Hausgenossen mußten sich auf ihren Wunsch um ihr Sterbelager versammeln . Sie bat alle zusammen und jeden einzeln um Vergebung wegen des bösen Beispiels und des Ärgernisses , das sie durch Verachtung der Kirche und des Glaubens gegeben habe , und forderte Alle auf , nicht bis zur Todesstunde mit der Bekehrung und der Buße zu warten . Zu Levin sagte sie dann : » Um Dir den Gram abzubitten , den ich Dir gemacht habe , mein Sohn - dazu fehlen mir die Worte .... und die Zeit . Bete für mich , bete für unser ganzes Haus ! ein gottentfremdetes Leben ist ein elendes Leben .... und ach ! meistens werden wir das erst dann gewahr , wenn es uns entschwindet . Gott Dank , daß Du es früh begriffen hast ! Also bete , Kind ! Du bist so gut , daß der liebe Gott Dir gewiß nichts abschlägt . Er hat ja auch Dein Gebet für mich erhört ! .... Gelange ich einst zu seiner seligen Anschauung , so dank ' ich es Dir . « Mit großer Sammlung empfing die Gräfin die Sakramente der Sterbenden . Ein Altar war in ihrem Zimmer hergerichtet ; im Vorzimmer lagen die Hausbedienten auf den Knien ; katholische Erinnerungen wurden in ihnen wach ; sie hatten doch noch die Ahnung davon , was es sei , wenn sich der König der Ewigkeit herabläßt , auf den ersten Wink eines armseligen Geschöpfes , das ihn so lange verschmäht hat , beseligend einzugehen . Als die ersten Glockenschläge in Kloster Engelberg den Beginn der Passionszeit mit den Tenebrän anzeigte , trat die Gräfin in die Agonie . Unsägliche Qualen wechselten mit Bewußtlosigkeit ab . Konnte sie aber einmal bei Besinnung aufatmen , so küßte sie zärtlich ein Kruzifix , das Levin an ihre Lippen legte , sah ihn an und breitete ihre Arme in Kreuzform aus . Er verstand sie : am Kreuz wollte sie sterben ; am Kreuz sollte er leben . Er schrak nicht vor diesem Wunsch , vor dieser Erbschaft zurück . Er verließ seine Mutter keinen Augenblick , und in Tränen und Gebeten aufgelöst pries er die Barmherzigkeit Gottes , die ihr solche Gesinnungen schenkte . Am Charfreitag in der Frühe kam sein Vater , der ohnehin höchst gleichgiltig für die Gräfin - und zu lange daran gewöhnt war , sie sterbend zu wissen , um nicht ganz vorbereitet zu sein auf ihren Tod . Aber - auf diesen Tod war er freilich nicht vorbereitet ! Diese entsetzliche Agonie , auf deren Qual das Licht des Glaubens so tröstlich fiel , hatte er nicht erwartet . Der Eindruck war so erschütternd für Jemand , der lebenslang jeden Ernst gemieden hatte und der nun plötzlich an den furchtbaren Ernst eines jeden Lebens gemahnt wurde , welches unwiderruflich so endet , daß der alte Mann am Sterbebett zusammenbrach . Die Gräfin tat ihren letzten Atemzug am Charfreitag zur Stunde der Vesper . Der Graf wohnte ihren Exequien bei ; dann erkrankte er und genas nicht wieder - dem Körper nach . Seine Seele aber fand Genesung durch das Brot des ewigen Lebens , welches der Glaube ihm verhieß und die Kirche ihm vermittelte . Nach wenigen Wochen stand auch sein Sarg in der Familiengruft zu Kloster Engelberg und der Friede des Grabes vereinigte dies Ehepaar , das durch den Unfrieden des Lebens so traurig getrennt gewesen war . Die Welt , in ihrer oberflächlichen Anschauungsweise , machte einige sentimentale Phrasen : wie rührend es sei , daß so oft alte Eheleute sich schnell im Tode nachfolgten - und wie so sehr rührend , daß sich dies auch bei zwei Menschen ereigne , von deren guter Eintracht man so wenig gewußt habe - und dann wurde dies höchst rührende Ereignis vergessen . Levin ' s Bruder , Graf Matthias , der Erb- und Stammherr , kam nun nach Schloß Windeck . Er war ein Mensch , dessen große natürliche Gutmütigkeit für seinen Mangel an geistigen Fähigkeiten hätte entschädigen können , wenn sie durch eine feste religiöse Grundlage zur Tugend gemacht worden wäre . Daran hatten aber seine Eltern nie gedacht ; und so sank diese schöne Gabe Gottes zu Schwäche , Leichtsinn , verkehrter Nachgiebigkeit - zu einem Spielball eigener und fremder Laune herab . Er fühlte das und war nicht glücklich ; am wenigsten in seiner Ehe mit Juliane , einer reichen und stolzen Erbtochter , die ihm an Verstand weit überlegen war und es bei jeder Gelegenheit zur Schau trug . Niemand war weiter davon entfernt , als sie , sich zum Opfer zu bringen ; und niemand suchte mehr als sie die Rolle eines Opfers der Konvenienz zu spielen , indem sie behauptete , nur zwei Häuser , aber nicht zwei Herzen hätten diese Ehe geschlossen . Mit einer Frau , die ihn nicht durch ihr Übergewicht erdrückt hätte , würde Mathias sich vielleicht gehoben haben . Julianens verkehrte Art bewirkte das Gegenteil : er ließ sich gehen in Leichtsinn und an Nichtigkeit , an armselige Beschäftigungen und freudenlosen Lebensgenuß . Die Richtung auf das Himmlische , die sich so früh und entschieden in Levin aussprach , lag in ihm , dem verwöhnten Liebling der Eltern , der den Sonnenschein irdischen Glückes genoß - abgestorben da . Diese Richtung blüht meistens nur in solchen Seelen auf , die , wie im Winter Hyazinthen - hinter gefrorenen Fensterscheiben des Lebens stehen . Matthias hatte seinen Bruder von Herzen gern , nur aber verstand er dessen in Gott ruhendes Gemüt gar nicht . Doch sagte er ihm : » Levin , Du bist unser Beter ! Du bleibst doch immer hier bei uns auf Windeck - nicht wahr ? Du tust uns gar zu sehr not : den Eltern da drüben , und mir und den Buben hier . « » Und Juliane ? « fragte Levin bedenklich . » Juliane ! « sagte Graf Matthias verlegen . » Ja so ! .... Juliane ! .... ich vergaß sie