war . Friedel schluchzte zum Herzbrechen , und Normann schalt ihn , aber dabei sah er aus , als hätte er mit dem trostlosen Jungen am liebsten ein Duett angestimmt . » Flenne nicht ! « sagte er endlich . » Im Frühjahr siehst du das Fräulein wieder . Wir gehen nach Heidelberg . « Friedels Thränen versiegten plötzlich , seine Augen leuchteten auf , und fast atemlos vor freudiger Ueberraschung fragte er : » Ich auch ? « » Natürlich ! Fräulein Dora würde mir ein schönes Gesicht machen , wenn ich dich nicht mitbringen würde , aber erst hast du gesund zu werden – verstanden ? Solch ein Jammerwesen , wie du jetzt noch bist , will ich nicht mitbringen ; ein dicker , rotbackiger Bube hast du zu werden , damit ich Ehre mit dir einlege , sonst gnade dir Gott ! « » Ich geb ' mir schon alle Mühe dazu , « versicherte der Knabe treuherzig . » Ja , das thut mancher ! « brummte der Professor – er sprach nicht aus , was er dachte : daß es jedenfalls leichter für den Friedel sei , dick und rotbackig , als für ihn selbst , » menschlich « zu werden , wie es von gewisser Seite gefordert wurde und leider mit Recht . Es ging doch nicht an , daß man ein grimmiger Sonderling , ein menschenfeindlicher Einsiedler blieb , wenn man – nun wenn man nach Heidelberg wollte . » Friedel , « sagte er , das Auge noch immer auf den schon weit entfernten Wagen gerichtet . » Wie war doch der Singsang , den du gestern gelernt hast , das Lied von Heidelberg ? Kennst du die Melodie noch ? « Friedel nickte und begann sofort mit seiner schwachen , aber wohllautenden Stimme : » Alt Heidelberg , du feine ! « Er hatte Text und Melodie noch vollkommen im Kopfe und sang ganz richtig die Strophe herunter ; aber als er damit zu Ende war , geschah etwas Unerhörtes , Unglaubliches , Herr Professor Normann fing selbst an zu singen . Ja , er sang wirklich und wahrhaftig , und als der Friedel ihn ganz entsetzt mit offenem Munde anstarrte , sang er allein den letzten Vers noch einmal . In greulich falschen Tönen , jedoch im kräftigsten Baß klang es über den See , dem eben verschwindenden Wagen nach : » Auch mir bist du geschrieben Ins Herz gleich einer Braut , Es klingt wie junges Lieben Dein Name mir so traut ! « In seinem Studierzimmer zu Heidelberg ging Professor Herwig ungeduldig und ein wenig ärgerlich auf und ab . Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Uhr und dann trat er wieder an das Fenster , das auf die Straße hinausging . Der Bahnzug war schon vor geraumer Zeit eingetroffen , und die Reisenden , die er gebracht hatte , mußten längst in der Stadt sein , aber noch immer ließ sich kein Wagen vor dem Hause blicken . Man erwartete den Professor Normann , der die Berufung an die Universität Heidelberg nun in der That angenommen hatte und heute eintreffen sollte . Er kam vorläufig nur auf einige Tage , um die Übersiedlung vorzubereiten , die erst im nächsten Monat stattfinden sollte , und hatte für diesen kurzen Aufenthalt die angebotene Gastfreundschaft des Herwigschen Hauses angenommen . Jetzt aber schlug die Uhr zwölf , eine volle Stunde war über die festgesetzte Zeit verstrichen , und es blieb nur die Annahme übrig , daß der Professor aus irgend einem Grunde den Zug versäumt habe . Wahrscheinlich traf im Laufe des Tages eine Nachricht von ihm ein , jedenfalls kam er jetzt nicht mehr . Etwas verstimmt über diese Unpünktlichkeit verließ Herwig endlich das Zimmer , um seiner Tochter , die sich im Garten befand , mitzuteilen , daß der erwartete Gast ausgeblieben sei . Der Professor bewohnte eine der höher gelegenen Villen , und der Garten derselben , der am Bergeshang lag , bot den vollen Ausblick über die Stadt und deren Umgebung . Es war in den ersten Frühlingstagen , ringsum keimte , sproßte und grünte das Frühlingsleben . Die Bäume standen bereits in voller Blüte , überall , in den Gärten , zwischen den Häusern , am Bergeshang leuchteten die weißen oder zartrosigen Schleier , und drüben auf den Höhen schimmerte ein wahres Meer von duftigem Blütenschnee . Blitzend und funkelnd zogen die Wellen des Neckars dahin , im hellen Mittagssonnenschein , weit hinaus in das schöne Neckarthal , und wie in silbernen Duft eingehüllt verschwamm die Ferne . Das Lied hatte wohl recht , der Frühling hielt auf seinem Wege nach dem Norden wirklich hier Rast und webte der Stadt aus seinen Blüten » ein schimmernd Brautgewand « ! Herwigs Blicke schweiften mit stiller Freude über die Landschaft , die ihm so lieb geworden war . Er begriff es nicht , daß man gleichgültig dagegen sein konnte wie Kollege Normann . Ja dieser Sonderling machte ihm und der Universität vielleicht noch mancherlei zu schaffen . So hoch er dessen wissenschaftliche Bedeutung schätzte , so sehr er die Berufung als einen Gewinn ansah , so wenig verhehlte er sich , daß die Schroffheit und Rücksichtslosigkeit des neuen Professors vielfach verletzen werde . Dieser änderte sich schwerlich , wenn er in der neuen Stellung sein altes Einsiedlerleben fortführte und sich wie bisher hartnäckig jeder Geselligkeit verschloß . » Ich werde ihm noch einmal ins Gewissen reden , « sagte Herwig halblaut , » obwohl ich kaum glaube , daß es helfen wird . Ich komme allenfalls noch mit ihm aus , ob das aber auch den anderen möglich sein wird – « Er hielt urplötzlich inne und prallte förmlich zurück bei dem Anblick , der sich ihm bot . Auf einem kleinen rebenumsponnenen Altan , dessen Ranken die ersten zarten Blättchen trieben , stand seine Tochter und neben ihr – der vermißte Kollege , mit dessen Schroffheit und einsiedlerischen Neigungen er sich eben