sich von ihr in das bessere Zimmer leiten ließ . Sie schlossen sich ein , und ich stand bei meinem Esel vor der Tür , wie einer , der kostbare Waren abgeladen hat und wieder ein ebenso armer Treiber ist als vorher . « Der Lilienstengel » Ich zauderte noch , mich zu entfernen , denn ich war unschlüssig , was ich tun sollte , als Frau Elisabeth unter die Türe trat und mich ersuchte , meine Mutter zu ihr zu berufen , alsdann umherzugehen und wo möglich von dem Manne Nachricht zu geben . Marie läßt Euch gar sehr darum ersuchen , sagte sie . - Kann ich sie nicht noch einmal selbst sprechen ? versetzte ich . - Das geht nicht an , sagte Frau Elisabeth , und wir trennten uns . In kurzer Zeit erreichte ich unsere Wohnung ; meine Mutter war bereit , noch diesen Abend hinabzugehen und der jungen Fremden hülfreich zu sein . Ich eilte nach dem Lande hinunter und hoffte , bei dem Amtmann die sichersten Nachrichten zu erhalten . Allein er war noch selbst in Ungewißheit , und weil er mich kannte , hieß er mich die Nacht bei ihm verweilen . Sie ward mir unendlich lang , und immer hatte ich die schöne Gestalt vor Augen , wie sie auf dem Tiere schwankte und so schmerzhaft freundlich zu mir heruntersah . Jeden Augenblick hofft ' ich auf Nachricht . Ich gönnte und wünschte dem guten Ehemann das Leben , und doch mochte ich sie mir so gern als Witwe denken . Das streifende Kommando fand sich nach und nach zusammen , und nach mancherlei abwechselnden Gerüchten zeigte sich endlich die Gewißheit , daß der Wagen gerettet , der unglückliche Gatte aber an seinen Wunden in dem benachbarten Dorfe gestorben sei . Auch vernahm ich , daß nach der früheren Abrede einige gegangen waren , diese Trauerbotschaft der Frau Elisabeth zu verkündigen . Also hatte ich dort nichts mehr zu tun noch zu leisten , und doch trieb mich eine unendliche Ungeduld , ein unermeßliches Verlangen durch Berg und Wald wieder vor ihre Türe . Es war Nacht , das Haus verschlossen , ich sah Licht in den Zimmern , ich sah Schatten sich an den Vorhängen bewegen , und so saß ich gegenüber auf einer Bank , immer im Begriff anzuklopfen und immer von mancherlei Betrachtungen zurückgehalten . Jedoch was erzähl ' ich umständlich weiter , was eigentlich kein Interesse hat . Genug , auch am folgenden Morgen nahm man mich nicht ins Haus auf . Man wußte die traurige Nachricht , man bedurfte meiner nicht mehr ; man schickte mich zu meinem Vater , an meine Arbeit ; man antwortete nicht auf meine Fragen ; man wollte mich los sein . Acht Tage hatte man es so mit mir getrieben , als mich endlich Frau Elisabeth hereinrief . Tretet sachte auf , mein Freund , sagte sie , aber kommt getrost näher ! Sie führte mich in ein reinliches Zimmer , wo ich in der Ecke durch halbgeöffnete Bettvorhänge meine Schöne aufrecht sitzen sah . Frau Elisabeth trat zu ihr , gleichsam um mich zu melden , hub etwas vom Bette auf und brachte mir ' s entgegen : in das weißeste Zeug gewickelt den schönsten Knaben . Frau Elisabeth hielt ihn gerade zwischen mich und die Mutter , und auf der Stelle fiel mir der Lilienstengel ein , der sich auf dem Bilde zwischen Maria und Joseph als Zeuge eines reinen Verhältnisses aus der Erde hebt . Von dem Augenblicke an war mir aller Druck vom Herzen genommen ; ich war meiner Sache , ich war meines Glücks gewiß . Ich konnte mit Freiheit zu ihr treten , mit ihr sprechen , ihr himmlisches Auge ertragen , den Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Kuß auf die Stirn drücken . Wie danke ich Euch für Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde ! sagte die Mutter . - Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus : Es ist keine Waise mehr , wenn Ihr wollt ! Frau Elisabeth , klüger als ich , nahm mir das Kind ab und wußte mich zu entfernen . Noch immer dient mir das Andenken jener Zeit zur glücklichsten Unterhaltung , wenn ich unsere Berge und Täler zu durchwandern genötigt bin . Noch weiß ich mir den kleinsten Umstand zurückzurufen , womit ich Euch jedoch , wie billig , verschone . Wochen gingen vorüber ; Maria hatte sich erholt , ich konnte sie öfter sehen , mein Umgang mit ihr war eine Folge von Diensten und Aufmerksamkeiten . Ihre Familienverhältnisse erlaubten ihr einen Wohnort nach Belieben . Erst verweilte sie bei Frau Elisabeth ; dann besuchte sie uns , meiner Mutter und mir für so vielen und freundlichen Beistand zu danken . Sie gefiel sich bei uns , und ich schmeichelte mir , es geschehe zum Teil um meinetwillen . Was ich jedoch so gern gesagt hätte und nicht zu sagen wagte , kam auf eine sonderbare und liebliche Weise zur Sprache , als ich sie in die Kapelle führte , die ich schon damals zu einem wohnbaren Saal umgeschaffen hatte . Ich zeigte und erklärte ihr die Bilder , eins nach dem andern , und entwickelte dabei die Pflichten eines Pflegevaters auf eine so lebendige und herzliche Weise , daß ihr die Tränen in die Augen traten und ich mit meiner Bilderdeutung nicht zu Ende kommen konnte . Ich glaubte ihrer Neigung gewiß zu sein , ob ich gleich nicht stolz genug war , das Andenken ihres Mannes so schnell auslöschen zu wollen . Das Gesetz verpflichtet die Witwen zu einem Trauerjahre , und gewiß ist eine solche Epoche , die den Wechsel aller irdischen Dinge in sich begreift , einem fühlenden Herzen nötig , um die schmerzlichen Eindrücke eines großen Verlustes zu mildern . Man sieht die Blumen welken und die Blätter fallen , aber man sieht auch Früchte reifen und neue Knospen keimen . Das Leben gehört den Lebendigen an