, noch länger steckte man die Köpfe zusammen , und weniger , um zu beten , als um einen Punkt für den unsicher werdenden Blick zu gewinnen , zog sie ihr kleines Andachtsbüchlein heraus . Gelesen aber hat sie nicht , die Buchstaben schwammen auf dem weißen Blatte so schnell durcheinander , daß ihr die Augen übergingen , sobald sich diese fest auf eine Zeile richten wollten . War sie denn in der Kirche , dem Hause Gottes , wo alle gleich , alle Sünder sind , aber auch alle Ruhe und Trost finden können und Schutz vor den Stürmen , die da draußen toben ? Es kam ihr wie eine Entweihung des heiligen Ortes vor , daß sie heute so viele zeitliche Gedanken und Erinnerungen mit da hereinbrachte , und doch war sie vergebens bemüht , derselben loszuwerden . Was sie dem Bruder noch nicht recht glauben wollte , war ihr jetzt furchtbar klar geworden . Alle sahen sie um die heutige Predigt an , alle dachten an den Stighof und weiß Gott an was , während der Kaplan droben vor dem prächtig geschmückten Altar ein lateinisches Kirchengebet eintönig heruntersang , welches außer ihm und dem Pfarrer kein Mensch in der ganzen Versammlung verstand . Warum betete er nicht lieber , daß man es verstehen konnte ? Vielleicht wäre doch ein Gedanke drin gewesen , der ihr hinausgeholfen hätte über die Beziehungen und Verhältnisse des Werktagslebens ! Ihr Andachtsbüchlein hatte sie ja zu Hause auch . Nur in dem lesen hätte sie dort auch können , und noch besser als da , wo sie sich von jedem anblicken und ihn dabei unwillkürlich auch seine Rechnung machen lassen mußte . Es war heute in der Kirche gar nicht wie sonst . Noch immer hatte sie da , wo reich und arm nebeneinander knieten und gemeinsam zum Mahl der Liebe gingen , sich als Kind Gottes gefühlt ; heute dachte sie nur an ihre Armut , ihre Abhängigkeit . Wenn sie zu beten versuchte , war ' s nur ein Flehen zu Gott , daß doch er sie nicht verlasse und noch fernerhin den Schutzengel mit guten Einsprechungen sende an die , von deren Gunst ihr guter Verdienst und damit das Wohl des Vaters und der Schwester abhängig sei . Aber selbst in diesem Zusammenfassen ihrer zeitlichen Sorgen wurde sie durch das vielleicht ihr heute auch besonders auffällige Benehmen der Umstehenden gestört . Sie alle schienen ihre Wechseltische hier aufgeschlagen und das Haus Gottes zu einer Höhle des Neides , des Ehrenmordes gemacht zu haben . Nur einer in den unteren Stühlen war so in seinem Gebetbuch , daß er weder sie noch die anderen zu bemerken schien - Stighans . Der hätte gewiß auch Grund gehabt , sich zu ärgern , und besonders über sie , wegen der er - wie der Bruder sagte - ins Gerede und in die Predigt hineingekommen war . Und doch war ihm auch unter dem Mittagsessen gar nichts anzumerken ; die alte Stigerin freilich tat etwas wunderlich . Es war das aber auch weniger zum Verwundern , als daß Hans alles so gelassen hinnehmen konnte . Das war denn doch ein anderer Mann als Jos , dessen Leidenschaftlichkeit sie seit einem halben Jahre schon so oft erbeben machte ! Freilich brauchte er sich um Kleinigkeiten auch nicht viel zu kümmern . Er stand fest auf dem Erbe seines Vaters , Jos dagegen mußte sich jede Stufe mühevoll erkämpfen . Das mochte den guten Burschen so trotzig gemacht haben , wie er damals war , als er ihr sagte , daß er nicht mehr auf den Stighof kommen werde . Freilich , zu erklären war allenfalls sein Benehmen , aber darum ärgerte das eins doch . Zwar nicht so recht und ganz wie heute die unverschämten Blicke - nur » a bitzle « , doch so , daß man es ihn nicht ungern auch etwas empfinden ließ . Und wie beim Jos war ' s auch bei Hansen . Wenn man auch seinen heitern Sinn , seine unverwüstliche Seelenruhe dem schon durch seine Stellung gegebenen Gefühle der Sicherheit zuschreiben konnte , so tat sie einem doch wieder wohl , und man freute sich , bald wieder zu ihm zu kommen auf seinen stillen Stighof . Wie schlimm wäre sie doch jetzt daran , wenn auch er noch dem Winde folgte ? Ängstlich dachte das Mädchen , wie viele Leute er nun vielleicht wieder reden höre , bis er daheim sei . Sie Verließ mit den ersten die Kirche , und der Weg nach Argenau kam ihr endlos vor . Wen alles konnten die Stigerin und Hans auf dieser Strecke antreffen , wie vielerlei hören ! Heute tat ihr die Freundlichkeit der Bäuerin so wohl , daß sie nun in der Küche ein inniges Gebet zum Himmel schickte , was sie in der Kirche nicht vermocht hatte . Es kam aber auch die Frau ihr so freundlich entgegen , daß dem armen Mädchen , welches ihrer Heimkehr mit Sorge entgegensah , vor freudiger Rührung das Wasser in die Augen schoß . Das waren Leute ! Viel wohler wurde einem zumute , viel frömmere und bessere Vorsätze konnte man neben ihnen machen als selbst in der Kirche . Und nun kam auch Hans und erzählte , daß er heute gar keine Lust gehabt habe , mit den anderen Burschen in die Krone zum Bier zu gehen , um da ihr dummes Geschwätz zu hören . Wenn böse Leute sie nun einmal alle zusammennähmen , so wollten sie auch gehörig zusammenhalten , so treu und fest , bis man vor Ärger darüber gar nichts mehr sagen möge . So redete Hans , und die Stigerin hatte nicht einmal ein Wörtchen dagegen einzuwenden . Dem Mädchen war ganz wunderbar zumute . Hansjörg hatte also vielleicht doch nicht ganz unrecht , wenn er eine Neigung Stighansens andeuten wollte . Noch wurde ihr fast angst vor diesem Gedanken , aber Hans galt ihr jetzt zu viel , als daß sie sich