» wenn das nur von oben herab gesagt würde ! Das ist das Elend in unserer Zeit , daß die Glaubenskälte , wie ein Gletscher , von den Höhen in die Täler hinabwächst ! Damit stand es sonst anders ! Da hatte das Volk wirklich strahlende , erwärmende Bilder heiliger Liebe und frommen Glaubens vor Augen . Da sah es einen König Ludwig von Frankreich täglich in seinem Palast eine Anzahl Armer nicht bloß speisen , sondern bei der Mahlzeit bedienen ; einen König Stephan von Ungarn , nicht zufrieden mit diesem Akt der Demut , die Armen in ihren Hütten aufsuchen - oft zur Nachtzeit , weil sein Tag übervoll an Geschäften war - und ihnen milde Gaben bringen ; eine Isabelle von Portugal die Aussätzigen waschen und kleiden ; eine Elisabeth von Thüringen im Spital die Kranken pflegen . Da sah es Kaiserstöchter und Königswitwen herabsteigen von ihren goldenen Stühlen und in die strengen Orden der heil . Klara , der heil . Theresia eintreten , deren Mitglieder armseliger leben , als die Allerärmsten , elend gekleidet , dürftig genährt , Leib und Leben in frommer Buße und heiliger Andacht verzehren . Das Volk liebt alle armen Orden . Es ist ihm ein Trost , daß andere freiwillig jene Entbehrungen übernehmen , die es oft nur widerwillig selbst erträgt . Es wird unwillkürlich zu dem Gedanken hingedrängt , ohne Glücksgüter und ohne Lebensgenüsse auf Erden zu wandeln , müsse doch nicht so ganz unerträglich sein , da ja diese alle darauf verzichteten . Es lernt ahnen , daß es eine Liebe gebe , welche mächtiger und süßer sei , als alle Lieben der Welt ; die Liebe zum Leiden , in der Nachfolge des dornengekrönten , geißelzerrissenen , nägeldurchwundeten , gekreuzigten Gottes . Gewahrt es nun , daß diese Liebe in den Großen der Erde mächtig genug ist , um sie in ein freudiges Schlacht- und Brandopfer der vollkommenen Entsagung zu verwandeln : so faßt es umsomehr Vertrauen zu solchen starken , zärtlichen , kreuztragenden Seelen , als die irdische Höhe , von der sie herabgestiegen , blendender ist . Ein Fürstenkind bei den Karmelitessen oder Klarissen versöhnt tausend Arme mit den Nöten ihres Daseins , denn sie sehen , daß die irdische Größe sich gläubig und liebend in ein Dasein voll tausend Nöten versenkt . Es ist eine wundersame und gar nicht genug geschätzte Gnade , welch ein Segen auf dem guten Beispiel eines frommen Glaubens von oben herab liegt ; es wirkt heilsam in die weitesten Kreise ! O wenn doch recht bald nach alter Sitte aus jedem katholischen Fürstenhause zwei oder drei Töchter in ein Kloster strengen Ordens treten wollten ! An diese zwei bis drei Prinzessinnen - fuhr Ernest zu Regina gewendet fort - würden sich dann zwei bis drei Dutzend hochadelige Fräulein anschließen und diese wiederum zwei- bis dreihundert Jungfrauen bürgerlichen Standes « ... - » Halt , Halt ! Herr Ernest , Sie entvölkern die Welt ! « rief die Baronin ängstlich . » Ja , von Proletariern , gnädige Frau , « entgegnete er gelassen ; » und das wäre in der Tat äußerst wünschenswert , denn es gibt auch ein fürstliches und adeliges Proletariat , seitdem man sich in diesen Regionen nicht mehr dem geistlichen und dem Ordensstande widmet . « » Man nennt das aber nicht so ! « bemerkte sie mit leisem Vorwurfe im Tone . » Ach , gnädige Baronin , « rief Ernest , und sah sie freundlich mit seinem treuherzigen klugen Auge an ; mir steckt der unverbesserliche Bauernbube im Blut , so alt ich auch bin , und Sie werden immer große Verdienste sich zu sammeln haben durch Ihre Nachsicht mit mir . Aber hier darf ich doch wahrlich ohne Scheu von jenem Proletariat sprechen , das - man möge es so nennen oder nicht - leider in der Welt ist ; denn die Windecker sind davon unberührt . Hier haben wir den hochwürdigen Herrn , und Graf Hyacinth tritt in dessen Fußtapfen ein . « » Ja , die Liebe zum Leiden ! « sagte Levin sinnend . » Diese himmlische Blüte entsproßt dem Baum des Glaubens nur , wenn er in voller Kraft steht ! Nur da , wo er ganz tiefe Wurzeln in das Erdreich des Menschenherzens hineintreibt , wachsen seine Äste so stark und so hoch hinauf , daß sie sich von den irdischen Stürmen nicht mehr erschüttern lassen ; und nur in dieser stillen Höhe entfaltet sich des Christentums mystische Passionsblume , die zeitweise in früheren Jahrhunderten zu so prachtvoller Entwicklung kam : die Liebe zum Leiden . « » Die ist allerdings heutzutage nicht Mode , « sagte Ernest ; » im Gegenteil ! Jedermann hat eine entschiedene Liebe zum Nichtleiden in einem solchen Grade , daß man sich gar keine Mühe mehr gibt , diese Übermacht des Erdgeistes in der eigenen Brust zu bekämpfen . Und das ist sehr erklärlich ! Man muß anbetend vor dem Kreuze knien , um es liebend mit all seiner Herbe umfassen zu können . Aber wovor kniet die Welt ? Ein Teil , der pantheistische , vor dem Gott , der sich im All offenbart und dessen Offenbarung nirgends herrlicher zu Tage kommt , als in dem Individuum A. oder Z. Da beten denn Z. oder A sich selbst an und beanspruchen für diese Gottheit in ihrer Brust die Glückseligkeitsfülle , die der Allmacht eigen ist . Ja , ja , Gräfin Regina , sehen Sie mich nur an mit Ihren Augen voll seraphischem Erstaunen ! ich fable nicht ! solcher Wahnwitz existiert nicht bloß in den wilden Phantasien hindostanischer Religionssysteme , die ihn erfanden , sondern auch in Köpfen , die von christlichem Taufwasser berührt sind - und er heißt Pantheismus . Es werden freilich viele schöne Phrasen und Floskeln drum und dran gehängt , um zu blenden und zu betäuben ; aber die lasse ich bei Seite und gebe Ihnen des Pudels Kern - um mit Doktor Faust zu