dann noch einmal etwas zu versuchen , werde bös sein , es werde so wohl der Kübel auf einmal ausgeleert werden . Jedenfalls solle er nicht böse werden , manierlich bleiben , man möge ihm sagen was man wolle , damit man keinen Grund hätte , ihm ein für allemal das Haus zu verbieten . Es schlottere aber schon , wenn es daran denke , und er solle ihm doch recht nicht zürnen , wenn es sich erst zeige , wann es müsse . Resli hatte immer größere Freude an dem Mädchen , je mehr er es ansah , es war trotz seiner geringen Kleidung so sauber und nett , redete so gesetzt , manierlich und doch ohne Zimpferlichkeit , sondern in aller Aufrichtigkeit . Es aß und trank ohne Ziererei , so viel es nötig hatte , aber dabei so säuberlich und appetitlich , daß man selbst Appetit bekam darob . Es sagte nicht : » Ih mah nit Krut , ih ha daheim o « ; es streckte die Finger , namentlich die kleinen , nicht nach allen vier Winden aus , nahm ebenso wenig das Fleisch in die ganze Hand , fuhr auch nicht so große Stücke Kuchen ein , daß es das Gesicht über und über mit Brosmen bepflasterte , es machte alles so nett ab , gnagte sogar Beine mit Manier , was viel heißt . Resli hätte ihns den ganzen Tag mögen essen sehen , während man Andere nur einmal hinter einen Tisch zu setzen braucht , um sie sich erleiden zu lassen ; es schien ihm immer mehr , es hätte etwas von seiner Mutter , und er konnte doch nicht sagen was , es war nicht hier , es war nicht dort , es war in der ganzen Art. Es ward ihm immer auffallender , wie das Meitschi in diesem Hause so werden konnte . Wie die Spanier fast alle dunkel sind , die Engländer aber blaß und blond , in der Jugend wenigstens jeder seine Landesfarbe im Gesichte trägt , so hat hinwiederum fast jeder Mensch seine Hausfarbe , und alle Glieder des Hauses sind mehr oder weniger damit angelaufen . Man sieht zum Beispiel Familien , in welchen alle Kinder und Kindeskinder , ja bis ins siebente Glied hinaus , Schmutzgüggel bleiben , sich nie waschen , als wenn sie müssen , und nie mehr , als was zunächst vor die Leute kömmt , welche daher ordentlich sprüchwörtlich werden . Nun aber schien es ihm so gar nichts zu haben von seinen Leuten und der Hausfarbe oder dem Hausgeruch ( denn manchmal ists eben ein Geruch ) , weder innerlich noch äußerlich , daß er fragen mußte , ob es denn immer daheim gewesen . Da vernahm er , daß es in seiner Jugend lange bei einer Großmutter gewesen , einer gar lieben , aber seltsamen Frau , aber es hätte sie geliebt , daß es ihns gedünket , es möchte , als sie starb , mit ihr ins Grab . Lange hätte es daheim sich nicht gewöhnen können und es sei ihm immer gewesen , man hätte es nicht so lieb wie die Andern und alles sei nicht recht , was es mache . Als seine Schwestern fortgekommen , habe es gebessert , und die Mutter hätte noch manchmal auf ihns gehört , aber dem Vater , dem sei es nie recht gewesen , bis jetzt , wo er mit ihm einen Handel machen könne . Er sei schon böse über ihns geworden , ehe es auf der Welt gewesen , und dessen , daß es darauf gekommen , vermöge es sich doch nichts . Wie doch so ein Tag verrinnt und was das für ein Unterschied ist zwischen so einem Tage , wo man zum ersten Male mit seinem Lieben ungestört unter vier Augen sitzt , und zwischen einer langen Krankennacht , wo man alleine mit seinem Schmerz auf seinem Lager liegt ! Wie langsam die Zeit dahinrinnt , jede Sekunde , wie ein langsamer Bluts , tropfe vom Körper langsam tropft , von der Uhr weg ins Meer der abgelaufenen Sekunden , und in endlose Weiten die Stunden sich dehnen , Sandwüsten gleich , wo kein Schatten ist , keine Ruhe , nichts als schwere Pein und unendliche Weiten ! Und wenn es endlich Mitternacht schlägt , eine Ewigkeit vergangen scheint , aber unsere Pein nicht abnimmt , denn eine neue Ewigkeit reiht sich an die vergangene Ewigkeit , schwarze trostlose Stunden sind es , die wiederum vor uns liegen , ohne Schatten , ohne Ruhe , sechzigmal sechzig Sekunden müssen langsam abtropfen , ehe eine vorüber ist , und manche muß vorübergehen , ehe ein junger Morgen scheinet , und über was denn eigentlich , über unsere alte Pein . Aber was die Sonne bescheinet , das wird erträglicher , milder , lieblicher , selbst der Menschen Pein . Wie aber die Zeit von dannen rennt , Stunden schwinden , aus dem Morgen Abend wird , wo in Liebe zwei Herzen offen liegen , die Liebe Liebe in den Augen liest , die Ohren voll süßer Töne sind , und ungehemmt der Liebe Rede über die Zunge quillt ! Wohl redet die Liebe verschieden , redet in herrlichen Worten , die dem Hauche der Geister gleichen , nicht eigentliche Worte sind , nicht Leib haben , sondern fast klingen wie Kinderlispeln oder unaussprechliches Seufzen ; aber sie redet auch recht derbe , zieht ein rauhes Kleid an , wirft Worte aus , die Feldsteinen gleichen oder gar Felsenstücken , wie aus dem Schoße des feuerspeienden Berges auch allerlei kömmt , eine glühende Feuersäule , schwarzer Rauch , schwere Steine , flüssige Lava , und doch der gleiche Schoß es ist , der sie gebiert , die gleiche Kraft , die sie auswirft . So war es Resli und Anne Mareili Abend geworden , sie wußten nicht wie , und Anne Mareili begann zu pressieren und Resli es zu verweilen , bis es endlich doch sein mußte