hatte . Sie saß in einem zum knisternden Ofenfeuer geschobenen Fauteuil , ein Tischchen mit den Zeitungen neben sich . Ihre Tochter erblickend , rief sie erfreut : » Ah , Du bist ' s Sylvia - das ist schön von Dir ... Du kommst nachsehen , wie ' s mir geht ? Nun , wie Du siehst : viel besser - ich habe da gerade über Bressers Stück gelesen ... Du warst ja drin - erzähle , wie war ' s ? Aber was hast Du - Du siehst so eigentümlich aus , so feierlich ? ... « Sylvia hatte hastig Hut und Mantel abgelegt , sie war blaß und sichtbar erregt . » Was ich habe ? Das wirst Du gleich erfahren ... Und wie das Stück war ? Wundervoll . Hugo ist ein Genius . Ich bete ihn an . « » Kind , was redest Du ? « » Soll man das nicht sagen dürfen ? ... Seiner Mutter nicht ? Seiner besten Freundin soll man ' s verschweigen , wenn ein großes Gefühl - « » Ein verbotenes Gefühl , Sylvia . « » Mutter , Mutter , ein solches - solches - Polizeiwort von Dir ! Verbotene Gefühle kann es doch ebenso wenig - noch weniger geben als verbotene Meinungen ! - Nur das Verkünden kann einem untersagt werden von irgend einem Büttel der offiziellen Ordnung und Moral - aber doch nicht von Martha Tilling ! « » Also sag ' , was Du mir zu sagen hast , mein Kind . « Sylvia schob einen Schemel herbei und ließ sich zu Marthas Füßen nieder : » Ich will ' s machen wie in alter Zeit ... « Mit dem Rücken an Marthas Knie gelehnt , das Gesicht dem Zimmer zugekehrt , begann die junge Frau zu reden , leise , langsam , eintönig , in längeren und kürzeren Absätzen . » Ich bete ihn an - und will die Seine werden . « Martha unterdrückte einen Ausruf . » Ich habe mir vorgenommen , Dich nicht zu unterbrechen , « sagte sie . » Sprich weiter . « » Anton hat mir die Treue gebrochen , ich bin frei ... In Reinheit durchs Leben gehen : Das habe ich Dir geschworen - und auch mir selber ... und ich will es halten . Mit keiner Lüge , keiner Falschheit werde ich mein Tun beschmutzen . Eine Larve vors Gesicht halten ? Nein . Wessen hätte ich mich zu schämen ? Im Gegenteil : stolz bin ich auf meine Liebe und stolz auf die seinige ... Sich verstecken , verschleiern ? Nein . Im Gegenteil : ein Diadem setze ich mir auf . O , meine hiesige Welt , mit der werde ich brechen müssen , das weiß ich wohl . Die würde mir mein stolzes Lieben nicht verzeihen . Ja , wenn ich mich versteckte , wenn ich meinen Mann und sie alle zu betrügen trachtete , und sie durchschauten mich - dann wären sie voll Nachsicht ... etwas Geflüster , listiges Augenzwinkern - eine Nummer mehr auf der amüsanten Liste der chronique scandaleuse doch von der Besuchs- und Einladungsliste würden sie mich nicht streichen ... So aber , wenn ich es verschmähen werde zu lügen - werde ich verpönt sein : Sie wissen schon ? Die Sylvia Dotzky - mit dem jungen Dichter durchgegangen ( sie werden es doch durchgegangen nennen ) , sollen in Italien leben - abscheulich ! Warum gerade in Italien ? Das erzähle ich Dir später ... ich habe einen Traum geträumt - da war unserer Liebe solch ein Schauplatz gegeben voll südlicher Renaissancepracht ... vielleicht finde ich das an irgend einem italienischen See oder Meeresstrand . Und wie er da arbeiten und schaffen wird - in seiner Seligkeit die Welt bereichern , mit den Gaben seines Genius ... Übrigens , zwei Menschen auf dem Gipfel des Glücks , ist das nicht auch schon eine Bereicherung der Welt ... Ich danke Dir , daß Du mich nicht unterbrichst - aber ich kann mir denken , was Du nun einwenden wolltest : Wie lange soll der währen , dieser Glücksparoxismus ? Was dann , wenn der Rausch verflogen , die Jugend geschwunden ist ... was dann ? - - Nun , nach einem Dann , das hinter dem Ziele meiner und seiner Sehnsucht liegt , nach dem fragen wir wahrlich nicht . Sollte das Glück , wie ich es mir denke , nur die Dauer eines einzigen Maimondes haben , das würde hundert solche Existenzen aufwiegen , wie die , denen ich sonst entgegenvegetiere ... Und dann , wer weiß ? Für das Alter kann uns auch noch ein schöner Frieden blühen . Selbst den Satzungen der Welt können wir ihre Tribute entrichten . Ich kann ja auch Bressers Gattin werden - wie Cosima Bülow die Gattin Wagners geworden . Ich will mich von Toni scheiden lassen . Es wird hoffentlich nicht schwer sein ; dann kann er seine Geliebte heiraten und seinen Knaben - Du siehst , ich weiß alles - legitimieren . Gibt er mir meine Freiheit nicht - nun dann nehme ich sie mir ... Als mein Recht . Ich lehne mich auf ! Daß eine Frau einem Mann , der sie für eine andere verlassen hat , für den sie selber auch keinen Funken Liebe mehr empfindet - ihre ganze Zukunft opfere , dabei ihr Herz ersticken muß : dieses abscheuliche Unrecht werde ich nicht erdulden . Ich lehne mich auf ! Damit werde ich nicht nur mir , damit werde ich - wie mit jedem Kampf ums Recht - der abstrakten Gerechtigkeit und meinen Leidensschwestern gedient haben . Da wird immer so viel gezetert und gejammert über Ketten und Joche und Hörigkeiten ... Die Meinen - Du , Mutter , an der Spitze mit Deiner Auflehnung gegen den Krieg , und Rudolf mit seinem Feldzug gegen jegliche Gewalt ... aber das Jammern und Zetern hilft nicht : abschütteln muß man . An der Hörigkeit