nur auf wenige Minuten erwacht und hatte die Suppe , die sie ihm gereicht , mit Heißhunger gegessen . Nun schlief er wieder . So traf ihn der Regimentsarzt . Er ließ sich die Krankengeschichte erzählen und untersuchte dann den Leidenden . Als Sender die Militäruniform sah , schrak er zusammen . Aber der Arzt beruhigte ihn : » Nein , mein Sohn , aus dir wird dein Lebtage kein Soldat ! « Dies sagte er auch der Mutter . » Eine Gefahr für sein Leben besteht jetzt nicht mehr , und wenn er sich schont , gut nährt , vor jeder Aufregung , aber namentlich auch vor jeder Erkältung hütet , so kann er recht alt werden . So gesund , um rekrutiert zu werden , wird er freilich niemals wieder . « Sie fragte , ob die Aufregungen jener Szene den Blutsturz herbeigeführt . Der Arzt zuckte die Achseln . » Vielleicht « , sagte er . » Wenigstens wäre er sonst wahrscheinlich nicht so heftig gewesen . Aber dann wär ' s eben ein Bluthusten geworden .... Für die Erkrankung Ihres Sohnes kann der Rabbi nichts , wohl aber hängt es von ihm wie von jedem , der dem Kranken Freude oder Schmerz bereiten kann , ab , wie rasch und gründlich er sich erholt . Die Suppen allein werden ' s nicht machen ! « Der Marschallik , der neben Simche , dem Kutscher , ehrfurchtsvoll lauschend an der Tür stand , gab diesem einen kräftigen Rippenstoß . » Hört Ihr ? « flüsterte er . » Ihr sollt mir dafür Zeuge sein . « Nachdem der Arzt gegangen , sagte er zu Frau Rosel : » Also die Hauptsache : keine Vorwürfe , keine Fragen ! Und fragt er was , eine beruhigende Antwort . Wißt Ihr keine , so sagt es mir , ich werd ' sie wissen . « » Immer ? « fragte sie zweifelnd . » Ja « , erwiderte er . » Ich bin nicht dumm , und Gott ist allweise ! « Aber dazu kam es in den nächsten Tagen nicht . Sender schlief viel und lag die übrige Zeit still da . So oft die Mutter an sein Lager trat und ihm die blassen Wangen streichelte , überflog ein Lächeln sein Antlitz , er schloß die Augen , und dies Lächeln haftete dann noch auf den Zügen des Schlummernden . Ihm war ' s , als sei er wieder ein Kind und es könne ihn kein Leid anrühren , so lang ihn die Mutter behüte und mit ihm zufrieden sei . Und als er endlich fragte , ob er außer Gefahr sei und wie es um seine Militärpflicht stehe , so brauchte sie ja nicht erst mit dem Marschallik zu beraten , um ihn zu beruhigen . Inzwischen war Itzig Türkischgelb bemüht , auch für all die anderen Fragen , die wie drohende Klippen das fernere Leben seines armen Schützlings umstarrten , eine freundliche Lösung zu finden . Zunächst warb er den dicken Simche als Bundesgenossen . » Ihr müßt mir helfen , den Ochsen bei den Hörnern zu fassen « , sagte er ihm . » Der Ochs ist unsere Gemeinde . Mit dem Schweif , den kleinen Schreiern , wollen wir uns nicht abgeben . Kommt zum Rabbi ! « Als sie vor dem Gelehrten standen , begann der Marschallik mit der Frage , ob der Rabbi Sender in den » Cherem « ( Bann ) getan . Niemand wisse es genau . » Nein ! « erwiderte Rabbi Manasse . » Meinen Fluch habe ich über ihn ausgesprochen , den Bann nicht ; das muß ja schriftlich geschehen . Ich warte noch . Denn es steht geschrieben : Der Mensch richte nicht , wo Gott gerichtet . Er soll ja im Sterben liegen ... « Das sei zum Glück nicht wahr , erwiderte der Marschallik und erzählte ausführlich von Senders Zustand und der Mahnung des Arztes ; auch seien die Bücher bereits verbrannt . » Und darum werdet Ihr Barmherzigkeit üben « , schloß er flehend . Der Rabbi schüttelte finster den Kopf . » Hat er denn mich beleidigt , daß ich ihm verzeihen könnte ? Es war ein Frevel gegen Gott , und den muß ich strafen . Mit den fremden Zeichen schleicht sich der Abfall in die Reihen Israels ein . Ihr deutet seine Genesung als eine Gnade Gottes ? Nein , er läßt den Sünder leben , damit er auf Erden büße , was er auf Erden gefrevelt ! « » Aber der Bann ist ja eine furchtbare Strafe ! « klagte der Marschallik . » Der Unglückliche wäre dann brotlos , friedlos , heimatlos . Und was ist seine Schuld ? Dasselbe tun alle Juden in Deutschland und in unseren großen Städten . « » Traurig genug « , war die Antwort . » Ich habe leider nur über meine Gemeinde die Macht ! Ich schütze sie vor dem Gift . Luiser und Dovidl - ich sagt ' s Euch schon - sind Apotheker . Aber von Mutwilligen ist Sender der erste und soll der letzte bleiben . So wollen ' s unsere Weisen ! « » Unsere Weisen ! « rief der Marschallik . » Unter den zehntausend Meinungen von zehntausend Rabbinern , die der Talmud verzeichnet , ist vielleicht auch eine , die Euch recht gibt , und die hundert , die Euch unrecht geben , beachtet Ihr nicht ! Der Talmud ist wie ein Wald ; ruft Ihr Rache oder Gnade hinein - es wird daraus schallen , wie Ihr gerufen ! « » Ihr redet , wie Ihr ' s versteht . Ich folge unseren Weisen ! Übrigens - es war ihm vorbestimmt . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme . Seinen Vater hat der eigene Vater verflucht ! « Der Marschallik wollte heftig erwidern . Da hielt er plötzlich inne . Von seinem Antlitz wich die zornige Erregung und machte tiefer Betrübnis Platz .