und wußte , daß es nie gefährlich ward ; allein jetzt traf diese Nachricht ihre vom Schlaf befangnen Sinne so unerwartet , daß sie lange wie betäubt vor sich hinsah , und nicht den Muth hatte , ihr dumpfes Gefühl zu befragen . Gleich , gleich , rief sie , halb träumend , Marianen zu , und schlich sich , von innrer Angst gelähmt , an Mathildens Thür . Hier war alles still ; sie trat leise hinein an das Bett der Kranken , die grünseidnen Vorhänge waren zugezogen , sie konnte nichts sehen , hörte indeß schnell und hohl athmen . Mit zitternder Hand theilte sie ein wenig die Gardine , und sah die geliebte Mutter mit zurückgebognem Kopf und halboffnen Augen im ängstigendsten Fieberschlaf daliegen . Luise beugte sich über sie hin und bemerkte mit Entsetzen ein innres Zucken der Nerven , das wie ein Blitz über das Gesicht hinfuhr . Zum erstenmal in ihrem Leben traten die Schrecken des Todes vor sie hin , zum erstenmal fühlte sie deutlich , daß das treueste , liebevollste Herz sich von dem ihren losreißen werde . Sie stürzte , halb bewußtlos , aus dem Zimmer und rief wiederholt : den Arzt , um Gotteswillen den Arzt . Man traf alle Anstalten ; allein die nächste Stadt war über zwei Meilen . Der Doktor , oft verreist , kam erst am andern Morgen , nachdem Luise die Nacht unter den heftigsten Qualen an Mathildens Bett zugebracht hatte . Es war ein kleiner , wohlbeleibter Mann ; voller Kenntniß , allein unaufhörlich mit sich selbst beschäftigt , so lange die dringendste Noth nicht seine ungetheilte Aufmerksamkeit forderte . Daher unterhielt er Luisen zuerst mit vielen Worten von seinem eignen Uebelbefinden in den letztern Tagen , und trat ganz sorglos zu der Kranken , die , sich etwas ermunternd , voll Theilnahme auf seine Klagen hörte . Luise hatte indeß die Vorhänge aufgezogen und bemühte sich , in des Doktors Zügen irgend ein entscheidendes Urtheil zu lesen . Dieser hielt Mathildens brennende Hand in der seinen , ward immer ernster , und sagte endlich , durch die ungeahndete Gefahr hingerissen : Mein Gott , der Puls intermittirt ! Was heißt das ? fragte die Kranke ruhig . Unregelmäßigkeit in der Cirkulation des Blutes , erwiederte er , sich fassend ; ich hoffe , es hat nichts zu bedeuten . Er trat in ein Nebenzimmer , wohin ihm Luise sogleich folgte . Was heißt es , lieber Doktor , rief sie mit bebender Stimme , um Gottes willen , was heißt es ? Gefahr , liebes Kind , erwiederte er bewegt , große Gefahr . Ach retten Sie ! schluchzte sie , ihn mit beiden Armen umschlingend . Das vermag Gott allein , erwiederte er ; thun will ich , was ich kann , das Uebrige muß man erwarten . Erwarten - dachte Luise ; wer hat hier Muth und Besonnenheit , auf eine langsame Wirkung der angewandten Mittel zu hoffen ! Das Schrecklichste sieht mir ganz nahe , ich muß es weggeräumt wissen , oder erliegen ! Sie konnte von da an nur Augenblicke an Mathildens Bett zubringen . Ihr ganzes Innre war zu gewaltig aufgereizt , um irgend eine Fassung zu gewinnen . Still weinend kniete sie hinter einem Schirm , der ihr indeß nicht die leiseste Bewegung im Zimmer entzog . Oft konnte sie es auch da nicht aushalten ; sie schlich leise zu der Kranken und harrte mit zurückgehaltnem Athem auf jede ihrer Bewegungen . Mathilde reichte ihr dann , wehmüthig lächelnd , die Hand , und Beide wandten das Gesicht ab , um die hervorbrechende Thränen zu verbergen . So schlichen die Stunden langsam hin ; niemand wagte seine innre Angst auszusprechen . Jeder ahndete und schob dennoch die Gewißheit des nahen Unglücks schaudernd zurück . Gegen Abend bemerkte Luise , daß ihre Mutter ganz still werde . Mariane glaubte , sie schlafe , und saß ruhig zu ihren Füßen . Nach einer Weile öffnete sie dennoch die Gardinen , und da sie Mathilden wachend fand , fragte sie , ob sie leide und ob nichts zu ihrer Erleichterung geschehen könne ? Nein , gutes Kind , antwortete diese mit ihrer gewohnten Milde , mir fehlt nichts , ich wünsche auch nichts mehr - aber die lange , lange Trennung ! - Hier schlug eine Uhr , die Viola einst , ihres künstlichen Glockenspiels wegen , Luisen schenkte , sieben . Sieben , wiederholte die Kranke langsam zählend , ach nun muß ich noch siebenmal sterben . - Hier hielt sich Luise nicht länger ; sie eilte hinaus in den Garten und warf sich laut weinend auf den Boden . Ihre Arme streckten sich betend empor ; aber Worte und Gedanken verwirrten sich in abgerißnen Tönen , die schreiend aus ihrer Brust heraufdrangen . Der Himmel blickte im stillen Abendglanz auf sie nieder , Blumen und Sterne begrüßten sich wie lang getrennte Freunde , und zwischen ihnen hin glänzte der klare Strom in leichten , kreisenden Wellen . Da hörte Luise jemand schnell den Lindengang heraufgehen , sie wandte sich und erkannte Julius , der auf sie zu eilte . Meine arme , arme Luise ! rief er , sie an seine Brust drückend . Du weißt ? fragte sie . Alles , alles , erwiederte er ; Georg hat nicht gesäumt - O Julius , sagte sie , die schönen Hände dankbar faltend , Dich hat Gott gesandt . Komm nur - komm . Sie gingen stumm neben einander hin . In Julius Zügen malte sich der tiefe Schmerz einer starken Seele , die , Klagen verschmähend , still im Innern ringt . Luise wagte nicht , an ihm hinauf zu sehen . Seine Blicke , die zwischen eigner Verzweiflung und anscheinender Ruhe kämpften , drückten sie doppelt nieder . Langsam , den Augenblick der Entscheidung vor sich hindrängend , kamen sie zu Mathilden zurück . Sie saß , von Marianen unterstützt , aufgerichtet im Bett , und