armer , unverstandener König , wie wird das enden ! ... Ja , mein verehrter Doktor Trostberg , ich habe Sie in dem Verdacht , daß Sie sich jenes wüsten Münchener Hexensabbates gar nicht mehr erinnern . Damals waren Sie noch wohlbestallter klassischer Schulmeister in der fröhlichen Pfalz . Was kümmerten Sie da die unklassischen Münchener Händel ? Sie räsonnierten und zechten mit unserem gemeinsamen Freund Doktor Leyser - Gott hab ' ihn selig ! - und schlugen sich die ersten pessimistischen Einfälle zwischen zwei Flaschen Jesuitengarten zu Faden , weil die üppige Sarah , die nachmalige Gesponsin meines Münchener Bankiers , Sie nicht erhören wollte . Aber ich habe jenen Hexensabbat in München miterlebt , und als ich neulich meine kleine Reisebibliothek revidierte , fielen mir wieder die Strophen in die Hand , worin der nun fast vergessene Dichter Herwegh jenen Spuk schildert . Ich will zu Ihrer pessimistischen Ergötzung die Hauptstellen ausschneiden und herkleben . Hier ! Vielverschlagener Richard Wagner , Aus dem Schiffbruch von Paris Nach der Isarstadt getragner Sangeskundiger Ulyß , Ungestümer Wegebahner , Deutscher Tonkunst Pionier , Unter welche Insulaner , Teurer Freund , gerietst Du hier ! Und was hilft Dir alle Gnade Ihres Herrn Alkinous , Auf der Lebenspromenade Dieser erste Sonnenkuß ? Die Philister , scheelen Blickes , Spucken in den reinsten Quell ; Keine Schönheit rührt ihr dickes , Undurchdringlich dickes Fell . Ihres Hofbräuhorizontes Grenzen überfliegst Du keck , Und Du bist wie Lola Montez Dieser Biedermänner Schreck . » Solche Summen zu verplempern , Nimmt der Fremdling sich heraus ! Er bestellte sich bei Semper ' n Gar ein neu ' Komödienhaus ! Ist die Bühne , drauf der Robert , Der Prophet , der Troubadour München ' s Publikum erobert , Eine Bretterbude nur ? Schreitet nicht der große Vasco Weltumsegelnd über sie ? Doch Geduld - Du machst Fiasco , Hergelaufenes Genie ! Ja , trotz allen Deinen Kniffen , Wir versalzen Dir die Supp ' ; Morgen wirst Du ausgepfiffen - Vorwärts , Franziskanerklub ! « Ein niedlicher Rummel der Isarathener ! Und das war Ludwigs vielgeliebtes Residenzstadtvolk , in dessen Mitte er leben sollte ... Wenn er dem Zwange des Staatsgrundgesetzes gehorcht und einige Male im Jahre bei Nacht und Nebel nach München kommt , dann schließt er sein Theater für den großen Haufen der Isarathener und läßt sich Separatvorstellungen rüsten , in welchen neben den klassischen Meisterwerken der großen Deutschen mehr und mehr die Louis-Quatorziaden der wälschen Repräsentationskomödie zur Darstellung kommen , und mein verehrter Doktor Trostberg , der bleiche Schatten des einstigen rotblütigen Zeitgenossen und Überlebenden des deutschen Bauernkrieges , taucht seine Schwertfeder in die Schminktöpfchen französischer Übersetzungsdramatik und Pompadourlitteratur ... Ah , Sie wollen einen Pessimistenstil , geheimer Separatdichter ? Da haben Sie ihn ! Und da , wo die Isarwellen scheu und klagend an der Bogenhauser Höhe vorübereilen , da sehe ich einen Stein aus dem Wasser ragen ... Und auf diesem Stein wird einst der Doktor Trostberg seine mißbrauchte Schwertfeder zerbrechen und seine Leier zerschlagen - im Jammer um eine verlorene schöne Welt , und das wird sein erster wahrhaftiger Weltschmerz sein , vor dem ich Hochachtung empfinde , ich , der Weltfrohe . Und nun lassen Sie uns ein wenig von unseren letzten Tagen und Eindrücken in Pompeji plaudern ! Jawohl , dieses Pompeji , das sich jetzt nach tausendjährigem Todesschlaf wie ein Gespenst am hellen Tag aus seinem Grabe erhebt und sich Asche und Staub aus den hohlen Augen reibt und seine verschollene Zier und seine verblichene Schönheit Stück für Stück aus den Trümmern zusammenliest , das war eine Kunststadt . Fürwahr , ich möchte unsere Kunststadt nicht an seiner Stelle sehen ... Ach , der Gedanke an die Heimat läßt mir keine Ruhe , und mein Empfinden schweift schon wieder ab ... Es ist ein Sturm , ein Aufruhr in mir , der jedem beschaulichen Genießen spottet . Meine Feder saust im Fieber über das Papier , und ich breche Ihnen den Hals , Doktor , wenn Sie nicht stille halten und mich nicht achtungsvoll zu Ende hören . Der Sie das Leid der ganzen Welt empfinden und tragen , dürfen nicht widerwillig das Leid des Einzelnen von sich weisen . Und ich leide , wenn ich an unumwundener Aussprache verhindert werde . Aber ich will nicht zu einem Klotz reden , sondern zu einer mitempfindenden Mannesseele . Für letzteres halte ich sie trotzalledem . Täusche ich mich , so sind Sie ein verdammter Egoist . Ich würde es dann nicht einmal mehr für ein Vergnügen , geschweige für eine Ehre halten , von Ihnen angepumpt zu werden . O nicht diese saure Miene , obwohl sie einen geborenen Pessimisten gut kleidet ! Ich revanchiere mich und pumpe Sie auch an , sobald ich heimkomme . Nicht um Geld , sondern um einen guten Dienst . Jetzt , wo Sie ein Zipfelchen vom Ohr des Königs haben und ein Mann von allerhöchstem Einflusse sind ... Meine Isarbebauungspläne - ahnen Sie etwas ? Ah , ich sehe schon isarauf- und abwärts die Gerüste aus dem Boden wachsen und ein Heer von Arbeitern wimmeln und ganze Wagenburgen mit Baumaterial heranziehen ... Die Lastfuhrwerke knarren und ächzen , Staubwolken wirbeln auf , ein ungeheures Leben erfüllt die stillen Ufer , aus allen Gassen strömen die Gaffer herbei , um das Wunder der Umgestaltung zu sehen . Wie die Göttin der Schönheit aus den Fluten des Meeres , so taucht ein göttlich schönes Neu-München aus den Fluten der Isar auf ... Und da jagen meine Gedanken in diesem toten Pompeji umher wie aufgescheuchte Vögel , wenn sich der Himmel mit Gewittern überzieht . Warten soll ich ! schreibt man mir von daheim . Warten . Der große Zeitpunkt sei noch nicht gekommen . In vier , fünf Jahren erst könne alles in Fluß kommen . Man habe alle Hände voll mit anderen Dingen : mit der Wasserleitung , der Kanalisation , der Pflasterung , der Trambahn , dem Viehhof , den