; nur Ausbesserung und der gröbste Stoff war ihm sein Leben lang unter die Hände geraten . Jetzt erblickte er ein Prachtkleid , von dem seine seligsten Träume nichts wußten , und dieses sollte er verwüsten ? Hermann sah nicht ohne Teilnahme dem Seelenkampfe dieses Männleins zu , dem ein feiner Rock zur höchsten Lebenserscheinung wurde . Endlich überwand sich der Meister , zeichnete in wilder Hast mit Kreide die Form auf dem Leibe ab , die Schere arbeitete , die Nadel flog , und bald war ein Frack fertig , wenn nicht von elegantem , doch von wohlgemeintem Schnitte . Hermann freute sich der Metamorphose , die so leicht vonstatten gegangen war . Schwieriger konnte es mit der Bezahlung werden , denn er hatte unterwegs für eine Kopfbedeckung seine Barschaft bis auf einen armseligen Rest ausgegeben . » Was sollen mir die Vorderblätter ? « sagte er . » Meister , die wären so etwas für Euch , wollt Ihr sie an Zahlungs Statt annehmen ? « - Der Meister war schon daran gewöhnt , von seinen Kunden in Naturalien , als Butter , Käse , Eiern u. dgl. bezahlt zu werden . Die Vorderblätter galten ihm weit mehr , als er fordern durfte , schon sah er sich im Geiste mit der Sonntagsweste aus dem Achttalertuche bekleidet ; er schlug freudig ein . Hermann klopfte ihm auf die spitzen Achseln und sagte : er sei recht geschickt gewesen . In so kurzer Zeit einen Frack zustande zu bringen , möchte nicht jedem gelingen . Dieses Lob stieg dem Schneiderchen ins Gehirn . Triumphierend rief er : » O , ich habe auch nicht immer geflickt ! Ich bin überhaupt nur durch Unglück hieher unter das dumme katholische Pack geraten . « Dann sich scheu umwendend , als fürchte er das Verhängnis einer großen Mitteilung , setzte er geheimnisvoll hinzu : » Ich habe schon einmal einen ganzen Rock gemacht ! Der Herr Pastor an meinem früheren Orte wollte sich verheiraten ; wie solche Herrn sind , sie haben kein Vertrauen zu unsereinem , er bestellte sich den Bräutigamsrock bei dem Modeschneider in der großen Stadt , den sie den Kleidermacher nennen . Mein Herr Kleidermacher ließ aber meinen Herrn Pastor sitzen . Der wollte zur Braut abreisen , kein Rock war da . Ich hörte von der Not und lief zu ihm . Er wird es nicht können , sagte er . Vertrauen Sie Gott , sagte ich . Ich ging nach der Stadt , kaufte Tuch , freilich nicht so fein , als das Ihrige , schneiderte Tag und Nacht , und siehe da ! der Rock wurde fertig , und der Herr Pastor sind darin getraut worden , und haben darin das heilige Abendmahl ausgeteilt , und tragen ihn noch zur Stunde , und ich bin doch nur ein lumpiger Flickschneider ! « Seine Augen glühten , er hatte sich auf die Fußspitzen gestellt , und drei Finger der rechten Hand vorn in das aufgeknöpfte Wams geschoben . So stand er , und der siegreiche Feldherr , der gegen Abend die Meldung von der letzten eroberten Schanze empfängt , kann nicht stolzer aussehn . Sechstes Kapitel Das Gespräch an der Tafel drehte sich um sittlich-anthropologische Fragen . » Wie kommt es nur « , sagte die Herzogin beim Dessert , » daß wir gleichgültiger gegen die Tugend als gegen die Höflichkeit sind ? Wenn man durch seinen Stand gezwungen ist , viele Menschen zu sehn , so muß man auch mitunter Leute empfangen , deren Handlungen sich keineswegs billigen lassen . Ich kann nun wohl sagen , daß mich die Nähe solcher Personen wenig verletzt ; unbefangen sehe ich sie kommen und gehn . Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung , wenn in meinem Kreise ein Verstoß gegen die Lebensart vorfällt . « » Das rührt daher , weil wir alle , auch die Besten unter uns , nie den Hang vollkommen ablegen , uns nach außen zu vergeuden , statt daß wir streben sollten , nur nach innen wahrhaft zu leben « , erwiderte der Kammerrat Wilhelmi . » Ich denke « , entgegnete die Herzogin , » man lebt in jedem Augenblicke zugleich nach innen und nach außen . Übrigens bitte ich Sie , mich nicht einer schlaffen Moral anzuklagen . Alles , was ich sagte , bezieht sich nur auf die gewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenkünfte , und wenn jene zweideutigen Figuren mich irgendwo im Heiligtume meiner Verhältnisse berühren , so machen sie mir auch Kummer genug . « » Darin liegt die Antwort auf deine Frage « , versetzte ihr Gemahl . » Das Leben besteht , wo es nicht Geschäft ist , meistenteils aus Repräsentation . Unsittlichkeiten drängen sich uns nicht vor das Auge , wohl aber Roheit , Ungeschick . Was gehn uns also jene an , da wir niemandes Richter sind ? « Hier nahm Hermann das Wort , und sprach : » Vielleicht fordert keine Zeit mehr zur Beobachtung äußerer Sitte auf , als die unsrige . Alle Gegensätze sind bloßgelegt , wo irgend Menschen zusammenkommen , bringen sie die widersprechendsten Gefühle und Überzeugungen in betreff der wichtigsten Dinge mit . Politik , Religion , das Ästhetische , ja selbst , was im Privatleben erlaubt sei ? alles ward zum Gegenstande des Zwiespalts . Wie kann man sich aber mit Behagen nebeneinander sehn , wenn nicht wenigstens auf der Oberfläche die in der Tiefe zürnenden Geister beherrscht werden , wenn nicht die strengste Regel der Konvenienz , welche jedem Kunstwerke notwendig ist , waltet ? Und die gute Gesellschaft ist doch , wie man mit Recht gesagt hat , eine Art von Kunstwerk , oder sollte wenigstens eins sein . « » Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten « , sagte der Herzog . » Ich lade auch nie zwei zu gleicher Zeit ein . Denn ich bin dann nicht sicher , daß die Herrn über einen alten römischen König , oder eine Sprache , von der