die Flügel , und ich schieß ihn herunter , o nein , das stimmt nicht ! Eben kommt Dein Brief an , Deinen Kamm und die Kette hast Du wohl erhalten ? Ich hab sie an Mienchen geschickt in einer kleinen Schachtel , Clemens hat einen kleinen Brief beigeschlossen an Deine Schwester und ein paar Zeilen an Dich ; mein Zimmer gefällt mir wohl in seiner Unordnung , und ich gefall mir also auch wohl , da Du meinst , es stelle meinen Charakter vollkommen dar . Am liebsten ist mir , daß Du zur rechten Zeit kamst , um die Schmetterlinge zu befreien . Du kommst immer zur rechten Zeit , um meine Dummheiten gutzumachen . Den philosophischen Aufsatz , wie Du ihn zu nennen beliebst , schenk ich Dir , ich nenne ihn einen steifstelligen , verschnippelten , buchsbaumernen Zwerg , ein fataler grüner Würgengel von superklugem Gewälsch , ohne Sprach , ohne Musik , es sei denn das hölzerne Gelächter ; dem gleicht ' s ganz im Ton und Inhalt ; mach mich nicht närrisch , - ich will nichts mehr davon wissen . Dein apokalyptisch Fragment macht mich auch schwindlen ; bin ich zu unreif , oder was ist es , daß ich so fiebrig werd , und daß Deine Phantasien mich schmerzlich kränken . » Meine Gedanken wurden hierhin und dorthin getrieben wie eine Fackel vom Sturmwind , bis meine Erinnerung erlosch . « Warum schreibst Du mir so was ? - das sind mir bittere Gedanken ! Es macht mich unzufrieden und voll Bangigkeit , daß Du Deinen Geist in eine Unbewußtheit hineinversetzest . Ich weiß nicht , wie ich immer empfinde , als sei alles Leben inner mir und nichts außer mir , Du aber suchest in höheren Regionen nach Antwort auf Deine Sehnsucht , willst » mit Deinen Gespielinnen den Mond umwallen « , wo ich keine Möglichkeit mir denken kann mitzutanzen , willst » erlöst sein von den engen Schranken Deines Wesens « , und mein ganz Glück ist doch , daß Gott Dich in Deiner Eigentümlichkeit geschaffen hat ; - und dann sagst Du noch so was Trauriges : » Ich schien mir nicht mehr Ich und doch mehr als sonst Ich . « Meinst Du , damit wär mir gedient ? - » Meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden , mein Bewußtsein hatte sie überschritten , es war anders . « Mit dem allen ist mein Urteil gesprochen , mich quält Eifersucht , mir scheint Dein Denken außer den Kreisen zu schweifen , wo ich Dir begegne . Du bist herablassend , daß Du vor mir solche Dinge aussprichst , die ich nicht nachempfinden kann und auch nicht mag , weil sie unsern engen Lebenskreis überschreiten , in dem allein mir nur lieb denken ist . Straf mich nun mit Worten , wie Du willst , daß ich so dumm bin , aber der Eifersucht Brand tobt in mir , wenn Du mir nicht am Boden bleibst , wo auch ich bin . In diesem Fragment lese ich , daß Du nur im Vorübergehen mit mir bist , ich aber wollte immer mit Dir sein , jetzt und immer , und ungemischt mit andern ; erst hast Du geweint im Traum um mich , und nachher im Wachen vergißt Du alles Dasein mit mir , ich kann mir nichts denken als nur ein Leben , wie es gerad dicht vor mir liegt , mit Dir auf der Gartentreppe oder am Ofen , ich kann keine Fragmente schreiben , ich kann nur an Dich schreiben , aber innerlich weite Wege , große Aussicht , aber nicht dem Mond nachlaufen und im Tau vergehen und im Regenbogen verschwimmen . Zeit und Ewigkeit , das ist mir alles so weitläufig , da fürcht ich Dich aus den Augen zu verlieren , was ist mir » Ein unendliches Leben bleibend im Wandel « , jeder Augenblick , den ich leb ' , ist ganz Dein , und ich kann ' s auch gar nicht ändern , daß meine Sinne nur bloß auf Dich gerichtet sind , Du wirfst mich aus der Wiege , die Du auf dem großen Ozean schwimmend vor Dir hergetrieben hast , hinaus in die Wellen , weil Du in die Sonne fahren willst , unter die Sterne und im Meer zerrinnen . - Mir ist schwindelig , taumelig . - So ist einem , der vom Feuer verzehrt wird und kann doch kein Wasser dulden , das es lösche . Du verstehst mich nicht , und wenn Du noch so klug bist und alles verstehst , das Kind in Deine Brust geboren , das verstehst Du nicht . - Ich weiß wohl , wie mir ' s gehen wird mein ganzes Leben , ich weiß es wohl . Leb wohl . Bettine Heut haben wir den 19. Mai , am 7. Mai hat ' s zum erstenmal gedonnert in diesem Jahr , das wird gerad gewesen sein , wo Du das verdammte apokalyptische Fieber hattest . Noch vierzehn Tag bleiben wir , alles blüht , ein Abhang voll Kirschbäume , so dunkelrote Stämmchen , so jung wie unsereins , ich geh alle Morgen früh hinaus und such die Raupennester dort ab ; soviel ich hinanreichen kann , bieg ich die Zweige herab und brech die boshaften Raupennester heraus , sie sollen sich freuen dies Jahr , die Bäume , und nicht mit kahlen Häuptern dastehen vor dem Herbst . - Ich tu ' s auch , weil ich mich gegen Dich zusammennehmen will , hast Du Deine Regenbogenkränzchen und Deine Mondkoterien , wo Du übers Bewußtsein hinausspazierst und das Heimkehren vergißt , mit Deiner Haiden , mit Deiner Nees , mit Deiner Lotte Serviere Reigen im Sternennebel tanzest , so hab ich meine einsame Unterredungen mit den jungen Erbskeimen und mit den Mirabellen und Reineclauden und Kirschbäumen in der Blüte , und gestern war ich mit dem Gingerich drauß am Goldweiher , da haben wir eine Hütte gemacht