Freunden ! « rief ich scherzhaft und abbrechend . Aber zu Sedlaczech sagte ich später : » Sie hatten ganz Recht , Fidelis ! statt zu leben - träume ich mir Schicksale , und ich suche die Seele durch Handlungen der Güte und des Wolwollens zu füllen - denn sie ist leer . « Er schwieg . Ueberhaupt schwieg er viel , und ich hätte doch gewünscht er möge viel sprechen . Ich fragte ihn auch einmal weshalb er so wortkarg sei ? er habe doch Gedanken vollauf . » Worte sind nicht die eigentliche Sprache meiner Gedanken ; antwortete er . Ich bin so daran gewöhnt die besten und tiefsten in Musik auszusprechen , daß ich , wenn ich reden soll immer jene Unbeholfenheit fühle mit der wir uns in einer fremden Sprache ausdrücken . Ueberdas habe ich nicht jene Gabe der Unterhaltung , die man nur im Verkehr mit der großen Welt entwickeln kann . « » Ganz Recht , Fidelis : mit der großen Welt , in der alle Menschenbildungen ihren Platz einnehmen , sich durch einander drängen und bewegen , und jede auf ihre Art die Sprache verstehen und handhaben . Da muß der Gedanke schnell und beweglich , der Ausdruck fein , schmiegsam und doch präcis sein , und immer wechseln je nach dem Verständniß Desjenigen mit dem man eben redet . Dazu gehört ein erstaunlicher Scharfblick und eben so erstaunliches Wolwollen . Die große Welt bietet zu diesen Uebungen einen vortreflichen Tummelplatz . Aber ihre Fractionen , diese Masse von kleinen Welten welche sich sämtlich nur darum groß finden und nennen , weil sie für die wirklich große weder Maßstab noch Ahnung noch Verlangen haben : die sind recht eigentlich dazu geschaffen den Menschen um die edle Gabe der Sprache zu bringen . In der eleganten Welt - welch ein frivoles Gezwitscher ! in der gelehrten Welt - welch ein pedantisches Dociren ! in der literarischen - welch ein babylonisch verwirrter Wortschwall ! Wer sich nur in einer derselben bewegt und mit ihrer Redeweise unwillkürlich auch ihre Gedankenrichtung annimmt , wird in den andern so unverstehend und unverständlich sein , wie ein Kamtschadale zwischen Hottentotten und Botokuden . Und es kann unsereinem wol begegnen in eine derselben hinein zu gerathen ! .... aber Ihnen , Meister , Ihnen steht die ganze große Welt geöfnet . « » Was hilft das einem schüchternen Menschen ? ich bin schüchtern - meine Seele ist ' s ! Das mag mit meinem Schicksal , mit meinen Fähigkeiten zusammenhängen . Meine Gedanken und Empfindungen kommen mir so beschränkt , alltäglich und armselig vor wie Nachtviolen , die unschönen grauen Blumen , die nur dann zu duften wagen , wenn die Nacht mit ihren ewigen Gestirnen heraufzieht ; dann verschwinden sie unbemerkt unter den goldnen Sternen . Meine Nacht - ist die Musik . Sie breitet ihren Sternenmantel über mich und in ihrem Schutz öfnet sich unbefangen meine Seele . « » Ihr inneres Leben mögt ' ich kennen , Meister , sagte ich gedankenvoll . Es muß gleich dem Karfunkel sein : mystisch und licht . « » Ist nicht jedes innere Leben so ? « » O nein ! so ist es ! statt der Mystik - Verwirrung , und statt des Lichtes - farblose Wässrigkeit ! « rief ich . » Sie sind sehr hart , Gräfin Sibylle ! « sprach er . » Nur gegen mich , Fidelis ! meine Bemerkung galt hauptsächlich mir ! .... aber freilich nebenbei manchen Anderen . Denken Sie doch nur : der bewußte Geist , der die Persönlichkeit genau bestimmt und ausprägt - der macht licht . Und die Inspiration , die Begeisterung , die Gefühlsströmungen von Andacht und Liebe , welche jene Persönlichkeit durch- und umfließen und sie im unbewußten Zusammenhang mit dem Ganzen , mit dem All zeigen - die sind mystisch . Glauben Sie wirklich daß dieser hochheilige Tag und diese tiefheilige Nacht eine alltägliche Erscheinung in unsern verschrumpften , verfinsterten , engen , matten Seelen sei ? « » Ich glaub ' es nicht , erwiderte er sanft , und daher glaub ' ich auch nicht daß sie in mir zu finden sind . Aber ich denke so Einer wie Sie ihn meinen muß Beethoven gewesen sein ! frei im Geist , wie ein ächtes Kind Gottes ; und im Einklang mit den Gestirnen , den Elementen , seinen Geschwistern ! In der Symphonie seines Daseins , welche unter der Hand Gottes dahin gerauscht ist , bildet sein Geist die ewig lichte , sonnenschöne Melodie , die auf dem Zusammenbrausen unirdischer Ströme - auf dem Zusammenklingen unirdischer Glocken - auf einer Unendlichkeit von Harmonien ruht , die alle in der Urtiefe seines Wesens wiederhallen und neugestaltet aus ihr empor quellen . « Wenn Sedlaczech durch den Gegenstand hingerissen sprach - wenn er gleichsam das Wehr öfnete und die Flut der Empfindung nicht länger hemmte - wie veränderte sich dann sein Gesicht , sein Ausdruck , seine Stimme ! Die Stirn wurde so transparent , daß man meinte hinter ihr die Gedanken weben und walten zu sehen ; - das hagre bleiche Antlitz war erfüllt und erwärmt von der Ueberfülle der Seele ; - die kalte monotone Stimme klang und vibrirte wie ein tonreiches Instrument das erst jezt seinen Meister gefunden . Ebenso war es auch wenn er spielte . Ich würde geglaubt haben , daß jene Veränderung nur für mein Auge mit ihm vorgehe , wenn nicht Fräulein Mathilde mich überrascht und neugierig gefragt hätte , ob ich dieselbe bei vielen Menschen außer bei Sedlaczech wahrgenommen habe ; was ich verneinte . » Welch ein herrlicher Schauspieler hätte er werden müssen , setzte sie hinzu , da er im Stande ist seine Mienen und Bewegungen so in Uebereinstimmung mit seinen Worten zu bringen . « Sie war mir immer ziemlich einfältig vorgekommen , die gute Mathilde ! jezt fand ich sie gradezu dumm : sie konnte wähnen daß er absichtlich diesen und jenen studirten Ausdruck annahm