Stimme zu dem Doktor . » Herr von Hartwig in Thalleben , ein alter Freund von mir , ist auf einer Spazierfahrt verunglückt , die Verletzung ist tödlich ; wie man mir schreibt , kann er höchstens noch einen Tag leben ... er beruft mich zu sich , um die Sorge für seine unmündigen Kinder in meine Hände zu legen ... Teilen Sie der Baronin Lessen meine Abreise und deren Veranlassung mit ; sie soll dafür Sorge tragen , daß das Fest nicht gestört werde . Meine Schwester und die Gesellschaft sollen in dem Wahne bleiben , daß ich in einer Geschäftsangelegenheit abberufen worden bin und möglicherweise bald wieder nach dem Festplatze zurückkehre . Man wird mich nicht mehr vermissen , sobald der Tanz begonnen hat . « Der Doktor entfernte sich sogleich , um die Baronin aufzusuchen . Seine Frau war schon vor einer Weile nach dem Büffett gegangen , und so stand Elisabeth in diesem Augenblicke Herrn von Walde allein gegenüber . Er näherte sich ihr rasch . » Ich hatte geglaubt , wir würden heute nicht auseinandergehen , ohne daß der Schluß des Glückwunsches ausgesprochen worden wäre , « sagte er , während sein Auge ihren ausweichenden Blick aufzufangen suchte . Ich gehöre nun schon einmal zu jenen Glückspilzen , denen noch in der letzten Stunde ein Unstern das gelobte Land verschließt . « Er bemühte sich , diesen Worten einen humoristischen Anstrich zu geben , aber sie klangen deshalb nur um so bitterer . » Diesmal soll er mich jedoch zähe finden , « sprach er in entschlossenem Tone weiter , » fort muß ich , das läßt sich nicht ändern , aber die Erfüllung dieser schweren Pflicht kann mir sehr erleichtert und versüßt werden durch ein Versprechen Ihrerseits ... Wissen Sie noch die Worte , die Sie mir vorhin nachgesprochen haben ? « » Ich vergesse nicht so schnell . « » Ah , das klingt schon bedeutend ermutigend für mich ! ... Es existiert ein Märchen , in welchem ein einziges Wort ein Reich voll unermeßlicher Schätze und lieblicher Wunder erschließt ; der Schluß jenes Glückwunsches ist auch ein solches Wort ... Wollen Sie mir behilflich sein , daß es ausgesprochen werde ? « » Wie könnte ich Ihnen zu Schätzen und Reichtümern verhelfen ? « » Das ist meine Sache ... Ich bitte Sie ernstlich , in diesem Augenblicke keinen weiteren Ausweichungsversuch zu machen ; denn die Zeit drängt ... Ich frage Sie also , wollen Sie in den Tagen , die ich ausbleiben werde , sich bestreben , den Anfang des Glückwunsches in Erinnerung zu behalten ? « » Ja . « » Und Sie werden bereit sein , wenn ich zurückkehre , das Ende zu hören ? « » Ja . « » Gut , ich werde mitten in Trübsal und Leiden ein Stück blauen Himmels über mir behalten , und Ihnen - möge unterdes mein guter Engel den Namen jenes Wunderreiches zuflüstern ... Leben Sie wohl ! « Er reichte ihr die Hand und schritt hinter dem Turme weg auf den nächsten Weg , der nach dem Schlosse führte . Elisabeth blieb eine Weile in einer Art süßer Betäubung stehen , aus welcher sie erst durch die Doktorin geweckt wurde , die mit Tellern und Schüsseln beladen zurückkehrte und nun sehr erstaunt war , keinen der Herren vorzufinden . Das junge Mädchen teilte ihr das Geschehene mit . Bald darauf kam auch der Doktor und erzählte , die Frau Baronin sei sehr pikiert gewesen , daß ihr Kousin es nicht der Mühe wert gehalten habe , sie persönlich von dem Vorfalle in Kenntnis zu setzen . Der unglückliche Doktor hatte einige Bitterkeiten der gereizten Dame in den Kauf nehmen müssen , aber er war so unhöflich , sich dadurch ganz und gar nicht in seiner Gemütsruhe stören zu lassen . Er setzte sich behaglich hinter die vollen Schüsseln und aß mit vortrefflichem Appetit . Währenddem ging Elisabeth hinüber zu Fräulein von Walde , um sich zu beurlauben . Es hielt sie ja hier nichts mehr zurück . Sie hatte das lebhafte Verlangen , mit ihren Gedanken allein zu sein , jedes Wort , das er zu ihr gesprochen , sich noch einmal ungestört zurückrufen und über den Sinn desselben nachdenken zu können . » Sie wollen gehen ? « fragte Helene , als das junge Mädchen hinter ihren Stuhl trat und sich empfahl . » Was meint mein Bruder dazu ? « » Rudolf ist in einer dringenden Geschäftssache nach dem Schlosse gerufen worden , « antwortete die Baronin , die eben erschien , schnell an Elisabeths Stelle , » Fräulein Ferber ist mithin der Verpflichtung des Hierbleibens enthoben . « Helene warf der Sprecherin einen mißbilligenden Blick zu . » Das sehe ich doch nicht ein , « sagte sie , » die Geschäfte werden doch wahrhaftig nicht derart sein , daß er gar nicht wieder hierher zurückkehrt . « » Ich denke nicht , « erwiderte die Baronin zögernd , » aber seine Rückkehr kann möglicherweise sehr spät erfolgen ... Fräulein Ferber wird sich voraussichtlich unterdes sehr langweilen in einem ihr völlig unbekannten Kreise und - « » Hat mein Bruder Sie frei gegeben ? « wandte sich Fräulein von Walde an Elisabeth , ohne die Baronin ausreden zu lassen . » Ja , « antwortete das junge Mädchen , » und ich bitte auch Sie , mir zu erlauben , daß ich mich entfernen darf . « Während dieses kurzen Wortwechsels bog sich die Oberhofmeisterin zurück und musterte Elisabeth von Kopf bis zu den Füßen mit ihren kalten , stechenden Augen ; Hollfeld aber stand auf und entfernte sich , ohne ein Wort zu sagen . Fräulein von Walde sah ihm mit einer Art von schmerzlichem Unwillen nach und antwortete im ersten Augenblicke gar nicht auf Elisabeths Bitte ; endlich reichte sie ihr sichtlich zerstreut die Hand und sagte : » Nun , da gehen Sie , liebes Kind , und haben Sie vielen Dank für Ihre