verlieh alledem die sanfte Schüchternheit , die darüber ausgegossen war und die bescheiden auftretende Gestalt in ihrem so stattlichen Wuchse in der Tat wie Mondlicht verklärte . Sie lächelte leicht , als sie Salander grüßte , aber mehr wie um Atem zu schöpfen , als um ihn oder irgend jemand anzulächeln , und er verbeugte sich bei diesem Anlaß unfreiwillig , trotz seiner demokratischen Gesinnung , und nahm sogar die Hände hervor , die er auf dem Rücken gehalten hatte . Jetzt kamen auch die Knaben gelaufen und zeigten an , daß die Suppe auf dem Tische stehe . » So laßt uns gehen , eh sie kalt wird ! « mahnte Wohlwend . » Es ist das einzige , was die Köchin heute geleistet hat , eine gut österreich-ungarische Suppen , eine Mehlspeis nicht zu vergessen ! Herr Großrat , darf ich dich bitten , meiner Frau den Arm zu bieten und voranzugehen , links durch ! « Martin mußte sich zusammennehmen , der Einladung rasch zu gehorchen . Woher hat er nur diese verfluchten Künste ? dachte er , hier wußte er den Teufel davon , sowenig als ich ! Am Tische kam er heute natürlich neben die Frau zu sitzen , erhielt aber dafür die herrliche Myrrha von hellenischer Abkunft zum Gegenüber . Zu seiner Verwunderung ergriff Louis Wohlwend sofort den Suppenlöffel und tauchte denselben in die Schüssel , nachdem die Köchin , auch eine merkwürdige Erscheinung , den Deckel weggenommen hatte . » Das ist mein Amt ! « sagte er zu Salander , der ihm zuschaute , » darf ich um die Teller bitten , wir wollen sie einfach weitergeben , da wir unser so wenig sind ! « Die Frau war sichtlich etwas beschämt , so regiert zu werden ; allein er schöpfte einen Teller um den andern voll , indem er jedem seinen Anteil an den guten Sachen herausfischte , die auf dem Grunde der Schüssel ruhten , und so gerechtes Maß übte , auch dafür sorgte , daß kein Teller im Herumreichen überschwappte . Martin Salander befolgte in allen Lagen seines Lebens , wo eine Suppe vorkam , die Angewöhnung , ohne Verzug mit dem Genusse derselben zu beginnen , sobald er sie im Teller hatte . Da nun das Schöpfen beendigt war , säumte er auch nicht länger , versenkte seinen Löffel in die Brühe und führte ihn zum Munde . Als er damit auf dem halben Wege angelangt war , und auf diesen Augenblick schien der Tischherr gewartet zu haben , sagte Wohlwend unversehens mit trockenem Tone : » Georg , bete ! « Verblüfft hielt Martin Salander den Löffel schwebend in der Luft und schaute auf . Alle hielten die Hände gefaltet vor sich hin , während der Knabe ein Tischgebet verrichtete . So blieb jenem nichts anderes übrig , als seinen Löffel niedergehen zu lassen und die Hände wenigstens vor sich auf den Tisch zu legen . Zu einem geheuchelten Mitfalten fehlte es ihm doch an Unverfrorenheit . Inzwischen betrachtete er den Louis Wohlwend ganz unbefangen , wie er ernsthaft vor sich niederblickte und unter seinem tatarischen Schnurrbart die Lippen schloß , wie wenn er einen Schluck Wein auf der Zungenspitze hätte . Als das Gebet zu Ende , wurde die Suppe ohne weiteres Hindernis verzehrt , und da hiebei wenig gesprochen zu werden pflegt , fand Salander Zeit , über den Vorfall seine Gedanken zu machen . Daß in einer Familie mit Kindern das Tischgebet fortgeführt wird und auch Wohlwend , der die Sitte wahrscheinlich im Hause des Schwiegervaters vorfand , es tat , fiel ihm nicht so auf , wie die unverkennbare Absicht , mit welcher er den arglosen Gast den Löffel hatte ergreifen lassen , eh er den Befehl erteilte . Martin schloß also hieraus , daß es auf ihn besonders gemünzt sein müsse , und indem er mit geheimem Ergötzen die alten Schnurren darin erkannte , wunderte er sich nur , zu was sie jetzt noch nötig seien , und daß Wohlwend die beleidigende Form nicht selbst gefühlt habe . Solange er ihn kannte oder zu kennen glaubte , ahnte er doch nicht , daß der gute Freund allmählich auch von einer gewissen Bosheit gefüllt worden , welche ohne sein Wissen durchsickerte , wo er es am wenigsten wünschte , da der Zusammenhalt sich lockerte . Wohlwend merkte übrigens , daß der Gast das Auftrittchen seiner neusten Erfindung nicht ganz unempfindlich hinnahm und eröffnete daher das Tischgespräch folgendermaßen : » Du bist vielleicht von unserem soeben geübten Brauche überrascht , alter Freund ! Du weißt , ich war nie ein Kopfhänger , nie ein Frömmler und gedenke es niemals zu werden ! Aber in diesen Zeitläuften und bei einem Leben , wie ich es führen mußte , immer auf der niedrigsten Gewinnsjagd umhergetrieben und fruchtlos abgehetzt , da lernt man wieder mehr nach den alten Idealen der Menschheit ausschauen , um , wenn vielleicht nicht für sich , so doch für die Kinder etwas zu retten , woran sie sich halten können ! Du verstehst ! « Salander bemerkte , daß die Frauen wie die Knaben den Sprecher aufmerksam ansahen und seine Worte , die ihnen neu und unverständlich waren , nach dem Ausdruck ihrer Mienen zu schließen , doch für etwas Großes und Weises hielten . Er wollte das Familienhaupt daher nicht einmal durch Stillschweigen im Stiche lassen . » Du bist ja ganz in deinem Recht ! « entgegnete er . » Abgesehen von den Fragen häuslicher Andacht hielt ich stets dafür , daß man überhaupt angesichts der Stellung , welche die christliche Religion in der Weltgeschichte wie im Leben der Gegenwart einnimmt , gar nicht ermächtigt sei , den Kindern deren Inhalt zu unterschlagen , wie er sich jeweilig für einmal darstellt . Man hat die Pflicht , ihnen das Entwickeln freier Überzeugung für das Alter der Mündigkeit offen zu halten ; dazu müssen sie erfahren , was bis auf ihre Zeit bestanden hat , und müssen hören , was die