zusammenstoßen . Das neue Schloß wurde gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts in dem bizarren Styl jener Zeit gebaut und nimmt sich mit seinen verschnörkelten Säulen und wunderlichen Ornamenten neben dem alten schmucklosen Thurm , mit welchem es jetzt in einer Front liegt , aus , wie ein zierlicher Herr aus Louis XIV. Zeit neben einem eisengeharnischten Kämpen aus den Tagen von Crecy und Poitiers . Ein zwanzig Fuß und darüber hoher Wall , der in ein noch weit ehrwürdigeres Alter hinaufragt , als selbst der alte Thurm , umgiebt das Schloß in einem so weiten Kreise , daß es sammt den Nebengebäuden von dem eingeschlossenen Raume nur den kleinsten Theil einnimmt . Der Wall ist jetzt längst schon in eine friedliche Promenade umgewandelt , über der hohe Buchen , Nußbäume und Linden ein dichtes Laubdach bilden . Der breite Graben , der ihn in seiner ganzen Ausdehnung umzieht , ist jetzt zum Theil versumpft , mit dichtem Röhricht angefüllt , und , wo das Wasser sich noch einen Raum frei gehalten , mit einem grünen Teppich von Wasserpflanzen bedeckt , in welchem halbwilde Enten lustig schnattern . Offenbar hatte dieser Wall den Zweck gehabt , im Fall einer Fehde nicht nur die Hörigen der fehdelustigen Barone mit ihren Weibern und Kindern , sondern auch die Heerden und die Vorräthe zu schirmen ; auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die Wirthschaftsgebäude , die jetzt ziemlich entfernt vom Schlosse außerhalb des Walles lagen , innerhalb desselben gelegen . Damals hatte der Wall nur einen Durchgang gehabt , ein festes , mit einem Thurm versehenes Thor , aus dem eine Zugbrücke über den Graben nach einem Brückenkopfe führte . Jetzt war der Thurm abgetragen , die Brücke konnte nicht mehr aufgezogen werden und aus dem Brückenkopfe hatte man längst Backöfen und andere nützliche Dinge gebaut . Von diesem Hauptthor führte eine Allee vielhundertjähriger prachtvoller Linden auf das Portal des Schlosses zu . Rechts von der Allee und vor der Front des Schlosses war ein großer Rasenplatz , in dessen Mitte ein steinernes Becken mit einer Najade als Schutzpatronin stand , die , wahrscheinlich aus Schmerz , daß ihrem Brunnen schon seit einem halben Jahrhundert das Wasser fehlte , den Kopf verloren hatte . Der ganze übrige Raum innerhalb des Walles war mit Gartenanlagen ausgefüllt , die aus der Zeit des Neubaues herrührten und mit ihren graden Gängen , kunstvoll verschnittenen Taxushecken , Buchsbaumpyramiden und ihren Sandsteingöttern , die allen Regeln der Aesthetik und allen Gesetzen der Anatomie so naiv Hohn sprachen , den Charakter dieser Zeit deutlich genug documentirten . Hier und da freilich war ein Geist der Neuerung in die Anlagen gefahren . Der Buchs hatte seine verkrüppelten Glieder , so gut es gehen wollte , in eine naturgemäße Baumgestalt auszurecken versucht ; die beiden Seiten eines Heckenganges hatten gemeinschaftliche Sache gemacht und sich zu einem undurchdringlichen Gestrüpp vereinigt ; ein Gärtner , der für die stumme Sprache von Taxuspyramiden kein Verständniß mehr besaß , und eine praktischere Richtung verfolgte , hatte , unbekümmert um den ästhetischen Eindruck , Aepfel- , Birnen- , Kirschen- und Pflaumenbäume gepflanzt , wo er gerade Platz fand , und hier und da seinen Gemüsebeeten den Luxus der Blumenrabatten geopfert . Eine Schwester der Najade im Hof war von Himbeer- und Stachelbeersträuchern fast überwuchert , aber sie hatte sich in ihr Schicksal zu finden gewußt , ihren Kopf behalten , und plauderte in stiller Nacht geschwätzig von der guten alten Zeit . So hatte von dem Riesenwalle , der aus der grauen Heidenzeit stammte , bis zu den Spargelbeeten , die gestern angelegt waren , seit einem Jahrtausend jede Generation etwas zur Befestigung , Verschönerung oder Verbesserung dieses Wohnsitzes beigetragen . Vieles war spurlos verschwunden , Vieles hatte sich erhalten ; Altes hatte der Zeit gespottet , Neues war mit der Zeit alt geworden ; aber da selbst das Aelteste die Spuren des Lebens , der fortdauernden Nutzbarkeit trug , so war nirgends ein Sprung , ein Riß bemerkbar , und das Ganze machte den wohlthuenden Eindruck , als ob es eben nicht anders sein könnte . Zwar seinen primitiven Charakter hatte das Schloß Grenwitz gänzlich eingebüßt , und wenn Oswald des Abends , von einem Spaziergang mit seinen Zöglingen zurückkommend , auf einer Stelle des Walles stehen blieb , von der er den schattigen , grasbewachsenen Hof , den blumenreichen Garten und das Schloß überblicken konnte , um dessen graue Mauern das Zwielicht wogte und die schnellen Schwalben zwitschernd kreis ' ten , da glaubte er nicht die alte Stammburg fehdelustiger Barone , sondern das stille Klosterasyl beschaulicher Mönche vor sich zu sehen . Viertes Capitel Und ein stilles , klösterlich stilles Leben war es denn auch - das Leben auf dem Schlosse Grenwitz . Alle Unruhe , aller Lärm waren aus dem Bereich verbannt , den der alte Wall wie eine epheuberankte Kirchhofsmauer umgab . Hier ertönte kein Hundegebell , kein Pferdewiehern ; still glitten die Stunden dahin , wie die Schatten des Zeigers der Sonnenuhr über dem Portale ; still , wie die Blumen im Garten dufteten und blühten . Hier schien selbst der Wind leiser in den Wipfeln zu rauschen , die Vögel leiser in den Zweigen zu singen ; und was die Bewohner selbst betraf , so konnte die Wanduhr auf dem Vorsaal in ihrem Eichenschrank nicht freier von aller Neuerungssucht sein und ihr Tagewerk pünktlicher und systematischer vollbringen . Die Dienstboten thaten ihre Obliegenheiten mit der Regelmäßigkeit von Automaten . Ja in die Möbel selbst schien dieser strenge Geist der Ordnung gefahren , so daß Oswald sich des Gedankens nicht erwehren konnte , sie rückten sich in aller Stille von selber zurecht , falls einmal eines von seiner ihm angewiesenen Stelle abgekommen sein sollte . So wenig nun Oswald in seinem bisherigen Leben an eine so peinliche Ordnung gewöhnt war , und so sehr sich auch im Grunde seine Natur dagegen sträubte , so leicht wurde es ihm doch bei der Geschmeidigkeit seines Wesens und bei der versöhnlichen ,