Die Tochter des berühmten R. Ich . Mein Gott , die Freundinn meiner Tunte ! ich habe ein Empfehlungsschreiben an sie ; aus Furche habe ich es noch nicht abgegeben . Er . Wovor fürchten Sie sich denn ? Ich . Himmel , eine alte Jungfer ! - Er . Ja , aber was für Eine ! - Ich . Wahrhaftig , Sie könnten mich neugierig machen ! - Er . Das wünsche ich um Ihrentwillen . Ich . Wohl gar eine Gelehrte ? Er . Freylich , wenn Sie es so nennen wollen . Doch wenn Sie selbst kein Gelehrter sind ; so können Sie Jahre lang mit ihr umgehen , ohne etwas davon gewahr zu werden . Ich . Nun , das nenne ich mir ein Wunder ! Er . In der That , ein Wunder von Sanftmuth , Bescheidenheit und überschwenglicher Herzensgüte . Ich . Sie werden ja recht warm . Er . So wie jeder , der von ihr spricht . Ich . Aber wie konnte diese Person unverheurathet bleiben ? Er . Ihr Bräutigam starb ; und nachher hat sie sich zu keiner Verbindung wieder entschließen können . Aber was fehlt Ihnen ? Sie werden blas . » Wahrscheinlich die eingeschlossene Luft « - sagte ich stotternd und eilte nach Hause . » Ach Unglückliche ! « - rief ich - » so fandest du nie wieder , was du verlorst ! und doch hast du das Leben ertragen . Dich muß ich kennen lernen ! « Viertes Kapitel Den folgenden Tag ließ ich mich bey ihr melden und ward , zu meiner großen Freude , sogleich angenommen . Kaum hatten wir eine halbe Stunde mit einander gesprochen ; so war mir , als hätten wir uns Jahre lang gekannt , und als könne ich ihr die geheimsten Empfindungen meines Herzens entdecken . Ihr schönes offnes Auge schien lange gewöhnt , über den Kummer dieser Erde hinwegzublicken , und in ihrem Gesichte herrschte eine Ruhe , welche unmerklich in die Seele des Andern überging . In allem was sie sagte , lag ein so großer , schöner Sinn , den man aber erst lange nachher entdeckte , wenn sie wieder geschwiegen hatte . In dem Augenblicke wo sie sprach , schien sie bey ihrem äußerst einfachen Wesen , etwas ganz gewöhnliches zu sagen . Man kann denken , ob ich sie ungern verließ . - Ich hatte sie um die Erlaubniß gebeten , sie wieder zu sehen , und sie hatte sie mir in einem Tone gegeben , der sehr deutlich verrieth , wie weit sie sich über die Jahre hinausglaubte , wo Mangel an Zurückhaltung gefährlich werden kann . In der That nutzte ich jetzt diese Erlaubniß auf das Aeußerste ; es verging kein Tag , wo ich sie nicht wenigstens einmal sah , und bald ward es mir zum süßen Bedürfniß , ihr alle meine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen . Stundenlang unterhielten wir uns von Marie , und von allem was ich gehoft und gelitten hatte . Ach , so wie sie mich verstand ; konnte mich Heinrich nimmermehr verstehen . - Nein ! dieses gänzliche Dahingeben in ein fremdes Interesse vermag kein Mann von sich zucrzwingen . Mein bitterer , verschlossener Gram sing endlich an , sich immermehr in zärtliche Wehmuth zu verwandeln ; aber die Leidenschaft hatte meinen Körper schon zu sehr erschüttert : und ich fühlte bestimmt , daß ich einer ernstlichen Krankheit nicht entgehen würde . » Wenn ich krank werde « - sagte ich zu Sophien - » so bleibe ich bey Ihnen . Nicht wahr ? Sie verstoßen mich nicht ? « - Sie antwortete mir mit einem gutherzigen Lächeln ; und dachte freylich nicht , daß dieser Fall jemals kommen würde . Aber als wir eines Abends im traulichen Gespräche neben einander saßen , überfiel mich plötzlich ein Schwindel , und als ich das Bewußtseyn wieder erhielt , fand ich mich auf einem Bette , in einem unbekannten Zimmer , Sophie und den Arzt an meiner Seite . Fünftes Kapitel » Wo bin ich ? « - rief ich aus - » was für ein Zimmer ist das ? « » Das Schlafzimmer von Mlle. R. « - sagte der Arzt - » was Sie auch sobald noch nicht verlassen werden . « » Glauben Sie wirklich ? « - fragte Sophie erröthend . - » Daß unter vierzehn Tagen an keine Veränderung zu denken ist « - antwortete der Arzt . » Ich müßte mich sehr irren oder die Masern sind im Anzuge , und Ihre Frau Tante hat mir Ihre Gesundheit zu dringend empfohlen , als daß ich Sie einer so guten Pflege entziehen sollte . « » Verhalten Sie sich nach meiner Vorschrift , « - fuhr er , zu Sophien sich wendend , fort - » morgen früh komme ich wieder . « Jetzt waren wir allein . Sophie stand am Fenster . » Warum so fern ? « - sagte ich , und streckte bittend meine Hand nach ihr aus - » Sie wünschen etwas , Herr von S. - vielleicht zu trinken ? « - antwortete sie , und ihre Miene war ein Gemisch von zärtlicher Wehmuth und lieblicher Verschämtheit . - » Ja , ich wünsche etwas , « - wiederholte ich , und indem sie mit besorgter Neugier näher trat , schlang ich meine beyden Arme um sie und drückte mein Gesicht fest an ihre schöne Brust - » ja , ich wünsche ewig an diesem großen Herzen zu ruhen ! dann sollte mich kein Unglück treffen , und alle kleinlichen Leidenschaften würden auf immer von mir entfernt bleiben . « » Mein lieber Sohn ! « - sagte sie , und ich fühlte ihre Lippen auf meiner Stirne - » ich bitte Sie , seyn Sie ruhig ! Sie haben jetzt etwas Fieber , und die Erschütterungen könnten Ihnen sehr nachtheilig werden . « » Sie haben jetzt etwas Fieber ! « - wiederholte ich empfindlich ,