den Oswald erblickte , reichte ihm die Hand zitternd , lächelte ihn holdselig an , und ihre Augen glänzten von Thränen . » Warum weinest du Elsbeth ? « fragte Oswald erschrocken . Elsbeth wischte sich schnell die Augen , lächelte noch freundlicher und sagte , indem sie den Kopf schüttelte : » Heute sag ' ich dir ' s nicht , lieber Oswald , du sollst es schon einmal erfahren . « - Sie schien ihm schöner und zärtlicher , als er sie je gesehen . Aber wie viel er auch fragen mochte , er erfuhr nicht , warum sie geweint habe . Darauf fragte ihn Elsbeth : » Du aber bist in der Hauptstadt gewesen . Gelt , da hast du dir ein paar lustige Tage gemacht , wohl gar mit den schönen Stadtjungfern getanzt ? Wie ? - Oswald , du seufzest ? Ei , ei , Oswald , das will mir nicht gefallen . Nun hast du Heimweh zur Stadt , und in unserm armen Dörflein ist es dir nicht mehr schön genug . « So sprach sie , und er schlug traurig die Augen nieder , ohne zu antworten . Da trat sie näher , nahm seine Hand in die ihrige , und sagte wieder , mit einer zitternden Stimme , die man kaum hörte : » Oswald , lieber Oswald , was fehlt dir ! Sage mir auch ehrlich : was quält dich ? « » Kind ! « rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf : » Gott weiß es , ich könnte glücklich sein , und ich bin es , und in der Welt nirgends mehr , als bei dir , denn du bist herzgut . Aber mich jammern die Menschen , denn ich kenne ihrer so viele , und die meisten sind herzschlecht . Sieh nur an das Elend der Leute in unserm armen Goldenthal . Es würde doch so wenig kosten , sie wieder zu erretten . Aber man macht die armen Leute , Gott erbarm ' s , zum Vieh , und den hartherzigen Reichen ist das eben recht . Die Ortsvorsteher haben ihre Stellen nur , um ihren Hochmuth zu kitzeln , und gewaltig zu sein , und sich allerlei Vortheil zu machen . Sie betrügen die Waisen , und plündern die Wittwen , und haben kein Gefühl und kein Gewissen . So wird es im Dorfe immer schlechter , die Noth der meisten Haushaltungen immer größer , und Keiner hilft . Wir haben eine Regierung - Gott sei ' s geklagt ! Die Herren wollen nur regieren , um zu stolziren und sich Vortheile zu machen ; aber des Volkes Noth aus dem Grunde zu heilen , das hält Keiner für seine Pflicht und Schuldigkeit . Es ist bei Allen nur auf Großthuerei , Lustbarkeit und Geld abgesehen . Da wollen sie nur ihre Familien bereichern , ihren Söhnen und Vettern aufhelfen ; da wäscht eine Hand die andere , da hackt ein Rabe dem andern die Augen nicht aus , und das Land wird immer elender ; und das kümmert die Herren nicht . Sie lassen sich noch dazu für ihre Weisheit und große Gnade loben , so niederträchtig und schamlos sind sie . « Elsbeth sagte : » Ach , Oswald , herzlieber Oswald , warum grämt dich doch das ? Es ist ein gerechter Gott im Himmel , der wird die richten , die ihre Pflichten verachten . Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes . Warum grämst du dich doch ? « Oswald sagte : » Kann mir denn wohl sein in der Hölle , wo ich die Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll ? So kann mir auch nicht wohl sein auf Erden , wo ich die Schändlichkeit der Herren in den Städten , und die Schändlichkeit unserer groben , stolzen Dorfkönige sehe , die das arme Volk noch tiefer in den Koth und Staub niedertreten , statt es hervorzuziehen , wie ihre Schuldigkeit wäre . Wenn dann die Unglücklichen aus Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden , betrügen und stehlen oder gar morden , läßt man sie recht rührend und feierlich hinrichten ; oder wenn sie sich aus ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen , lacht man recht vornehm dazu . Ist das nicht ein Vorspiel der Hölle ? Und sind nicht unsere meisten Goldenthaler durch ihre Armuth fast dem Vieh gleich geworden , roh , ekelhaft , grob , unreinlich , gefühllos ? Und sind sie nicht durch die Laster der Armuth noch schlechter als das Vieh geworden , nämlich zänkisch , schlägerisch , verleumderisch , schadenfroh , diebisch , träg , nur aufgelegt zum Fressen und Saufen ? « Elsbeth sagte : » Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon . Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirth und zu nahe an den Weiher , stürzte ins Wasser und ertrank . Gestern Morgens fand man ihn . Heut ist er begraben . Zum Glück hat er nicht Weib noch Kind . « Diese Nachricht hörte Oswald nicht ohne Bestürzung . Er fragte noch dies und das . Er schien etwas Wichtiges zu überlegen , und ging gedankenvoll nach Hause . Elsbeth begriff nicht , was ihm so plötzlich durch den Kopf geflogen war . Aber sie erfuhr es am nächsten Sonntag . Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen , weil es um die Erwählung eines neuen Schulmeisters zu thun war . Oswald ging auch an die Gemeinde . Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Töchtern . Sie hatte große Angst , daß Oswald reden werde , was den Leuten mißfallen könnte , und darum ihren Vater gebeten , den Oswald , wenn er aufbrause , zu besänftigen . Auch kam der Müller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite . Der erste Vorsteher , Herr Brenzel , eröffnete der Gemeinde , um was es zu thun sei , und sagte : »