seinem Halse hing , so weich und geschmeidig und innig fest sich anschmiegend wie der Vampyr der Volkssage . Bei dem ziemlich lauten Geräusch der aufgestoßenen Thür fuhr der Doktor empor , und in demselben Moment traf sein scheu irrender Blick Käthe ’ s Augen . Als sei er auf dem schlimmsten Verbrechen betroffen , so schrak er zusammen – Flora folgte erstaunt der Richtung seines Blickes , aber die schönen Mädchenhände , die sich in seinem Nacken fest verschlungen hatten , lösten sich darum nicht . „ Ach , mein Gott , es ist ja nur Käthe , Leo ! “ sagte sie und drückte den Kopf fester an seine Brust . Käthe huschte wie auf der Flucht vorüber in das Krankenzimmer . Ihr Herz schlug fast laut vor Schrecken und schamvoller Bestürzung ; sie hatte eine Liebesszene à la Romeo und Julie unterbrochen . Mit bebenden Händen stellte sie den Teller auf den Tisch , lockte auf Henriettens Verlangen , die ein Attentat ihrer Lieblinge auf Kuchen und Zucker befürchtete , die umherschwirrenden Kanarienvögel in die kleine Volière und schloß hinter ihnen das Thürchen . Da sah sie im Käfige auf dem sauberen , weißen Sande den gesuchten Goldreifen liegen ; er war seltsamer Weise durch die Messingstäbe geflogen , ohne das geringste Klirren zu verursachen , und ebenso unhörbar auf der weichen Sandschicht niedergefallen . Käthe nahm ihn heraus und ließ ihn in die Tasche gleiten – und nun hätte sie wieder hinausgehen und den Kaffee fertig machen sollen , aber sie schüttelte sich fast vor Angst und Abneigung . Es war ihr , als solle sie in den Tod , in die Hölle gestoßen werden . Sie entfernte sich nicht um einen Schritt vom Tische und machte sich unnöthig mit den Kanarienvögeln zu schaffen , während die Präsidentin mit ihrer angenehmen , sanft gedämpften Stimme von Flora ’ s „ Trousseau “ sprach und der Tante Diakonus an den Fingern herzählte , was nun infolge der Ortsveränderung noch nachbestellt werden müsse ; die alte Frau durfte keinen Augenblick in Zweifel bleiben , daß ihr berühmter Neffe in der schönen Banquiertochter eine Art Prinzessin heimführe . Käthe wurde rascher aus ihrer Pein erlöst , als sie dachte . Der Doktor trat schon nach wenigen Minuten in das Zimmer , und nun schlüpfte sie , ohne aufzusehen , an ihm vorüber . Der Flur war leer . Flora mußte in den Garten gegangen sein . In der Küche knarrte die Kaffeemühle ; vielleicht hatte das mißtönende Geräusch , und nicht , wie sie vermutet , ihr Erscheinen , die Versöhnungsszene so schnell zu Ende geführt . Das Küchengeschäft war bald beseitigt , und während die Magd eine frische Schürze vorband , um das Kaffeebret hineinzutragen , trat Käthe in das Fenster und betrachtete den Ring , den sie unter Herzklopfen aus der Tasche gezogen . … „ E. M. 1843 “ stand auf der Innenseite – Ernst Mangold – es war also der Trauring von Flora ’ s Mutter , den sie in der Hand hielt . Sie stand wie gelähmt vor dem Uebermaß von Frivolität , mit welchem Flora sich zu helfen und jedes Bedenken zu überwinden gewußt hatte . Das war eine jener Frauennaturen , die sich stets der augenblicklichen Situation zu bemächtigen verstehen , die bei jedem Umschwung elastisch wieder auf die Füße zu stehen kommen und mit einem kecken Ignorieren des unliebsamen Geschehenen , mit der Zuversicht des Uebermutes die Fäden der Intrigue leise und glücklich auch an dem veränderten Terrain wieder anheften . Und das war die Schwester , vor deren weit überwiegenden Geistes- und Charaktereigenschaften ihr junges Herz demüthig gebangt hatte . Das kleine unscheinbare Symbol der Gattentreue , das Flora ’ s sanfte Mutter bis an den Tod getragen , war entweiht durch das Gaukelspiel der Tochter . Es brannte Käthe zwischen den Fingerspitzen ; sie hätte es am liebsten so weit von sich schleudern mögen , daß es keine Menschenhand wieder aufzufinden vermocht hätte , aber es war und blieb das ererbte Eigentum der Schwester und mußte zurückgegeben werden . Sie verließ sofort die Küche und trat hinaus auf die Thürstufen . Dort stand Flora am Staket und sah hinaus in das Weite . Sie wandte dem Hause den Rücken zu und hatte die Arme unter dem Busen gekreuzt , und durch die Maschen des Spitzenschleiers entlockte die Sonne dem blonden Haar ein goldenes Flimmern . Der Hofhund bellte unaufhörlich und erbost die stumme , fremde Gestalt an , und die Hühner umschritten scheu die leise rauschende Damenschleppe , die sich so lang und düster über den Rasen hinbreitete . Das Hundegebell übertönte Käthe ’ s Tritte , Flora bemerkte ihr Kommen nicht eher , als bis die Schwester dicht neben ihr stand . Sie fuhr herum ; ihr zarter Teint war betupft mit roten Spuren der Aufregung ; sie war offenbar in der ärgerlichsten Stimmung , und nun falteten sich die Brauen noch finsterer , und ihre Augen sprühten in ausbrechendem Zorne . „ Bist Du schon wieder da , wie ein unvermeidlicher Deus ex machina ? Ungeschicktes Ding , vorhin so hereinzupoltern ! “ fuhr sie Käthe in einem Tone an , als stehe nicht die stolze Erscheinung einer erwachsenen jungen Dame , sondern ein ungezogenes , boshaftes Schwesterlein vor ihr , das zeitweilig noch mit der Rute Bekanntschaft machen müsse . Eine gerechte Erbitterung quoll fast unbezwingbar in Käthe empor – so fromm war ihr Naturell nicht , und so sanftmüthig floß ihr frisches Jugendblut auch nicht in den Adern , daß sie einer ungezogenen Begegnung auch noch die andere Wange hingehalten hätte , aber sie beherrschte sich . „ Ich bringe den Ring , “ sagte sie kurz und kalt . „ Gieb her ! “ Flora ’ s Züge glätteten sich ; sie nahm hastig den kleinen Reifen von der hingehaltenen Handfläche und steckte ihn an den Finger . „ Ich bin sehr froh , daß er wieder da ist , der Ausreißer . Es