beimessen , so müssen wir es auch diesen einfachen Erzählungen anspruchloser Menschen , denen es an Geschicklichkeit sowohl zum bessern Vortrag , als zur listigern Einkleidung gebrach . Hätten sie zu täuschen vermocht , oder es gewollt , wahrlich , die Gegner würden weniger einzuwenden haben , und das geflissentlich künstliche Gebäude weniger Blößen geben . Daß sie es nicht thaten , daß der grübelnde Verstand Manches an diesen nicht ganz gleichlautenden Zeugnissen aufzufinden weiß , was er haarscharf sichten , und zergliedern will - das bürgt mir für ihre Wahrheit . Die Jünger sahen ihren göttlichen Lehrer handeln , leiden , sterben , und wie sich diese Erscheinung in den Augen vier verschiedener einfacher Menschen spiegelte , wie die Erzählungen jener Begebenheiten , wovon sie nicht selbst Zeugen waren , mit den gewöhnlichen kleinen Veränderungen Jedem erzählt , und von ihm aufgefaßt wurden : so zeichnete sie Jeder , unbekümmert um das Urtheil der Nachwelt und die scharfe Kritik späterer Gelehrten , zur Erbauung der Gemeinde auf , der er vorstand . Ueber die Wunder kann ich dir nichts sagen . Manche lassen sich natürlich erklären , bei andern , so wie bei dem Geheimnisse der Geburt und Natur des Stifters , steht unser Verstand still . Wir können es nicht begreifen - aber müssen wir es denn begreifen ? Wie viele tausend Erscheinungen gehen in der physischen und moralischen Welt vor , wir fühlen ihre Wirkung , aber wir begreifen ihre Entstehung nicht . Mit fruchtloser Mühe zerarbeitet sich der menschliche Witz , diese Beobachtung unter Regeln und in Hypothesen zu bringen - und wie spottet die Größe und Erhabenheit der Natur dieser armen Abtheilungen , Unterabtheilungen und spitzfindigen Erklärungen durch die geheimnißvolle Art , wie sie ihre Gesetze befolgt , daß alle Augenblicke Lücken und Blößen in den künstlich errichteten Systemen entstehen ? Werden wir weniger an das Daseyn des Windes , des Donners , der Erderschütterungen glauben , weil wir nicht wissen , woher sie kommen ? Werden wir weniger Maaßregeln dagegen ergreifen , weil uns ihre Natur unbekannt ist ? Gewiß nicht . Auf unser Verhalten wird der Zweifel , in dem sie uns lassen , keinen Einfluß haben . Eben so verfährt der redliche Christ . Das , was für unser Leben anwendbar ist , was uns besser , edler macht , was den Frieden in uns erzeugt , das ist ' s , was wir annehmen und befolgen müssen . Das sind die segensreichen Wirkungen dieser Lehre - das Uebrige ergreift der kindliche Glaube , ohne sich um seine Ergründung zu bekümmern . Ich habe dir bereits in manchen meiner Briefe über die christliche Moral geschrieben . Ich bin überzeugt , daß sie die reinste ist , die bisher auf der Erde gelehrt wurde , daß sie so ganz für das jetzige Zeitalter , für den Stand unsrer Cultur , die gegenwärtige Lage des Menschengeschlechts paßt , daß schon hieraus ihr göttlicher Ursprung sich beweisen ließe , wenn ihn auch keine früheren Zeugnisse bestätigten . Die Gottheit , die das Schicksal der Menschheit lenkt , die weiß , zu welcher Zeit , und auf welche Art ihre Schwäche unterstützt , ihrem Verderben gesteuert werden soll , hat in dieser Epoche diese Religion entstehen lassen . Sie sandte einen Göttersohn , sie zu lehren . Was finden wir hierin Sonderbares , wir , die wir unter Mythen von Heroen und Göttersöhnen aufgewachsen sind , die die Menschen zur Zeit der Noth retteten , die Erde von Ungeheuern befreiten , den Zorn der Götter versöhnten ? Ist der Begriff eines einzigen Gottes anstößiger , als der von unzähligen Söhnen unzähliger Götter ? Und welche Religion hätte nicht solche Verkörperungen überirdischer Wesen , die zum Besten der leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verließen ? O der Gedanke liegt so tief in dem Herzen des Unglücklichen . Und welcher Sterbliche ist glücklich ? Die Gesetze der Natur , die physischen Revolutionen gehen achtlos über den Ruin seiner Habe , seines Lebens hin - sie vermag kein Flehen zu beugen , ihrem Gange setzt keine Klugheit Schranken . Die Laster , die Verderbtheit seiner Mitmenschen züchtigt ihn mit noch schärferen Ruthen , er muß büßen , was Andere verschuldet haben ; er wird hingeopfert , weil ein Uebermüthiger schwelgen will - weil ein Rasender das Unmögliche fordert , bluten Myriaden auf dem Schlachtfelde . O wohin soll der verfolgte geängstete Mensch sich wenden , als zu der unsichtbaren Macht , die stärker ist , als die Natur und die bösen Menschen ? Er flieht dahin , er ringt im Gebete mit ihr - und sie sendet ihm einen Retter . Ströme von Menschenblut haben die Gefilde Hesperiens , die Felder von Pharsalus , von Gallien , Syrien , von allen Provinzen des römischen Reichs getränkt . Tausend einzelne Schlachtopfer sind dem Neid und Verdacht der Triumvirn , der Wuth der Prätorianer , der wollüstigen Grausamkeit eines Tiberius oder Caligula gefallen - und wenn Zehntausende ihr Leben einbüßten , so verjammerten es Dreißigtausende im Elend oder Schmach , weil sie ihre Stützen , ihr Glück in Jenen verloren hatten . Der Koloß des unermeßlichen Reiches naht seinem Umsturz . Auf allen Enden kracht das morsche Gebäude , alle Säulen schwanken , alle Grundvesten sind erschüttert , und mit ungeheurer Kraft dringen ungeschwächte Horden von Barbaren in Nord und Ost auf die untergrabenen Mauern los ; bald werden sie sie eingestürzt haben , und die schönen Provinzen mit Mord und Raub erfüllen . Was bleibt dem Menschengeschlecht dann übrig ? Werden jene Truggestalten einer üppigen Phantasie , jene armseligen Erfindungen des kindischen Weltalters gegen die Schrecken aushalten ? Wird der rohe Aberglaube , der , unbegreiflich genug , neben dem leichtsinnigsten Unglauben besteht , dem Menschen Trost und Muth gewähren ? Kann er , wenn sein Glück zertrümmert ist , mit Zuversicht Hülfe von den Bildsäulen hoffen , die er mit schwelgerischen Mahlzeiten , oder lächerlichen Ceremonien ehrt ? Werden ihn die Zauberformeln beruhigen , die thessalischen Weiber für