herausgelockt haben . Da kam die zweite Saison . Bärbel stand an der Gartentür der beiden Indien . Ein großer Reisewagen , turmhoch bepackt , mit sechs Pferden bespannt , glitt am Hemmschuh bedächtig die Höhe herab . Vorn und rückwärts Bediente , Kammerzofen , Bologneser Hunde , ein Papagei , ein Geschwätz und Gekrächz , das eine ganz neue Welt in das alte Schwalbach zu bringen schien . Bärbel stand auf den Zehen , blickte in den offenen Schlag und stieß einen entsetzlichen Schrei aus . Sie hatte die untreue Herablassung gesehen , wie sie die Hand eines jungen reizenden Weibes küßte . Es war des jungen Paares erste Badereise , gleich nach der Hochzeit . Das sahe auch Bärbel sogleich ein , nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war , denn noch war sie nicht närrisch ; aber sie wurde es ; schon durch die Ungewißheit , das Herumlaufen , Fragen , Erkundigen , Abgewiesenwerden durch impertinente Bedienten , durch die Scham , den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen und ihm nicht zu Füßen fallen zu dürfen . Sie war den Winter über ganz still . Mit dem Frühjahr wurde sie unruhig , holte immer tiefere Seufzer , schüttelte viel den Kopf , und nun steht sie seit dem ersten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den beiden Indien und muß immer mehr erkranken , schon am Sonnenstich . Sie sieht in jede Kutsche und schämt sich , wenn man ihr Geld zuwirft . Sie ist für alle Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Honig ausgefüllte Stock , um die wilden Almosenbienen zu fangen . Sie ist die unschuldige Heilige , die stumm für sie alle bittet und nichts davon hat als immer tiefern Wahnsinn . « » Oh , ich bitte Sie , erzählen Sie Geschichten , die sich runden und einen Schluß haben ! « fiel Wally ein mit der ganzen Fühllosigkeit , die sie allein schon charakterisieren würde , wenn sie dieselbe nicht mit allen Frauen gemein hätte , wo es sich um die Herzensleiden irgendeiner ihrer Schwestern handelt . Sie sind dabei alle kalt , eine gegen die andere . » Den Schluß müssen wir abwarten « , sagte Cäsar , erschrocken über Wallys Phlegma . Er hätte sie aufgegeben , wenn sie als Phänomen nicht seine Neugier reizte . Auch würde er sich Vorwürfe gemacht haben , Wally nachgereist zu sein , wäre diese Mühe vergebens gewesen . Er dachte in der Tat daran , bei ihr zu irgendeinem Ziele zu gelangen . 8 Nach einiger Zeit teilten sich die Wolken über dem Tale . Es war möglich , ins Freie zu treten . Cäsar und Wally stiegen die Straße nach Ems hinauf . An der Türe der beiden Indien stand das stille Bärbel und betrachtete sie beide mit einem wehmütig-rührenden Blicke . Wally blieb kalt dabei ; er konnte das nicht begreifen . » Ich will Ihnen , Wally « , sagte er , » eine andre Geschichte erzählen , die sich in unsrer Nähe begibt und in der Tat schon eine Art Schluß hat . Glauben Sie nicht , daß ich die Demokratie so weit treibe und auf Entdeckungen in den Hütten ausgehe . Die Schwalbacher bilden sich ein , ihre Gäste unterhalten zu müssen , und so erfuhr ich etwas , was würdig gewesen wäre , von Hoffmann bearbeitet zu werden . Sie kennen die nassauischen Soldaten , Wally ! Sie haben über Brust und Schulter gelbe Bandeliere , was für ein preußisches Auge kurios läßt . Die Artillerie ist schöner , aber hören Sie von einem Tambour bei jener Infanterie . Der junge Mensch stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente gewesen sein . Niemand in der nassauischen Armee schlug wie er die Reveille mit solcher Fertigkeit . Seine Wirbel sollen den Turbillons geglichen haben , welche bei Feuerwerken aufsteigen , nur daß er imstande war , eine Viertelstunde lang die Schlägel in dieser tremulanten Bewegung zu erhalten . Namentlich aber gelang ihm jenes hübsche Stakkato auf der Trommel , das mit Wirbeln untermischt die Erschütterung des Kalbfells plötzlich hemmt und einen ganz abbrechenden Ton , einen Ton ohne alles Echo hervorbringen muß . Sie sehen , welch einen Schatz das Haus Nassau an diesem Tambour hatte . Unglücklicherweise verliebte sich aber der militärische Künstler , und in ein Mädchen , das zwar den Wert der Armee zu schätzen wußte , auch den der Musik , aber einem Trompeter von der Artillerie schon den Vorzug gegeben hatte . Hier mußte eine Rivalität eintreten , welche der Liebe ebensosehr galt wie der Kunst . Der Tambour verzweifelte nicht ; indessen war er zu bescheiden . Er fühlte , wie sein Instrument , diese monotone Rhythmik , hinter der Trompete zurückstand . Sein Gegenstand war die Tochter eines Wiesbader Bürgers , eines Mannes , den man durch Auszeichnungen ehren konnte . Und wie zeichnete ihn der Trompeter aus ! Wenn er des Abends in des gehofften Schwiegervaters Gärtchen saß , siehe , dann setzte er das silberne Mundstück an die glänzende Trompete und blies den Parademarsch Frisch auf , Kameraden ! , alle Walzer , von denen des Kursaals an bis zu dem Zweitritt der Kirchweih . Das erfreute die Herzen dieser Menschen . Die Nachbarn sammelten sich : sie lauschten , sie klopften an die Gartentür , sie kamen herein und tanzten auf dem grünen Rasen . Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend die Nachtkappe zu lüften und war unbeschreiblich geehrt . Und wenn der Trompeter mit seinen lustigen Stücken Feierabend machte und sie alle aus dem Gärtchen mußten , um in der Finsternis die Beete nicht zu verderben , dann blieb er mit der Tochter noch allein und blies ihr Arien der Schwärmerei vor , Schöne Minka , Mich fliehen alle Freuden , mit sterbenden , gedämpften und wie durch Zugwind gehauchten Tönen , bis alles still wurde . Der Tambour hörte diese Szenen täglich und verging vor Wehmut .