gehätschelt werden , bis zu ihrer Heilung , größtenteils in halb bewußtlosen , köstlich-müden Halbschlummer gelullt , zeitweise wieder zu dem angenehmen Bewußtsein erwachend , daß ihr Leben gerettet , daß sie zu den Ihren heimkehren und noch in fernen Zeiten erzählen können , wie sie in der Schlacht von X ehrenvoll blessiert worden seien . In dieser naiven Auffassung bestärkte sie denn auch unser Vater : » Brav , brav , Mädels - heute seid ihr wieder fleißig ... da habt ihr wieder vielen unsrer tapferen Verteidiger eine Freude gemacht ! Wie das wohl thut , so ein Päckchen Charpie auf der blutenden Wunde - ich weiß was davon zu erzählen : ... Damals , als ich bei Palestro den Schuß ins Bein bekam - u.s.w. , u.s.w. Ich aber seufzte und sagte nichts . Ich hatte andere Geschichten von Verwundungen vernommen , als die , wie sie mein Vater zu erzählen beliebte ; - Geschichten , welche sich zu den gebräuchlichen Veteranenanekdoten verhalten , ungefähr wie die Wirklichkeit elenden Hirtenlebens zu den Schäferbildchen von Watteau . Das rote Kreuz ... ich wußte , durch welches auf das schmerzlichste erschütterte Völkermitleid diese Institution ins Leben gerufen ward . Seiner Zeit hatte ich den darüber in Genf geführten Verhandlungen gefolgt und die Schrift Dunants , welche den Anstoß zu dem Ganzen gegeben , hatte ich gelesen . Ein herzzerreißender Jammerruf , diese Schrift ! Der edle Genfer Patrizier war auf das Schlachtfeld von Solferino geeilt , um zu helfen , was er konnte ; und das , was er dort gefunden , hat er der Welt erzählt . Zahllose Verwundete , welche fünf , sechs Tage liegen geblieben - ohne Hilfe ... Alle hätte er retten mögen , doch was konnte er , der Einzelne , was konnten die Anderen Wenigen diesem Massenelend gegenüber thun ? Er sah solche , welchen durch einen Tropfen Wasser , durch einen Bissen Brod das Leben hätte erhalten werden können ; er sah solche , die noch atmend , in fürchterlicher Eile begraben wurden ... Dann sprach er aus , was schon oft erkannt worden , was aber jetzt erst Nachhall fand : daß die Verpflegs- und Rettungsmittel der Heeresverwaltung den Anforderungen einer Schlacht nicht mehr gewachsen seien . Und das » rote Kreuz « ward geschaffen . Österreich hatte sich der Genfer Convention damals noch nicht angeschlossen . Warum ? ... Warum wird allem Neuen , wenn es noch so segensreich und einfach ist , Widerstand entgegengesetzt ? - Das Gesetz der Trägheit - die Gewalt des heiligen Schlendrians ... » Die Idee ist recht schön , aber unausführbar , « hieß es da - auch meinen Vater hörte ich öfters jene , während der Konferenz von 1863 von verschiedenen Delegierten vorgebrachten Zweifelargumente wiederholen , - » unausführbar , und selbst , wenn ausführbar , so doch in mancher Hinsicht sehr unzukömmlich . Die Militärbehörden könnten Privatmitwirkung auf dem Schlachtfelde nicht angemessen finden . Im Kriege müssen die taktischen Zwecke der Menschenfreundlichkeit vorangehen - und wie könnte diese Privatmitwirkung mit genügenden Bürgschaften gegen das Spionenwesen umgeben werden ? Und die Auslagen ! Kostet der Krieg nicht ohnehin schon genug ! Die freiwilligen Krankenwärter würden durch ihre eigenen stofflichen Bedürfnisse dem Proviantamt lästig fallen ; oder , wenn sie sich in dem besetzten Lande auch selber verproviantieren , entsteht da nicht eine bedauerliche Konkurrenz für die Heeresverwaltung durch den Ankauf von für die Verwaltung notwendigen Gegenständen und die unmittelbare Erhöhung ihres Preises ? « O diese Behördenweisheit ! - So trocken , so gelehrt , so sachlich , so klugheitstriefend und so - bodenlos dumm . Der erste Zusammenstoß unserer in Böhmen befindlichen Truppen mit dem Feinde fand am 25. Juni in Liebenau statt . Diese Nachricht brachte uns mein Vater mit seiner gewohnten triumphierenden Miene : » Das ist ein prächtiger Anfang ! « sagte er . » Man sieht es : der Himmel ist mit uns . Es hat was zu bedeuten , daß die ersten , mit welchen diese Windbeutel zu thun bekommen , die Leute unserer berühmten eisernen Brigade waren ... ihr wißt doch : die Brigade Poschacher , welche den Königsberg in Schlesien so tapfer verteidigt hat . Die wird ' s ihnen gehörig geben ! ( Die nächsten Nachrichten vom Kriegsschauplatze aber ergaben , daß nach fünfstündigem Gefecht diese in der Avantgarde Clam-Gallas ' befindliche Brigade sich nach Podol zurückzog . Daß Friedrich dabei war - ich wußte es nicht , und daß in derselben Nacht das verbarrikadierte Podol vom General Horn angegriffen und dort bei hellem Mondschein der Kampf fortgeführt ward - das hab ' ich auch erst später erfahren . ) » Aber herrlicher noch als im Norden , « fuhr mein Vater fort , » gestaltet sich der Anfang im Süden . Bei Custozza ist ein Steg errungen worden , Kinder - so glänzend wie nur einer ... Ich habe es immer gesagt : die Lombardei muß unser werden ! ... Freut ihr euch denn nicht ? Ich betrachte den Krieg als schon entschieden ; denn wenn man mit den Italienern fertig geworden , welche doch ein regelmäßiges und geschultes Heer uns gegenüberstellen , da wird es uns mit den Schneidergesellen weiter nicht schwer fallen . Diese Landwehr - es ist eine wahre Frechheit - und es gehört nur die ganze preußische Selbstüberhebung dazu , um damit gegen richtige Armeen ausziehen zu wollen . Da werden die Leute von der Werkstatt , vom Schreibtisch hinweggerufen - sind an keinerlei Strapazen gewöhnt , können also unmöglich als blut- und eisenfeste Soldaten im Felde stehen . Da seht einmal her , was die wiener Zeitung in einer Originalkorrespondenz unterm 24. Juni schreibt . Das sind doch gute Nachrichten : » In preußisch Schlesien ist die Rinderpest ausgebrochen und wie man vernimmt in äußerst bedrohlicher Art - « » Rinderpest « - » bedrohliche Art « - » erfreuliche Nachrichten , « sagte ich mit leisem Kopfschütteln . » Hübsche Dinge , über welche man zu Kriegszeiten Vergnügen