hätte ; und die Nachgiebigkeit , mit der dieser die Launen seines erwählten Schwiegersohnes ertrug , war in der That nicht weniger zu bewundern , als seine Verblendung gegen Dinge , die dicht unter seinen Augen vorgingen . Babets Einbildung war freilig sehr geschäftig , doch muß man auch gestehen , daß Sir Charles sich gegen sie auf eine Weise betrug , welche sich ganz dazu eignete , in dem eitlen unerfahrenen Mädchen die schmeichelhaftesten Erwartungen zu erregen ; besonders war dies der Fall , wenn er sich von Andern unbemerkt glauben konnte . Der Eindruck , den ihre frische Jugendblüthe im ersten Augenblick ihres Zusammentreffens auf ihn gemacht hatte , war nicht so ganz oberflächlich , daß nicht ihre zuvorkommende Freundlichkeit und ihre , ihm oft ganz unbegreifliche Naivetät diesen täglich hätten erneuern und ihn bewegen sollen , ihr gegenüber , alle jene kleinen Künste männlicher Koketterie zu üben , die seinesgleichen stets zu Gebote stehen . Er bildete sich sogar ein , nach einem sehr wohldurchdachten Plane dabei zu handeln , indem er glaubte , Vicktorinens Eifersucht erregen und die Stolze demüthigen zu wollen , während es doch eigentlich nur Langeweile und das Bedürfniß einer kleinen Intrike war , die ihn zu diesem Benehmen bewogen . Demohngeachtet stand aber der Vorsatz in ihm fest , sich hier auf keinem Fall zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen zu lassen , die für ihn die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen konnte . Daher suchte er vor allem sich stets so unbestimmt als möglich gegen Babet zu äußern und trachtete hauptsächlich darnach , das Spiel so in seiner Hand zu behalten , daß er es aufgeben könne , sobald er wolle . Er sprach sich daher selten in Worten aus , weit öfter durch Blicke , und hütete sich sorgsam vor allem , was ihn vor der Welt ernstlich kompromittiren könnte . Babet hingegen benahm sich auf ganz entgegengesetzte Weise , und setzte ihn dadurch oft in nicht geringe Verlegenheit . Ihr lag vor allen Dingen daran , der Welt zu zeigen , welch ' eine Eroberung sie auf Vicktorinens Kosten gemacht habe . Der stille Triumph war ihr nicht genug , sie verlangte einen öffentlichen , und beging dahei unzählige , oft recht künstlich berechnete Unvorsichtigkeiten , durch die sie weit mehr errathen ließ , als sie eigentlich zu verbergen hatte . Denn sie strebte hauptsächlich nur nach dem Vergnügen , sich von ihren zahlreichen Freundinnen necken , mitunter auch wohl ein wenig beneiden zu lassen , und beides gelang ihr . Bei solchen Gelegenheiten pflegte sie dann Vicktorinen mit wirklich beleidigendem Mitleide zu betrachten , während diese nichts sehnlicher wünschte , als das Spiel sich in Ernst verwandeln zu sehen . Ihre edlere , aller Hinterlist abgeneigte Natur und auch Babets mitunter recht unartiges Betragen , hielten sie freilich davon zurück , hier die Mittlerin machen zu wollen , aber sie that wenigstens alles , was in ihren Kräften stand , um nichts von dem zu sehen , worauf Babet sie aufmerksam machen wollte , und so wenigstens auf keine Weise dem anscheinenden Verständnisse jener Beiden in den Weg zu treten . Übrigens war Babet so überzeugt , daß Sir Charles bis zum Sterben in sie verliebt sey , daß sein bisheriges Vermeiden einer förmlichen Erklärung dieser Leidenschaft ihr auch nicht die mindeste Unruhe verursachte ; sie war im Gegentheil unerschöpflich im Bemühen , täglich neue Gründe dafür zu ersinnen . Hatte er ihr doch gesagt , daß sie unbeschreiblich schön und reizend sey , und was noch mehr war , hatte er sie sogar nicht einigemal seine bezaubernde Lady Betty genannt ? was konnte das anders heißen , als daß er sie liebe , und sie folglich durch eine Heirath mit ihm zu einer englischen Lady erheben wolle . Eine Lady ! sie wußte selbst nicht , was sie sich darunter dachte , aber es kam ihr doch über alle Maßen romantisch vor , eine englische Lady zu seyn . Daß dem im langen Leben mit der Welt geübten Scharfblick der Tante von allem diesen nichts entgehen konnte , war wohl natürlich , aber sie kannte auch Babet genau genug , um zu wissen , daß hier jede , selbst eine mit der größten Schonung ausgesprochene Warnung , wohl manches verschlimmern , jedoch nichts verbessern könnte . Deshalb begnügte sie sich damit , jeden ihrer Schritte treulich zu beobachten , und sie übrigens ihren Weg gehen zu lassen . Sie stellte sie einer Nachtwandlerin gleich , die man nicht anrufen darf , wenn man sie nicht dem Abgrunde zu treiben will , aber sie versäumte es deshalb dennoch nicht , den Abgrund sorgsam zu umstellen , um sie im Falle der Noth gewaltsam zurückhalten zu können . Daß übrigens der Schmerz getäuschter Liebe der künftigen Ruhe eines Mädchens , wie Babet , nie gefährlich werden könne , davon war sie ebenfalls auf das Vollkommenste überzeugt ; indessen hoffte sie viel für sie von der heilsamen Erschütterung des gewiß nicht fernen Moments ihres Erwachens aus dem selbst geschaffnen Traume , und nahm sich fest vor , diesen alsdann recht kräftig zum Besten des verblendeten eitlen Kindes zu benutzen . In diesem von mehreren Seiten höchst gespannten Verhältnisse war schon eine ziemliche Zeit vergangen , während welcher Allen , die nur die äußere Seite des Lebens in dieser Familie kannten , sie für höchst glücklich halten mußten , als Vicktorine eines Morgens die Tante in einem ganz ungewohnten Zustande in ihrem Zimmer allein fand . Ihre Hand hielt einen Brief oder vielmehr ein Packet , dessen noch versiegelter Umschlag sie mit tiefen Schmerz , ja fast mit dem Ausdruck geheimen Grauens betrachtete , und alles an ihr deutete auf eine gewaltsame Bewegung in ihrem Innern , über welche sie nicht Herr zu werden vermochte . Erschrocken eilte Vicktorine auf sie zu , doch der erste Blick auf den Brief in Annas Händen machte auch auf sie den tiefsten Eindruck . » Tante ! « rief sie fast athemlos , » öffnen sie