Schnee von den Bäumen herabgeschüttelt , gespenstisch zeichneten sich die dunkeln Stämme der Bäume gegen die weiße Schneefläche des Erdreichs ab , und hoben ihre schwarzen , kahlen Aeste wie schaurige Wahrzeichen zum Himmel empor . Nur dann und wann schwirrte ein Vogel , langsam die breiten Flügel bewegend , an ihm vorüber , sich auf einem Baume das Nachtlager zu suchen . Ein leises Knistern der Zweige verrieth den Ort , an dem er es gefunden , ein paar liegen gebliebene Schneeflöckchen glitten unter seiner Berührung von den Bäumen zur Erde herab , dann regte sich Nichts mehr . Alfred war bange vor sich selbst , sein eignes Herz war ihm fremd und es graute ihm vor sich selber . Er ging und ging - und endlich löste sich die Starrheit , die ihn umfangen hielt . In dem heiligen Schweigen , in der Ruhe der Natur fing er sich zu beruhigen , sich wieder zu sammeln an . Sein Leid löste sich in Thränen auf , der Sturm der Leidenschaft besänftigte sich , Kraft und Klarheit kehrten allmälig in seine gequälte Seele zurück . Die frische Kälte der Winternacht kühlte sein erhitztes Blut und legte sich wohlthuend um seine brennende Stirn . Er schlug den Mantel zurück , damit der kalte Strom auch seine Brust berühre , und athmete tief auf , wie Jemand , der eine zu schwere Bürde von sich wirft . Statt scheu in die Zukunft zu sehen , blickte er fest in seine eigne Brust und eine tiefe Unzufriedenheit , eine beschämende Reue bemächtigten sich seiner . Er hatte Hand an seine Frau gelegt , er hatte sich so tief erniedrigt , ein Weib die Kraft des Stärkern empfinden zu lassen . Sein Glück , er konnte es sich nicht verbergen , war ihm einen Augenblick hindurch theurer erschienen , als das Leben seines Kindes . Er hatte sie jetzt kennen lernen , die schaurigen Geheimnisse , welche die Tiefe der menschlichen Brust verbirgt , und fühlte deutlicher als je , wohin ein Zustand führen könne , der uns mit uns selbst in Widerspruch bringt . Je länger er vorwärtsschritt , je fester bildete sich ein Entschluß in ihm aus , je zuversichtlicher gelobte er sich , ihn zu halten , aber er war müde geworden von dem innern Kampfe , er mußte einen Augenblick rasten . Trotz der winterlichen Kälte ließ er sich auf einer der Bänke nieder . Er schloß die Augen und ein Gefühl von Erquickung kam über ihn . Die unnatürliche Spannung seiner Geistes- und Körperkräfte ließ nach , die Schwingungen seines Blutes wurden gelinder , er konnte freier denken , freier fühlen . Wie lange er so gesessen , er wußte es nicht . Das ferne Anschlagen eines Hundes erweckte ihn zur Wirklichkeit . Er erhob sich und schritt der Stadt zu . Als er seine Wohnung erreichte , war es tief in der Nacht . Caroline hatte sich lange zur Ruhe begeben . Er eilte in sein Zimmer und trat vor das Bett seines Sohnes . Ruhig , mit der blühenden Röthe der Gesundheit auf den Wangen , schlief der schöne Knabe schon seit mehren Stunden . Sein Vater betrachtete ihn mit tiefer Erschütterung , endlich konnte er es sich nicht versagen , einen Kuß auf die Stirn des Sohnes zu drücken . Das erweckte den Knaben . Schlaftrunken blickte er auf und sagte freundlich , den Vater erkennend , indem er die Arme nach ihm ausbreitete : Lieber Vater ! Ein heißer Thränenstrom brach bei den schlichten Worten aus des Vaters Augen . Er drückte den Sohn fest an sich , küßte ihn und legte ihn dann mit weiblicher Sorgfalt in die Kissen zurück . Mein geliebter Sohn ! - Das war Alles , was er sagen konnte , und es sagte Alles . Am nächsten Tage erwachte er in sehr weicher Stimmung . Er suchte seine Frau auf , bot ihr versöhnend die Hand und bat : Laß uns des gestrigen Abends vergessen ! Mich reut die Heftigkeit , zu der ich mich hinreißen ließ , aber auch Du warst nicht ohne Schuld . Wir wollen Beide schonender werden , damit unsere neue Vereinigung nicht nur eine leere Form bleibe , damit sie uns endlich zum Frieden verhelfe . Aber Caroline nahm die Hand nicht , die er ihr bot , und antwortete ihm nicht . Sie nahm ruhig das Frühstück ein , bei dem sie Alfred gefunden hatte . Hörst Du nicht , was ich Dir sage ? Hast Du keine Erwiderung darauf ? fragte er . Mißhandlungen kann ich nicht vergeben ; ich kann es nicht vergessen , daß Du mich fortgestoßen , daß Du mich mißhandelt hast ! sagte Caroline kalt . Und glaubst Du , mich hätten Deine Worte , Dein Betragen nicht ebenso arg verwundet ? Caroline ! Worte sind oft verletzender als die schärfste Waffe . Laß uns den Balsam der Vergebung auf unsere Wunden legen , laß uns von Herzen vergessen . Wir haben Alles , was zum Glücke erforderlich ist , warum verbittern wir einander das Leben ? warum trüben wir die Kindheit unsers Felix durch unsern beständigen Unfrieden ? Komm ! laß uns vergessen ! Laß uns nur an den Knaben denken , wir wollen ausfahren , für seine Weihnachtsbescherung zu sorgen . Ich habe in diesem Augenblick nicht Zeit , ich bin auch noch nicht für eine Promenade gekleidet , meinte Caroline schmollend . So will ich warten ; wann denkst Du fertig zu sein ? Mein Gott ! Alfred ! quäle mich nicht , rief sie heftig aus . Was gestern geschehen ist , ist geschehen . Redensarten ändern das nun einmal nicht , Redensarten habt Ihr Dichter billig . Und daß Du mich jetzt zum Ausgehen zwingst , da ich keine Lust dazu habe , ist auch nicht gemacht , mich zu versöhnen . Ich werde schon für Felix besorgen , was nöthig ist , Du brauchst mich nicht dazu zu treiben . Ich