Klosterleben erwählen werde . Am Medardustage sei ihr der alte Pilgersmann aus der heiligen Linde erschienen und habe mich im Ordenskleide der Kapuziner an der Hand geführt . Auch die Fürstin war mit meinem Vorhaben ganz einverstanden . Beide sah ich noch einmal vor meiner Einkleidung , welche , da mir , meinem innigsten Wunsche gemäß , die Hälfte des Noviziats erlassen wurde , sehr bald erfolgte . Ich nahm auf Veranlassung der Vision meiner Mutter den Klosternamen Medardus an . - Das Verhältnis der Brüder untereinander , die innere Einrichtung rücksichts der Andachtsübungen und der ganzen Lebensweise im Kloster bewährte sich ganz in der Art , wie sie mir bei dem ersten Blick erschienen . Die gemütliche Ruhe , die in allem herrschte , goß den himmlischen Frieden in meine Seele , wie er mich , gleich einem seligen Traum aus der ersten Zeit meiner frühsten Kinderjahre im Kloster der heiligen Linde umschwebte . Während des feierlichen Akts meiner Einkleidung erblickte ich unter den Zuschauern des Konzertmeisters Schwester ; sie sah ganz schwermütig aus , und ich glaubte Tränen in ihren Augen zu erblicken , aber vorüber war die Zeit der Versuchung , und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den so leicht erfochtenen Sieg , der mir das Lächeln abnötigte , welches der an meiner Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte . » Worüber erfreuest du dich so , mein Bruder ? « frug Cyrillus . » Soll ich denn nicht froh sein , wenn ich der schnöden Welt und ihrem Tand entsage ? « antwortete ich , aber nicht zu leugnen ist es , daß , indem ich diese Worte sprach , ein unheimliches Gefühl , plötzlich das Innerste durchbebend , mich Lügen strafte . - Doch dies war die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht , nach der jene Ruhe des Geistes eintrat . Wäre sie nimmer von mir gewichen , aber die Macht des Feindes ist groß ! - Wer mag der Stärke seiner Waffen , wer mag seiner Wachsamkeit vertrauen , wenn die unterirdischen Mächte lauern ? - Schon fünf Jahre war ich im Kloster , als nach der Verordnung des Priors mir der Bruder Cyrillus , der alt und schwach worden , die Aufsicht über die reiche Reliquienkammer des Klosters übergeben sollte . Da befanden sich allerlei Knochen von Heiligen , Späne aus dem Kreuze des Erlösers und andere Heiligtümer , die in saubern Glasschränken aufbewahrt und an gewissen Tagen dem Volk zur Erbauung ausgestellt wurden . Der Bruder Cyrillus machte mich mit jedem Stücke sowie mit den Dokumenten , die über ihre Echtheit und über die Wunder , welche sie bewirkt , vorhanden , bekannt . Er stand rücksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an der Seite , und um so weniger trug ich Bedenken , das zu äußern , was sich gewaltsam aus meinem Innern hervordrängte . » Sollten denn , lieber Bruder Cyrillus , « sagte ich , » alle diese Dinge gewiß und wahrhaftig das sein , wofür man sie ausgibt ? - Sollte auch hier nicht die betrügerische Habsucht manches untergeschoben haben , was nun als wahre Reliquie dieses oder jenes Heiligen gilt ? So z.B. besitzt irgend ein Kloster das ganze Kreuz unsers Erlösers , und doch zeigt man überall wieder so viel Späne davon , daß , wie jemand von uns selbst , freilich in freveligem Spott , behauptete , unser Kloster ein ganzes Jahr hindurch damit geheizt werden könnte . « - » Es geziemt uns wohl eigentlich nicht , « erwiderte der Bruder Cyrillus , » diese Dinge einer solchen Untersuchung zu unterziehen , allein offenherzig gestanden , bin ich der Meinung , daß , der darüber sprechenden Dokumente unerachtet , wohl wenige dieser Dinge das sein dürften , wofür man sie ausgibt . Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen . Merke wohl auf , lieber Bruder Medardus , wie ich und unser Prior darüber denken , und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken . Ist es nicht herrlich , lieber Bruder Medardus , daß unsere Kirche darnach trachtet , jene geheimnisvollen Fäden zu erfassen , die das Sinnliche mit dem Übersinnlichen verknüpfen , ja unseren zum irdischen Leben und Sein gediehenen Organism so anzuregen , daß sein Ursprung aus dem höhern geistigen Prinzip , ja seine innige Verwandtschaft mit dem wunderbaren Wesen , dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur durchdringt , klar hervortritt und uns die Ahndung eines höheren Lebens , dessen Keim wir in uns tragen , wie mit Seraphsfittichen umweht . - Was ist jenes Stückchen Holz - jenes Knöchlein , jenes Läppchen - man sagt , aus dem Kreuz Christi sei es gehauen , dem Körper - dem Gewande eines Heiligen entnommen ; aber den Gläubigen , der , ohne zu grübeln , sein ganzes Gemüt darauf richtet , erfüllt bald jene überirdische Begeisterung , die ihm das Reich der Seligkeit erschließt , das er hienieden nur geahnet ; und so wird der geistige Einfluß des Heiligen , dessen auch nur angebliche Reliquie den Impuls gab , erweckt , und der Mensch vermag Stärke und Kraft im Glauben von dem höheren Geiste zu empfangen , den er im Innersten des Gemüts um Trost und Beistand anrief . Ja , diese in ihm erweckte höhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Körpers zu überwinden vermögen , und daher kommt es , daß diese Reliquien jene Mirakel bewirken , die , da sie so oft vor den Augen des versammelten Volks geschehen , wohl nicht geleugnet werden können . « - Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors , die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten , und betrachtete nun die Reliquien , die mir sonst nur als religiöse Spielerei erschienen , mit wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht . Dem Bruder Cyrillus entging diese Wirkung seiner Rede nicht , und er fuhr nun fort , mit größerem Eifer und mit recht zum Gemüte sprechender Innigkeit mir die Sammlung Stück vor Stück zu erklären .