Stande sind ? Dann aber wurde denn doch das allgemeine Aufsehen , das dieser Vorfall nach sich zog , und das ungünstige Licht , in dem sie dabei schon durch die gespielte Intrigue selbst erschien , Veranlassung zu Mismuth jeder Art. Sie erhielt den längern Aufenthalt in der achtbaren Familie , die sie aufgenommen hatte , gekündigt . Sie konnte froh sein , daß wenigstens Klingsohr über den Scherz mit dem Prinzen lachte . Ihm that der Vorfall als Beweis ihrer » Treue « wohl . Klingsohr ' s Haft , die in der That auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekürzt wurde , nahete sich ihrem Ende - aber auch in Lucindens Leben trat eine entscheidende Krisis ein . Gefahrvoll ist es einer geradezu auf die Wollin zugehenden Lebensbahn , wenn sie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechselt . Wer immer mit dem Verstande vorauswühlt , wohin er mit Hand und Fuß zur That nachschreiten soll , der verschüttet sich den Weg , wenn er plötzlich den Einfall bekommt , nicht dem Verstande , sondern dem Herzen folgen zu wollen . Eins darf man nur festhalten , entweder den Ruhm oder die Ueberzeugung . Alles zugleich erstreben , verdirbt eins das andere . Wer den Ruhm will , soll - die Weltphilosophie lehrt es - das Gewissen nicht hören ; wer das Glück will , muß auf die Ueberzeugung verzichten . So ist das Dasein . Die Menschen , die wie auf den Rennbahnen des Alterthums mit vier Rossen zu gleicher Zeit dahinsprengen können , von denen eins die Begeisterung , das andere die Mäßigung , das dritte die Tapferkeit , das vierte die Tugend ist , und die , so verschiedenartig auch die Rosse anziehen , doch zu einem großen Ziele kommen , gibt es nicht , außer sie wurden auf Thronen geboren . Geborene Herrscher können alle Kränze des edelsten Strebens zu gleicher Zeit gewinnen . Wie beklagenswerth , wenn sie den großen Vorsprung , den ihnen die Ordnung der Dinge für das Große , Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelassen , nicht zu benutzen wissen und sie entweder nur beim Beschränkten stehen bleiben oder beim Gewaltthätigen ! ... Die Vortheile aber einer Lebensstellung , die Lucinden schon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte , verlor sie , als sie einmal statt aus dem Verstande - aus dem Herzen handelte . In jener Schauspielertruppe , der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene » Zwergin « angehörte , zeichnete sich eine nicht mehr junge Schauspielerin aus , die sich Madame Serlo nannte , obgleich sie , wie man sagte , mit dem Helden und Liebhaber der Truppe dieses Namens nicht verheirathet war . Madame Serlo war groß , von majestätischer , fast zu imposanter Haltung ; denn nicht jede Rolle stand ihr und für die majestätischen fehlte ihr doch wieder die Größe der Empfindung , der Phantasie , des Schwunges . So blieben ihr nur die kalten Salondamen , in denen sie theilweise wirklich bewundert wurde ... Und in der That hatte das ehemalige Fräulein Leonhardi oder Madame Serlo eine Art , im Lustspiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen , die ihr das Ansehen einer Künstlerin gaben . Mit zwei oder drei Rollen des Conversationsstücks blendete sie alles und manches große Hoftheater war schon in die Falle gegangen und hatte diese unübertreffliche Frau von Waldhüll im » Letzten Mittel « , diese Baronin von Wiburg in » Stille Wasser sind tief « engagirt , bis sich nach der vierten oder fünften Rolle die gänzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne Leidenschaft herausstellte . Zu ihrer Figur paßte schon ein zu kleiner Kopf nicht . Die etwas stumpfe Nase , das gespaltene Kinn , die blauen Augen , alles war ausdruckslos . Bei alledem machte das Ensemble ihrer Erscheinung sich noch immer im Salonstück interessant und war für jeden eine Weile in dieser Sphäre einnehmend . Man rühmte überall ihre Formen , man verglich sie mit den Gestalten , die Tizian als Venus malte . Ihr Haar war blond , ihre Haut hatte eine Incarnation , auf die der Ausdruck Mischung von Milch und Blut im vollkommenen Sinne paßte . Gezwungen , niederzusteigen in die Sphäre , wo man sich kalt und empfindungslos dargestellt auch eine Jungfrau von Orleans , eine Julia , eine Luise Millerin gefallen lassen muß , wenn nur die Gestalt genügt und Costüme sowol wie eine gewisse Tournure die andern Mängel vergessen lassen , hatte Madame Serlo einen jungen Mann mit sich in ihre Sphäre hinuntergezogen , der einen kurzen Augenblick zu glänzenden Hoffnungen berechtigt schien . Serlo war aus einer der ehemaligen geistlichen Residenzstädte Deutschlands gebürtig und zum Priester bestimmt gewesen . Aus dem Seminar war er kurz vor der letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen entflohen und hatte theils aus Abneigung gegen den Stand überhaupt , für welchen ihn seine armen Aeltern bestimmt hatten , theils aus Unvermögen , irgendwie einen andern Beruf zu wählen , der ihn erhielt , theils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Bühne eingeschlagen . Serlo ' s Wege waren anfangs die allerdornenvollsten . Nur um ein Mittagbrot zu gewinnen , schloß er sich reisenden Gesellschaften an , die in Scheunen Vorstellungen gaben ; selbst bei Gauklern und Taschenspielern leistete er auf Tage und Wochen Beihülfe , nur um nicht zu verhungern . Von Hause mit dem väterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt , mußte er schon deshalb bald in dieses , bald in jenes Verhältniß treten , nur um den Verfolgern seine Fährte abzuschneiden . Mit der Zeit milderte sich dann der Haß der Seinigen , die Vexation der Behörden . Er fand einige Gesellschaften , die in etwas anständigern Formen auf Rechnung der » dramatischen Kunst « das Leben ihrer Mitglieder fristeten . Serlo ' s schöne Mittel gewannen ihm allmählich ein Vertrauen , das er freilich durch sein Talent noch nicht rechtfertigte . Er war schlank gebaut , hatte dunkle , feurige Augen , schwarzes Haar , eine frische Farbe , die sich