ganzes Sein sich verzehrt in dem Zorn über unsere soziale Unterdrückung , unsere geistige Sklaverei ! Glauben Sie , glauben Sie , mein Herr , es ist nicht eitler Ehrgeiz , was mich treibt , — es ist der Schmerz um die tausend Schmerzen jener Seelen , welche gleich mir sich blutig gerungen an den Ketten der Alltäglichkeit oder gleich dem Blindgeborenen in dem Dunkel der Unwissenheit ahnten von dem Lichte , das die Welt erleuchtet , dem Wonne und Frei ­ heit entströmt , und von welchem sie ausgeschlossen sind ! Es ist die Schmach meines ganzen Geschlechts , die ich tilgen , der Jammer meines ganzen Geschlechts , den ich rächen will , und dafür setze ich Gut und Blut ein , dafür gebe ich jeden Anspruch auf weib ­ liche Freuden , gebe mich selbst zum Opfer hin ! “ Johannes hatte ihr mit über der Brust gekreuzten Armen gelauscht und begann nun ruhig : „ Mein Fräu ­ lein , ich verstehe und bewundere Sie , aber Sie über ­ treiben ; die soziale Stellung der Frauen ist eine ihrem Können und Wollen entsprechende . Wesen , wie Sie , gehören zu den seltenen Ausnahmen , im Allgemeinen steht Ihr Geschlecht auf einer zu niedern Stufe der Entwicklung , um größere Ansprüche machen zu können ! “ „ Und an wem liegt die Schuld ? “ unterbrach ihn Ernestine lebhaft . „ An Euch , Ihr Herren der Welt ! Wenn wir denn doch Euch geistig untergeordnet sind , warum erzieht Ihr uns nicht besser , warum hebt Ihr uns auf keine höhere Stufe der Intelligenz ? In Eurer starken Hand liegt es ja , aus uns zu bilden , was Ihr wollt ! Und nirgend in christlichen Ländern steht es wohl auch schlimmer um das Weib , als gerade bei uns . Sehen Sie hin nach Rußland , in das Land , in dem sich Leibeigenschaft und Knute am Längsten erhielten , selbst dort tauchen mehr und mehr gelehrte Frauen auf , und die russischen Hochschulen schämen sich weiblicher Zöglinge nicht . Sehen Sie nach Frank ­ reich , nach England , überall werden Frauen beschäftigt , anerkannt , ihre Fähigkeiten erweitert , indem sie geübt werden und das ganze Geschlecht hat sich dort bereits größere Achtung gewonnen.32 Ja , ich kann es leider nicht leugnen , daß die Mehrzahl unserer Frauen entweder schlichte Haushälterinnen sind , denen nichts über die Interessen ihrer Küche und ihrer Kinderstube geht , oder glänzende Puppen , die nur Sinn haben für die Geltendmachung ihrer äußeren Vorzüge . Von Politik , von den Interessen ihres Vaterlandes , von Wissenschaft und Dichtung verstehen sie wenig oder nichts , selbst von den Künsten fordern sie nur Unterhaltung , nicht Belehrung und Erhebung . Solche Frauen können nicht den Keim der Vaterlandsliebe in die Herzen ihrer Söhne legen , nicht die Bestrebungen ihrer Männer teilen , noch die Seelen ihrer Töchter dem Schönen und Erhabenen öffnen.33 O , es ist traurig — aber wer trägt die Schuld ? Doch nur die Männer , welche das Weib ausschließen aus ihrer Welt , welche , sein höheres Ingenium ein für allemal leugnend , es in die Küche verweisen , oder es zwingen , durch eine Herrschaft über ihre Sinne sich für den versagten Anteil an ihrem Geistesleben zu entschädigen ! “ Johannes erwiderte nichts . Ihm war es ein Genuß , sie zu sehen und zu hören . Er wollte sie sich erst ganz aussprechen lassen , bevor er sie widerlegte . Ernestine fuhr fort : „ Das Alles zähle ich zu der Schmach meines Geschlechts , welche aufgehoben werden muß , wenn sie sich nicht selbst rächen soll , — und das wird sie unausbleiblich ; denn an üppiger Ver ­ weichlichung , an Ausschweifung gingen die Nationen unter , die das Geistige im Weibe nicht achteten ! Diese Achtung müssen wir uns zu erringen suchen um jeden Preis — ehe es zu spät ist . Lächeln Sie meinetwegen über die Anmaßung , daß ich ein weib ­ licher Arnold von Winkelried sein und unserer geistigen Freiheit Bahn durch die Lanzen des Hohnes und Vor ­ urteiles brechen will . Ich weiß ja , was mir bevor ­ steht ! Das alltägliche Weib fühlt sich nicht in seinem Geschlechte geehrt , wenn eine seiner Schwestern sich über das Gewohnte erhebt , es empfindet nur seine eigene Armut um so bitterer , rächt sich dafür , wenn es nichts Besseres weiß , mit den Waffen der soge ­ nannten Sitte und hat gar leicht den Schimpf der Unsittlichkeit auf eine freie Seele geworfen ! Die Männer aber verschließen mir verächtlich und miß ­ günstig die Tür , und Kampf und Mühe sind ’ s , die mir winken . Dennoch zag ’ ich nicht und ist ’ s nicht hier , so zieh ’ ich in ein anderes Land , wo Humanität und Ritterlichkeit die strebende Frau unterstützen . “ „ Wo Humanität und Ritterlichkeit der Frau ge ­ statten , die Blüte ihres Daseins abzustreifen : ihre Weiblichkeit ! “ fiel ihr Johannes nun in die Rede , „ denn , wie wollen Sie diese bewahren , wenn Sie sich in anatomischen Studien abhärten gegen Alles , was der feinfühlenden Frau Grauen einflößt , — wenn Sie in Einzelheiten einzugehen gezwungen sind , durch deren nähere Bezeichnung schon ich Ihr mädchenhaftes Zart ­ gefühl verletzen würde . — Ich habe Sie bisher nicht unterbrochen , weil ich Sie kennen lernen wollte , weil Sie mich in Ihrem heiligen Eifer rührten und ent ­ zückten . Es lag neben vielem Törichten und Überspannten , was ich jetzt nicht erörtern will , auch viel Wahres in dem , was Sie sagten . Aber das Eine , glauben Sie mir , daß der weibliche Körper eben so wenig dem wissenschaftlichen Studium gewachsen ist , wie der weibliche Geist ! Ich habe Sie auf das Ge ­ biet des Schönen , der Kunst hingewiesen , davon aber