, der damals beim Tagesgrauen unter den Tannen gestanden , dort , wo die Chaussee in den Wald einbog , geduldig wartend , trotz Nebel und Kälte , um der einen Minute willen , in welcher der Wagen vorüberrollte , um des einen Blickes willen , der im Innern desselben ein Antlitz suchte , das er nicht fand , denn dies Antlitz lag mit geschlossenen Augen in den Polstern vergraben . Als jener Andere heimkehrend unter seinem Fenster vorüberging und in das Haus des Schichtmeisters trat , schlief Herr Wilberg noch in ungestörter Ruhe , was ihn aber nicht hinderte , sich beim Erwachen grenzenlos unglücklich zu fühlen und die ganze Woche hindurch eine so melancholische Miene zur Schau zu tragen , daß Fräulein Melanie , die ihm zufällig im Hausflur begegnete , nicht umhin konnte , theilnehmend zu fragen , was ihm denn fehle . Der junge Dichter war gerade in der Stimmung , seinen Schmerz irgend einem mitfühlenden Wesen auszuströmen ; er seufzte daher verschiedene Male , machte Andeutungen und schüttete zuletzt natürlich sein ganzes Herz aus , um ebenso natürlich ein noch weit größeres Mitleid dafür in Empfang zu nehmen . War die junge Dame vorhin neugierig gewesen , so wurde sie jetzt über alle Maßen gerührt . Sie fand die Sache hochromantisch , den armen Wilberg ihrer tiefsten Theilnahme würdig , und nahm es daher auch ganz unbefangen hin , als er am Ende all dieser Mittheilungen und Tröstungen ihre Hand ergriff , um einen dankbaren Kuß darauf zu drücken ; es war ja nicht die geringste Gefahr dabei , da er eine Andere liebte . In diese rührende Scene nun fuhr der Herr Oberingenieur mit der ganzen Prosa seiner väterlichen Autorität und verlangte zu wissen , warum diese Herzensergießungen hier unten im Hausflur und nicht oben in der Visitenstube vor sich gingen , wo ihnen die Gegenwart der Mama selbstverständlich einige Schranken auferlegt hätte . Herr Wilberg , im Bewußtsein des großen Unrechts , das ihm hier geschah , raffte sich zusammen . „ Ich habe einen Auftrag von Herrn Berkow , “ erklärte er . „ So ? Das ist etwas Anderes ! Geh ’ hinauf , Melanie ! Du hörst ja , daß es sich um Geschäftssachen handelt . “ Melanie gehorchte , während ihr Vater am Fuße der Treppe stehen blieb , ohne den jungen Beamten , wie sonst , in seine Wohnung einzuladen , so daß dieser genöthigt war , sich hier seines Auftrages zu entledigen . „ Es ist gut , “ sagte der Oberingenieur ruhig . „ Die betreffenden Zeichnungen stehen Herrn Berkow zur Disposition ; ich werde sie ihm selbst bringen . Und nun ein Wort zu Ihnen , Wilberg ! Ich habe Ihnen trotz einer gewissen gegenseitigen Antipathie doch immer Gerechtigkeit widerfahren lassen . “ Herr Wilberg verneigte sich . „ Ich halte Sie sogar für einen ganz tüchtigen Beamten . “ Herr Wilberg verneigte sich zum zweiten Male . „ Aber auch für etwas verrückt . “ Der junge Mann , der soeben im Begriffe war , die dritte Verbeugung zu machen , fuhr in die Höhe und starrte ganz fassungslos seinen Vorgesetzten an , der mit unverwüstlicher Gemüthsruhe fortfuhr : „ Was nämlich Ihre Manie zum Dichten betrifft . Das ginge mich nichts an , meinen Sie ? Ich will das auch hoffen . Sie haben nacheinander den Hartmann , die gnädige Frau und Herrn Berkow angesungen . Das können Sie thun , wenn es Ihnen Vergnügen macht , aber lassen Sie sich nicht etwa einfallen , meine Melanie anzusingen – das verbitte ich mir . Ich will nicht , daß dem Kinde dergleichen Unsinn in den Kopf gesetzt wird . Wenn Sie durchaus einen neuen Gegenstand für Ihre poetischen Gefühle brauchen , so nehmen Sie mich oder den Director ; wir stehen Ihnen zu Diensten . “ „ Ich glaube , ich werde das unterlassen , “ sagte Wilberg im höchsten Grade pikirt . „ Wie es Ihnen beliebt , aber merken Sie sich : meine Tochter bleibt aus dem Spiele . Wenn mir eines Tages einmal ein Gedicht ‚ An Melanie ‘ unter die Hände kommt , dann fahre ich zwischen Ihre Jamben und Alexandriner , oder wie das Zeug sonst heißt . Das war es , was ich Ihnen sagen wollte . Adieu ! “ Damit ließ der rücksichtslose Vorgesetzte den in seinen heiligsten Gefühlen gekränkten Dichter stehen und stieg die Treppe hinauf . Oben in der Wohnung kam ihm seine Tochter entgegen . „ O Papa , wie kannst Du so hart und ungerecht gegen den armen Wilberg sein ! Er ist so unglücklich ! “ Der Oberingenieur lachte laut auf . „ Unglücklich ? Der ? Ein verunglückter Dichter ist er ; schauderhafte Verse schreibt er zusammen , aber je mehr man versucht , ihm das begreiflich zu machen , desto toller reimt er darauf los . Was übrigens den Handkuß betrifft – “ „ Mein Gott , Papa , da bist Du ganz und gar im Irrthum ! “ unterbrach ihn Melanie sehr entschieden . „ Es war nur Dankbarkeit . Er liebt ja die gnädige Frau , hat sie vom ersten Momente an geliebt , natürlich hoffnungslos , da sie bereits verheirathet ist , aber es ist doch begreiflich , daß er sich darüber grämt und daß ihre Abreise ihn vollends in Verzweiflung stürzt . “ „ Also einzig aus Gram und Verzweiflung hat er Dir die Hand geküßt ? Merkwürdig ! Uebrigens woher weißt Du denn das Alles , Melanie ? Du scheinst mir ja ganz außerordentlich bewandert in den Herzensgeschichten dieses blonden Schäfers ! “ [ 253 ] Die junge Dame hob mit unverkennbarer Genugthuung den Kopf . „ Ich bin seine Vertraute ; mir hat er sein ganzes Herz ausgeschüttet . Ich habe ihn auch trösten wollen , aber er mag keinen Trost ; er ist zu unglücklich . “ „ Das ist ja eine allerliebste Geschichte ! “ brach der Oberingenieur zornig los .