Ideal , das ihre stille Fantasie mit den herrlichsten Eigenschaften zu schmücken wußte . Es verschönte , im Wachen wie im Schlummer ihren Traum , es lieh der ihr ganz unbekannten Welt einen zauberischen Glanz und lehrte dem einsamen Mädchen mitten im Zwange seiner verarmten Jugend , alles Entzücken der ungemessensten Aufopferung , der zartesten Anhänglichkeit , ja die ganze unendliche Seeligkeit zweier , Liebe um Liebe hingebender Wesen vorahnend empfinden . Als Angelika ihr sechzehntes Jahr erreicht hatte , entschloß sich ihr Vormund , sie selbst aus Angouleme abzuholen , um sie nach dem nördlichen Deutschland , in das Haus eines nahen Verwandten ihres verstorbenen Vaters zu geleiten , der es endlich für gut gefunden hatte , der Existenz seiner Nichte sich zu erinnern . In der Familie desselben sollte sie denn noch ein Jahr lang verweilen , um deutsche Sprache und Sitte zu lernen , ehe sie eine Hofdamenstelle bei einer einsam lebenden verwittweten Fürstin anträte , zu welcher ihre Verwandten ihr indessen die Anwartschaft zu verschaffen bemüht gewesen waren . Angelika zitterte vor banger Freude als sie das Haus betrat , in welchem sie zum erstenmal in ihrem Leben Personen finden sollte , die ihren Namen trugen , und an deren Theilnahme sie Anspruch zu haben glaubte . Sie war so fest entschlossen , sie innigst zu lieben ; doch auch hier kam gleich beim Empfange ihrem , von heisser Sehnsucht erfüllten Gemüthe , die kälteste Berechnung steifer Förmlichkeiten entgegen , so daß sie davor zusammenschrack , wie die Sensitive wenn der kalte Hauch des Nordwindes über sie hinfährt . Angelika empfand gleich in der ersten Stunde , welche sie unter ihren Verwandten verlebte , daß sie durch Sprache und Anstand , sogar durch ihre Kleidung ihnen höchstens ein Gegenstand der Duldung , doch nie der Liebe werden könne . Sie stand mitten unter ihnen wie eine Fremde , denn sie schien durch diese Aeusserlichkeiten einem Volke anzugehören , gegen dessen , alles zertretenden Uebermuth gerade in jenem Momente sich jedes deutsche Herz empörte , jeder waffenfähige Arm sich erhob . Indessen war Angelika trotz dem äussern Scheine , den man ihr ohne ihr Zuthun aufgedrungen hatte , dennoch sehr weit davon entfernt , Frankreich zu lieben , von dem sie nichts weiter kannte , als die alte düstre Stadt , und in dieser das Haus , wo sie ihre erste Jugendzeit in trübseeliger Beschränktheit hingeschmachtet hatte . Denn alles übrige war ihr sogar bis auf den Namen davon fremd geblieben . Sie hatte immer mit heisser Sehnsucht , diesem Grundtone ihres Daseins , an ihrem Vaterlande festgehalten , dessen Bild ihr noch aus ihren Kinderjahren vorschwebte , verherrlicht durch jenen Zauberglanz , mit welchem Entfernung und Entbehren jeden Gegenstand schmücken . Sie war sogar heimlich bemüht gewesen , ihre Muttersprache nicht ganz zu vergessen , und hatte , gleich einem werthen Heiligthume , ein paar kleine Kinderbüchelchen sorgfältig aufbewahrt , die sie aus ihrer Geburtsstadt mit sich nach Frankreich gebracht . So lange sie in dem Erziehungsinstitute war , las sie in mancher einsamen Viertelstunde sich selbst aus diesen Büchern laut vor , um nur die süssen vaterländischen Töne zu hören , und sezte dieses sogar dann noch fort , als der Inhalt ihrer ärmlichen Bibliothek ihrem höher entwickelten Geiste schon längst nicht mehr zusagen konnte . So vorbereitet war es ihr nicht schwer , ihrer Muttersprache bald wieder ganz mächtig zu werden . Das ihr bis jezt unbekannte Familienleben im Hause ihrer Verwandten , die herzlichere Sitte ihres Volkes , der Genuß der Natur in einer schönen Gegend , den sie seit ihrer ersten Kindheit entbehren mußte , alles dieses vereint , machte ihr Vaterland ihr unendlich theuer , aber sie mußte es auch lieben wie sie es liebte , um mit ihrem sanften weichen Gemüthe das Gefühl des Nazionalhasses zu ertragen , welches damals , unzertrennlich von der Vaterlandsliebe , neben dieser herzog , und sich in allen ihren Umgebungen auf das deutlichste aussprach . Angelikas Rückkehr ins Vaterland fiel in jene unvergesliche Zeit , in der ein neu erwachter Heldengeist jede deutsche Brust beseelte . Ein frischer Jugendhauch wehte durch die neu belebte Welt , die so lange unter dem Druck eines Einzigen geseufzet hatte ; jedes Herz klopfte in frommer Hoffnung und von allen Seiten eilte Deutschlands streitbare Jugend herbei , und fand bei der gastlichsten Aufnahme in jedem Hause die eben verlassne Heimath wieder . Auf diese Weise kam auch Ferdinand von Klarenau in das Haus des Barons Sternwald , - so hies Angelikas Oheim , bei welchem diese jezt lebte , - und in dem einzigen Wesen , das ihr jemals beim ersten Anblicke liebend und vertrauend entgegengetreten war , glaubte das sehnsuchtsvolle Gemüth des so lange vereinsamten Mädchens jezt das Urbild ihres Jugendideals gefunden zu haben . Alles zeigte sich ihr von nun an in verschönerndem Lichte , und die Welt erblühte ihr in nie gesehener Pracht an Ferdinands Hand , denn er war Jüngling , Dichter , und Krieger für Vaterland und Recht . Der freudige Enthusiasmus , der ihn beseelte , theilte auch ihr sich mit ; ihr Leben schien ihr jezt erst zu beginnen , und jeder ihrer Athemzüge war ein stilles Dankgebet für die unendliche Seeligkeit , welche ihr , der Freude ungewohntes Herz kaum zu tragen vermochte . Da auch die äussern Verhältnisse die Liebenden begünstigten , so schied Ferdinand aus der geliebten Nähe seiner Angelika als ihr , von ihren Verwandten anerkannter , verlobter Bräutigam . Bei seiner Zurückkunft aus dem Felde sollte ihre Hand den Lohn der Tapferkeit ihm reichen , und die hohe , schöne Siegeshoffnung , die aus seinen Augen ihr entgegen stralte , erhob auch sie über den Schmerz der Scheidestunde , und führte diese linde und leise an Beiden vorüber . Ferdinand gieng nun für die Geliebte zu streiten , Angelika blieb , um für ihn zu beten . Als er gieng , kam kein Gedanke daran in das Herz der Armen , daß er gegangen sein könne