , bei aller Unberührtheit von Welt und Leben , dennoch recht gut , wie ein zarter Frauenschuh aussehen mußte . Ich hatte im Märchen von silbergestickten Pantöffelchen , von kleinen , roten Schuhen gelesen , und das Papier , auf welchem diese reizvollen Zaubergeschichten standen , erschien mir noch viel zu dick und grob als Sohle dieser ätherischen Kunstgebilde aus Samt und Seide . Das Unförmchen aber , das der Fremde dort lachend in die Höhe hielt , war vom stärksten Kalbleder - o Ilse , dir wäre Holz noch nicht » derb und haltbar « genug für meine unruhigen Füße gewesen ! Heute morgen hatten die Schuhe vor meinem Bette gestanden , nagelneu und begleitet von zwei steifen Strümpfen , die Ilse selbst aus Heidschnuckenwolle gesponnen und gestrickt hatte - ihr stolzes Geburtstagsgeschenk für mich . Ich war glücklich , und Ilse hatte sehr zufrieden mit dem Kopfe genickt , denn der Schuhmacher hatte in liebender Fürsorge ein wohlgeordnetes Bataillon blitzblanker Nagelköpfe über die fingerdicken Sohlen hinmarschieren lassen - jetzt funkelten diese gepriesenen Reihen förmlich feindselig zu mir herüber . » Je - über das Kindchen ! Hat richtig die Schuhe stehen lassen ! - Ganz neue Schuhe ! « rief Heinz kopfschüttelnd . » Na , na , ich möchte Ilse hören ! « setzte er ängstlich besorgt hinzu . » Wem gehört denn das Kind