umkehren müssen . Nun macht er Pakete zusammen , sie sind aus der Speisekammer unseres Wirtes und sollen durch kräftige Holzhauer in die Lautergräben zu den Kranken getragen werden . Das sind kurze Tage und doch so lang . Ich habe meine Zither , habe die neue Geige , die mir der Pfarrer zu meinem jüngstvergangenen Namenstage hat bringen lassen , ich habe andere Dinge , die mir sonsten Zerstreuung geboten haben . Aber jetzt mutet mich nichts an . Stundenlang gehe ich in der Stube auf und ab und denke nach , was dieser Winter noch für Folgen haben kann . Es gibt Hütten genug in den Gräben , wo die Leute mit ihren Schaufeln nicht gewesen sind . Wir wissen nicht , wie es in denselben aussieht . Auf daß ich mich von der drückenden Tatlosigkeit erlöse , habe ich heute die Lade unter der Ofenbank aufgemacht und meine alten Tagebuchblätter herausgenommen , um nachzuschlagen , was die Gemeinde seit ihrem Bestehen für Schicksale gehabt . Da sehe ich , es ist seit zehn Jahren nichts mehr geschrieben worden . - Zwei Dinge mögen die Ursache gewesen sein , daß ich die Aufzeichnungen unterbrochen habe . Erstens ist das Bedürfnis nicht mehr in mir gewesen , meine Gedanken und meine Empfindungen aufzuschreiben , da ich an unserem Pfarrer einen Freund gefunden habe , dem ich mich unverhohlen mitteilen kann , wie er sich mir mitteilt , und mir seine seltsame Lebensgeschichte dargelegt , ehe er mich noch gekannt hat . Das ist einer der wenigen , die durch Drangsale geläutert edel und rein aus den Wirren und Irren der Welt hervorgehen . Die Wäldler lieben ihn von Herzen ; er leitet sie nicht durch Worte bloß , sondern mehr durch seine Taten . Seine Sonntagspredigten erhärtet er an den Wochentagen durch Beispiele . Er opfert sich auf , er ist den Leuten alles . Seine Haare sind nicht mehr schwarz , wie vormaleinst im Felsentale , sein Gesicht ist ernst und immer gütig . Die Betrübten blicken ihm in die Augen und empfinden Trost . Gerne erzählt er , wenn wir auf der Bank oder um den Tisch beisammensitzen , von der weiten , schönen Welt , von fremden , merkwürdigen Ländern , von den Wundern der Natur . Pfeifenfeuer gehen dabei aus , denn alles hört ihm zu mit Ohren und Mund . Nur die alte Frau aus dem Winkelhüterhause erklärt des Pfarrers Erzählungen für vorwitzige Fabeleien ; ein ordentlicher Priester , meint sie , müsse hübsch von Himmel und Fegfeuer reden , und nicht allweg von der Erden . Sie horcht aber zu und es gefällt ihr doch . Vor mehreren Jahren hat die kirchliche Behörde unsere Pfarrerfrage einmal aufgetischt , hat unsern Vater Paul nicht anerkennen wollen , sondern einen neuen hereinzustellen Miene gemacht . Hei ! da haben die Winkelsteger zu toben angefangen und die Sache ist beim alten belassen worden . Dagegen aber wird Winkelsteg draußen nicht als Gemeinde und Seelsorge anerkannt , sondern als eine Niederlassung von Halbwilden und verkommenen Menschen , wie sie das früher gewesen . Mir hat das anfangs sehr wehe getan , wir hätten uns so gerne der Allgemeinsame angeschlossen , aber da sie uns zurückdrängen , so sage ich schier am liebsten : um so besser , so lassen sie uns fürder in Ruh und wir können ungefährdet und unbeschränkt - wie sie es draußen nicht können , noch wollen - dem Ziele einer Mustergemeinde zustreben . Die zweite Ursache der Vernachlässigung meines Tagebuches ist die viele und mannigfaltige Arbeit , die mein Beruf mir auferlegt . Anfangs ist es der Bau des Schulhauses gewesen , der mir keine Ruhe gelassen . Es ist denn alles hergestellt worden , wie ich es für die wichtige Sache am zweckmäßigsten halte . Das Haus ist von Meister Ehrenwald aus Holz aufgeführt . Das Holz regelt Wärmezustand besser , als der Stein , auch zerstreut es mehr die Dünste und gibt frische Luft . Dann ist mir darum zu tun gewesen , den Leuten einen zweckmäßigen und geschmackvollen Holzbau als Muster aufzustellen . Es ist zu meiner Freude die leichte , zierliche und doch haltfeste Art meines Schulhauses und seine bequeme Einteilung und Einrichtung schon vielfach nachgeahmt worden . Meine Fenster , Türen , Maurer- und Schlosserarbeiten werden bereits von der ganzen Umgebung als mustergültig betrachtet . Um das Haus ist ein Garten und ein geräumiger Spielplatz mit Werkzeugen für körperliche Übungen angelegt . Das Haus ist zum Schutze gegen die Unbill der Witterung ringsum mit einem breiten Vordache versehen , aber so , daß es dem Lichte des Innern nicht Eintrag tut . In der Schulstube ist vor allem auf die Gesundheit der Kinder Rücksicht genommen worden . Die Bänke stehen nicht zu dicht aneinander und die Tischläden sind hoch , damit sich die Schüler das gebückte Sitzen nicht angewöhnen . Bei dem Lesen lasse ich den Schüler aufstehen , damit er das Buch von den Augen in entsprechender Entfernung halten kann . Die Fenster sind so verteilt , daß das Licht den Lernenden von der linken Seite oder von rückwärts kommt . Zum Ablegen der Überkleider ist ein Vorkämmerchen eingerichtet , auf daß bei schlechtem Wetter uns die Ausdünstung nicht schädlich werde . Den Wärmegrad der Stube suche ich immer mit jenem von draußen in einem gewissen Verhältnisse zu halten , damit die Ein-und Austretenden nicht ein zu jäher Wechsel treffe . Was meine Wohnung im Schulhause anbelangt , so ist sie nicht groß , aber sehr traulich . Und tausendmal traulicher noch macht sie mir jene Winterfahrt durch Rußland , der ich zuweilen wie eines wilden Traumes gedenke . - Wohl , ich bin seit jenem Traume um viele Jahre jünger geworden ; wie mich die Stürme der Welt zu Boden geschlagen , so habe ich mich aufgerichtet an der Ursprünglichkeit des Waldes . Ein weit schwereres Amt als die Schulangelegenheiten und eine weit größere Pflicht ist mir die Überwachung der geistigen Gesundheit der mir Anvertrauten .