zwei nebeneinander auf den Bänken ; Lydia und Max Dezimus zunächst . Die maifrischen Gesichter inmitten der maifrischen Landschaft erquickten das Auge der verwöhnten kleinen Künstlerin . Sie hatte eine besondere Art von Gitarre oder Laute aus Italien mitgebracht und heute nicht vergessen . » Zu einer Gondelfahrt gehört Gesang , « sagte sie , » mache den Anfang , lieber Max . « Nach kurzer Verständigung griff sie in die Saiten , und ihr Bruder hob eine Barkarole an mit einem Tenor , so weich und glockenhell , wie die Gesellschaft , außer Sidonien , noch keine Menschenstimme vernommen hatte . Lydias große Augen hingen mit Entzücken an seinen Lippen , Röschen jubelte laut auf , und Dezimus bewunderte in neidlosem Verstummen die Fülle der besten Gaben , welche die Natur diesem herrlichen Jüngling eingebunden hatte . Ach , wie arm und gering nahm er sich neben diesem Glücklichen aus , er , der doch auch ein Glückskind hieß ! Wer hätte unmittelbar nach diesem Wohllaut seine Stimme hören lassen mögen ? Da Peter Kurze , der unermüdliche Unterhalter , durch das Ruder in Anspruch genommen war , kam somit die Reihe des Witzigseins wieder an den Leutnant , und da ihm just nichts Neueres oder Geistreicheres einfiel , sprang er auf und begann mit ausgespreizten Beinen , bald links , bald rechts tretend , den Kahn zu schaukeln , so daß , stark gefüllt , wie er war , das Wasser um ein Haar über die Ränder getreten wäre . Priszilla und Phöbe kreischten laut auf . » Halte mich , Dezem ! « schrie Röschen . » Dummer Junge ! « brummte Peter Kurze , zum Glück unverstanden . Sidonie aber , rasch gefaßt , zog den armen Spaßvogel an ihre Seite nieder mit den Worten : » Hier bleibst du sitzen ! Du , Phöbe , neben Rosen ! Nicht gerührt ! « » Ich bin schon als Fähnrich Freischwimmer gewesen , ich würde euch alle gerettet haben , « sagte der Leutnant , leistete aber gehorsam Folge und saß mucksmäuschenstill . Das Gleichgewicht der Bewegung war somit hergestellt ; daß aber auch das der Stimmung wiederhergestellt werde , hob Peter Kurze seinen Leibkanon an , den er bei jeder möglichen Gelegenheit zum Vortrag brachte und in welchen das kunstsinnige Fräulein Sidi unverdrossen einstimmte : » Sind wir wieder einmal beisamm gewest , Han uns wieder einmal liebgehat « und so weiter . Nur Dezimus und die beiden , welche seiner Ruderbank zunächst saßen , sangen nicht mit . Die beiden flüsterten miteinander , und jenem erweckte das Flüstern , von dem ein Wort und das andere zu ihm hinüber drang , bewegliche Gedanken . Beim Schwanken des Bootes hatte Lydia sich an Max geklammert ; er umfaßte sie , drückte sie an sich und hauchte in ihr Ohr : » So sterben , wäre das nicht schön ? « setzte aber lauter rasch hinzu : » Nein , nein , zuvor so leben , Lydia ! « Sie entwand sich seinen Armen und senkte die Lider vor seinen flammenden Blicken . Nach einer langen Stille fragte sie leise : » Du sagtest neulich , Max , du liebtest den Tod , aber nicht die Toten . Hieß das so viel , als du liebtest die Lebenden , aber nicht das Leben ? « » Nein , gewiß , « antwortete er , » das hieß es nicht ; denn als ich es sagte , hatte ich noch keinen Lebenden geliebt . « » Max ! « » Du meinst meine Schwester ? O nicht doch , Lydia ! Was ich für dieses gute , verkümmerte Wesen empfinde , ist Trauer oder , wie du es nennen magst , Erbarmen . Liebe aber ist Wonne , ist Seligkeit , und heute , Lydia , heute - - « » Aber das Leben , Max ? « unterbrach sie ihn hastig . » Liebst du , erfüllt dich das Leben ? « » Wer liebte es nicht , Lydia , und wer dürfte es nicht lieben , da es einen Tod gibt , der es endet , wenn es kein Leben , keine Erfüllung mehr ist ? « » Was nennst du leben , Max ? « fragte Lydia nach einer neuen Stille . » Das ! « antwortete er . Er zog aus ihrem Gürtel eine Frührose , die er ihr vor der Abfahrt gereicht hatte , sog in vollen Zügen ihren Duft ein , bis die Blätter auseinanderfielen , und warf sie dann in den Fluß . » Das ! « Der Kahn stieß in diesem Augenblicke an das Ufer . Max führte seine Schwester nach dem Herrenhause ; die übrige Gesellschaft schlug in der Zwischenzeit unter Peter Kurzens Führung einen Spazierweg ein ; Lydia blieb zurück . Sie wäre wohl gern ganz allein gewesen ; einer jedoch mußte den Kahn sichern , für den es in dieser Nähe der Stromschnellen keinen Anhalt gab ; da dieser eine aber Dezimus war , blieb sie wenigstens so gut wie allein . Denn nach den heimlichsten Offenbarungen einer Dichterseele eine Unterhaltung zu versuchen , nein , so ausverschämt war der Held dieser Geschichte nicht . Lydias Blicke folgten sinnend der Rose weit hinaus , bis sie auf und nieder tauchend zwischen den weißen Strudeln verschwunden war . Jetzt erst schien sie eines Dritten Gegenwart innezuwerden ; und da es ihr einfallen mochte , daß er wohl ihr Gespräch mit Max gehört haben könne , fragte sie mit dem ihr eigenen gütigen Lächeln : » Was nennen Sie leben , lieber Dezimus ? « Er dachte eine Weile nach , dann , zu ehrlich , um seine Zeugenschaft zu verleugnen , antwortete er : » Was ich selber vom Leben weiß , heißt auch nur glücklich sein . Wie aber mein Vater mich das Leben verstehen lehrt , heißt es reifen , werden . « » Und sterben ? « » Ich glaube : das nämliche . «