voll blauleuchtender Schwertlilien und Alleen königlich stolzer Pappeln . Konrad riß Fenster und Türe auf . Fuhr er wirklich mit einer Toten ? ! » Ich werde dich nach Hause führen , « hatte sie wieder und wieder gesagt , laut und angstvoll , leise und hoffnungsfroh , während das Fieber ihre Sinne verwirrte und ihr Körper , leidenschaftlich an das Leben sich klammernd , mit dem letzten Überwinder rang . Sie hatte gelacht , triumphierend , wie eine siegende Amazone gelacht haben mochte , als sie ihn in die Flucht geschlagen zu haben glaubte , und die Krankheit wich . Doch heimtückisch war er durch Hintertüren wieder eingeschlichen , hatte sich einen eisigen , sturmdurchtobten Winter und einen grauen , nassen Frühling zu Helfern geholt , und die stolze Frau , da er sie in offener Schlacht nicht hatte treffen können , wie ein Meuchelmörder rücklings überwältigt . » Ich werde dich - nach Hause führen , « waren ihre letzten Worte gewesen . Und führte sie ihn nicht heute ? War sie nicht neben ihm und in ihm ? Oder war es nur das mütterliche Blut , das in ihm aufrauschte und in seinen Ohren brauste und sang ? Ihm war , als spränge plötzlich ein Eisenband über seiner Brust , das er , von Geburt an daran gewöhnt , niemals gespürt hatte . » Verona - « der Zug hielt : ein kleiner , öder Bahnhof , die Stadt sehr fern , in blendendes Licht getaucht , hinter ihr ein gestreckter Hügel , und aufsteigend an ihm in geraden schwarzen Strichen zwei Reihen dunkler Zypressen . Führten sie vielleicht zu Julias sagenumwobenem Sarkophage ? Oder liegt sie tief und heimlich im Arm des Todes wie einst an der Brust des Geliebten ? Wie hatte doch einmal jener berühmte Berliner Kritiker doziert , als sie nach einer Vorstellung von Shakespeares Liebesdrama im Kaffeehaus saßen und Konrad seinem Ärger über den Darsteller Romeos , der die klingenden Verse des Dichters heruntergeschwatzt hatte , als gelte es , in einem parfümierten Salon von Berlin W geistreiche Konversation zu machen , Ausdruck gab . » Mit solch einer Gestalt kann ein moderner Mensch überhaupt nichts mehr anfangen . Mutet uns nicht die ganze Geschichte an , als ob man Erwachsenen ein Weihnachtsmärchen vorspielen wollte ? Die Zeit dürfte nicht mehr fern sein , wo ein moderner Mensch für die Sentimentalitäten der Liebe nur noch ein Lächeln übrig hat , wo man sich des sogenannten Bedürfnisses nach ihr entledigt wie anderer animalischer Funktionen , und mit ruhiger Bewußtheit Kinder zeugt auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen und Prognosen . « Niemand widersprach ihm damals ; wenn er sich zu so einer langen Rede herbeiließ , galt , was er sagte , wie ein Orakelspruch . Dunkle Schamröte stieg Konrad in Erinnerung daran in die Stirne , - denn auch er hatte geschwiegen ! Wie weit lag sie hinter ihm , die entgötterte Welt ! Die Sonne stand jetzt im Zenit . In breiten silbernen Wassern spiegelte sie ihr glühendes Angesicht . Es war , als verlange sie sehnsüchtig danach , in der geheimnisvoll stillen Tiefe zu versinken . Schwere , dunkle Mauermassen stiegen aus ihnen empor . Mit vergitterten Fenstern - geschlossenen Pforten . Graue Paläste ; die Steine wie von harten Fäusten grimmig aufeinandergefügt : Mantua . Verse Virgils - längst vergessene Verse - zogen im gleichmäßigen Takt des Hexameters durch Konrads Erinnern . Unter dem hellen Licht , das draußen von Himmel und Erde strahlte , sanken die Lider ihm tiefer über die Augen . Er sah Isabella d ' Este , die göttliche . Ob sie hinter den verschwiegenen Mauern dort , in einer heimlichen , heißen Stunde nicht doch dem Allbesieger Cesare zu eigen geworden war ? Gehörten sie nicht zusammen , dieses Weib und dieser Mann ? Wog eine Stunde überströmender Lust , die ihnen gemeinsam gehörte , nicht die kärglichen Freuden eines ganzen Lebens auf ? Durch die geschlossenen Lider meinte er an ihren weißen Händen die grünen Smaragde wie Schlangenaugen leuchten zu sehen . Feucht und heiß strich die Luft der Muränen um seine Stirne . Tief in ihrem Moorgrund stand die Totenurne Livias , der großen Hetäre : unter den Küssen ihres Geliebten war sie gestorben , in ihr Todesröcheln hatten sich die Seufzer beseligter Liebe gemischt . Konrad hörte das Rattern der Räder nicht mehr . Schwer lag die Hitze auf seinen Gliedern und lullte ihn ein . Auch seine Träume waren schwer , - er hörte die Tote mit harten Knöcheln an den Sargdeckel stoßen . In einen Schrein aus Glas bei offenen Fenstern hätte man sie betten sollen , denn ihre Augen , ihre großen Augen suchten sehnsüchtig das Licht . Und dann saßen sie plötzlich neben ihm - alle drei : Else , hauchdünn und zerbrechlich , den ganzen Arm voll weißer Puppen mit goldenen Krönchen im Flachshaar , - Renetta , im Ballkleid , die weiße Seidentaille voll schmutziger Fingerspuren ; Leonie , als wäre sie eben aus dem Bade gestiegen , das Wasser hing noch in silbernen Perlen an ihrem schwarzen Trikot . Was wollten die ? ! Er war ja fort - weit fort - mit einer Toten - . Ein tiefer Seufzer der Befreiung hob seine Brust . Er erwachte . » Bologna ! « klang es kreischend von draußen an sein Ohr , und hin und her eilende Schritte und Gelächter und Geschrei ! Er sah auf : wie fröhlich bewegt hier die Menge war ! Auf einem deutschen Bahnhof setzte jeder eine geschäftsmäßigtrübselige Miene auf . » Chianti , Herr Baron ! « In der einen Hand das volle Glas , in der anderen die strohumsponnene Flasche , stand Giovanni vor ihm . Seine Augen blickten verklärt , seine zusammengeschrumpfte Gestalt schien sich mit jeder Station mehr gereckt zu haben . Jedem Vorüberhastenden warf er ein paar Worte zu und lächelte entzückt , wenn er als Antwort immer wieder die gleichen Laute der eigenen geliebten Sprache