überhand so grollte ich mit den Gesetzen der Natur . Fiel der erste Schnee so war es noch übler ! ich sehnte mich zu sterben um nur nicht die allgemeine Erstarrung zu überleben . Anfangs hatte ich Gott bitter verklagt über diese Mangelhaftigkeit seiner Schöpfung , war aber von Miß Johnson sowol als von unserm Prediger der mir Religionsunterricht ertheilte , streng zurechtgewiesen worden : die Schöpfung seiner Allmacht und Weisheit wolle angebetet , aber nicht bekrittelt und gerechtfertigt sein . Das erschien mir ungerecht ; wir lebten in dieser Schöpfung und sollten nicht ihre Geheimnisse kennen ? - Ich fragte nie wieder den Prediger oder Miß Johnson , denn ich hatte in diesem Punkt kein Vertrauen zu ihnen . Mit meinem Hofmeister harmonirte ich ebensowenig . Die Naturwissenschaften waren sein Steckenpferd ; er erklärte mir das Leben der Pflanzen , der Thiere , der Erde aus den organischen Gesetzen welchen jedes Ding unterworfen ist , weil sie sich aus ihm selbst und seiner Eigenthümlichkeit entwickeln . Das verstand ich nun zwar sehr gut , allein es tröstete mich nicht . Höchst niedergeschlagen kehrte ich mich von dieser unvollkommenen Welt ab , in welcher Winter auf Sommer , Schnee auf Wiesengrün folgt , und warf mich in die der Poesie . Da war Alles schön , rein und edel ! da liebte man nur Helden und herrliche Jungfrauen ! da wohnte die ewige Treue ! da gab es nur erhabene Schicksale ! da war der Schmerz immer in Wonne getaucht , das Herz in Liebe , der Tod in ich weiß nicht welche Glorie von süßer Auflösung - denn nur für den Geliebten oder auf ruhmvollen Schlachtfeldern oder am gebrochenen Herzen starb man . Das schien mir des Menschen würdig , und ich sehnte mich Menschen kennen zu lernen , welche dies Poëm realisirten . Daß ein Paar Millionen von den Tausend Millionen auf unserm Erdball ihm entsprechen würden , bezweifelte ich natürlich gar nicht , und so stieg eine flammende Sehnsucht in mir auf Menschen kennen zu lernen , d.h. ächte , nämlich erhabene Menschen . Alle die mich umgaben ließ ich kaum dafür gelten , meine Mutter ausgenommen - denn sie litt . Das Leid poëtisirte in meinen Augen den Leidenden . Auch andre Gegenden und Stellen der Erde wünschte ich zu sehen , namentlich Schottland , das vor meinem inneren Blicke lag - - und an Schottland grenzte England , und in England lebte Paul - der mich in das Wunderreich der Poesie eingeführt hatte ! - Eine leidenschaftliche Liebe für Musik erwachte gleichzeitig in mir . Da Ossian und Flora Mac-Ivor die Harfe spielten , so wurde sie mein Lieblingsinstrument , und so gering bis dahin meine Fortschritte auf dem Piano gewesen sein mogten , so glänzend waren sie auf der Harfe , und der gute Sedlaczech jubelte in seiner blinden Liebe für mich : er habe stets geahnt daß ein großes musikalisches Genie in mir stecke . Ich aber setzte mich an Sommerabenden mit der geliebten Harfe auf einen Hügel am Meer , und improvisirte trotz der durch die feuchte Luft verstimmten Saiten Gesänge à la Ossian - so daß Sedlaczech bald zu der Ueberzeugung kam daß auch der Dichtergenius sich in mir rege . In welcher jungen glühenden Seele regt er sich nicht ? Bei mir aber bewährte er sich nur darin , daß ich auf meine eigene Hand die Kinderspiele fortsetzte , welche ich einst mit Heinrich getrieben - nur , meinem vorgerückteren Alter gemäß , gingen sie jezt mehr in mir vor , waren schweigend , still und innerlich , und gewährten mir einen so intensiven Genuß , daß ich stundenlang unbeweglich auf einem Fleck , gleichviel wo ! sitzen und die Zeit und ihre Anfoderungen gänzlich vergessen konnte . Kam ich durch irgend eine äußere Berührung wieder zu mir selbst , so war mir als stiege ich von der Himmelsleiter auf die Erde herab , und ich eilte meine kleinen Obliegenheiten mit Liebe und Pünktlichkeit zu erfüllen um mich dann wieder mit ruhigem Gewissen in meine heißgeliebten Träume versenken zu können . Ich war sehr aufmerksam in den Lehrstunden , sehr sanft und freundlich für meine Umgebungen , beinah zärtlich und sehr fleißig für die Hülfsbedürftigen - denn während ich für die Wöchnerinnen Weißzeug und für kleine Mädchen Röcke und Schürzen nähte , ließ sich gar herrlich phantasiren , und dann that es meinem Herzchen wol auf irgend welche sichtbare Gegenstände ein kleines Bächlein vom Strom der Empfindungen abzulenken , welcher ohne Ufer , Ziel und Regel mein ganzes Wesen durchflutete . - Ach , ich hätte so glücklich in der Wirklichkeit sein können ! - allein ich versäumte es aus schmachtender Sehnsucht nach einem unbekannten Glück . Es war Ende März , ein bitterkalter aber windstiller Abend , wie wir ihn selten in unserm Norden und noch seltner in jener Jahrszeit haben . In kupferfarbenen fast versteinerten Wolken - so hart sahen sie aus ! - war die Sonne untergegangen . Die Krähen flogen mit schwerem Flügelschlag rauh krächzend über die weißen Schneefelder und sammelten sich zur Nacht auf den kahlen Eichen , die sich wie Riesen im schwarzen Harnisch gegen den glühenden Himmel abzeichneten . Hie und da zwitscherte eine arme kleine Goldammer gleichsam ein Stoßgebet nach dem zögernden Frühling . Auf den Meierhöfen bellten die Kettenhunde . Das schallte Alles so weit durch die klare Luft und über das stille Land . Ich lief Schlittschuh auf dem festgefrorenen Canal . Ich dachte ob in andern Welten vielleicht die Seelen ohne Leiber so ätherisch dahin gleiten könnten , ob der » Geist von Loda « so auf den Wolken gefahren wäre . Ich dachte an Heinrich mit dem ich in dieser Dämmerstunde immer Schlittschuh gelaufen war und ach ! mit welchem Jubel . Ich dachte daß er , wenn er lebte , jezt ein schöner Jüngling sein würde , so schön und vollkommen wie er zu werden versprach - daß ich alsdann nicht einsam zu sein und mit mir