Das trockene Laub der Bäume , mit denen die Promenade besetzt war , raschelte unter ihren Füßen ; klagende Töne strichen durch die Luft . Wie mag es jetzt im Grenwitzer Park aussehen ? fragte Oswald . Das dachte ich eben auch , erwiderte Helene . Ich möchte , ich könnte in diesem Augenblicke dort sein . Was wollten Sie da ? Ich wollte in den wohlbekannten Gängen , zwischen den Taxushecken unten im Garten , unter den Buchen oben auf dem Wall umherschweifen und mich mit der Mondessichel , die durch die Wolken schwankt , und mit dem Nachtwind , der durch die Bäume und um das Schloß rauscht , unterhalten von seligen Stunden , die nicht mehr sind und nimmer wiederkehren können . So denken Sie gern an Grenwitz zurück ? Sollte ich es nicht ? Habe ich doch die glücklichsten Tage meines freudelosen Daseins dort verlebt ! Was kümmern mich jetzt die Bitternisse , die in diesen Kelch berauschender Süßigkeit gemischt waren ? Ich weiß von ihnen nichts mehr . Mir ist , als hätte ich damals zum ersten und zum letzten Male in meinem Leben wahrhaft gelebt , und als sei ich gestorben mit den Blumen auf den Beeten und mit dem Sonnenschein , der des Morgens durch die thaufrischen Zweige spielte und bunte Schatten auf den Weg streute . Wohl ihm , dessen Leben wirklich mit jenem köstlichen Sommer zu Ende war ! Wohl ihm ! flüsterte Helene . Ja , wohl ihm ! er hat eine Stunde lang in dem Anschauen dessen , was ihm das Schönste , das Herrlichste war , geschwelgt und ist dann dahingeschwunden , wie ein rosiger Morgenduft vor den Strahlen der vielgeliebten Sonne . Er hat sie nicht zu kosten gebraucht die schwüle Hitze und den erdrückenden Staub des Mittags . Er hat sich nicht vor dem scharfen Wind des Abends schaudernd zu verhüllen brauchen , er hat die schöne bunte Welt nicht in öde Nacht versinken sehen . - Verzeihen Sie mir , mein gnädiges Fräulein ; es ist heute Abend schon das zweite Mal , daß ich mich von der Erinnerung an meinen todten Liebling fortreißen lasse . Aber ich kann Ihnen nicht sagen , wie wunderbar Ihr Anblick und Ihre Nähe sein Andenken in mir wachrufen . Die vernarbten Wunden fangen wieder an zu bluten ; die trockenen Augen wieder an zu tropfen . Geht es mir denn anders ? sagte Helene , und ihre Stimme zitterte . So haben Sie ihn auch geliebt ? Aber nein , das wollte ich nicht fragen . Wie hätten Sie ihn nicht lieben sollen , der so schön , so tapfer , so gut war , so hinreißend liebenswürdig , und der Sie so liebte ! so unsäglich liebte ! O , Fräulein von Grenwitz , wissen Sie denn wohl , wie sehr er Sie geliebt hat ? wissen Sie , daß er Sie bis in den Tod , daß er Sie mehr als sein Leben geliebt hat ? Ich weiß es ! sagte Helene leise . Mehr als sein Leben , fuhr Oswald leidenschaftlich fort , über den Tod hinaus . Es war an dem letzten Tage , wenige Stunden vor seinem Tode , als er mir ein Medaillon mit einer Locke von Ihrem Haar , das er auf der Brust trug , zeigte und mich bat , es ihm in ' s Grab zu geben . Ich habe ihm seinen Wunsch nicht erfüllen können . Sie erinnern sich , daß ich am nächsten Morgen schon das Schloß verließ , ohne zu wissen , ob - ich jemals wieder den Fuß über die Schwelle würde setzen , ob ich den theuren Todten bis zum letzten Augenblicke würde bewachen dürfen . Der Gedanke war mir entsetzlich , daß jenes Kleinod in profane Hände kommen könnte , ich nahm es daher mit der Absicht , es Ihnen , die Sie den einzig rechtmäßigen Anspruch darauf haben , zurückzustellen . Ich habe es stets - ich habe es noch in meinem Gewahrsam . Wann , befehlen Sie , daß ich es Ihnen zusende ? Sie hatten das Festungsthor passirt und gingen in der Vorstadtstraße unter den hohen , sausenden Pappeln . Bei dem ungewissen Licht des Mondes , der eben aus den treibenden Wolken hervorlugte , suchte Oswald in Helenens Gesicht zu lesen . Es schien ihm bleich und heftig erregt . Ihr Arm lehnte sich fester auf seinen Arm , als sie nach einer Pause antwortete : Ist Ihnen das Medaillon sehr lieb ? Das können Sie fragen ? Nein , nein ! verkennen Sie mich nicht - ich bin nicht undankbar , bin gegen Liebe und Freundschaft nicht unempfindlich . Behalten Sie das Medaillon ! behalten Sie ' s zur Erinnerung an Ihren , an unsern Liebling . Nur zur Erinnerung an ihn ? Es ist Ihr Haar , Fräulein Helene ! - nur zur Erinnerung an ihn ? Und - an mich ! Oswald nahm die Hand , die auf seinem Arm ruhte und führte sie an die Lippen . Ich habe nichts gethan , wodurch ich so große Huld und Gnade verdient hätte ; aber freilich , wäre Gnade denn noch Gnade , wenn man sie verdienen könnte ? Sie wollen mich durch Ihre Bescheidenheit erdrücken . Sie wollen , daß ich Ihnen danken soll für alle Ihre Güte , wie ich Ihnen danken müßte und doch nicht danken kann . Sie sind immer sehr gut gegen mich gewesen ; Sie haben zu mir gestanden , als ich selbst von meinen nächsten Verwandten angefeindet wurde , und noch zuletzt - Habe ich nichts gethan , was ich nicht jeden Augenblick mit Gefahr meines Lebens wieder thun würde . - Doch hier sind wir an Fräulein Bärs Haus . Ist die Gitterthür verschlossen ? Nein . Sie gingen durch den kleinen Garten bis zur Hausthür . Oswald schellte . Werde ich Sie wiedersehen ? Ich komme öfter zu Robrans . Die Thür wurde von innen aufgeriegelt . Gute