im Durchschnitt genommen , nicht viel Gutes von euch zu rühmen , ihr andern Eupatriden : aber das bleibt doch wahr , daß der Schlechteste von euch nicht fähig gewesen wäre , weder Ankläger eines Sokrates zu seyn , noch ihm Schierlingssaft zu trinken zu geben . 49. An Lais . Um uns die gezwungene Unterwerfung unter das eiserne Gesetz der Nothwendigkeit erträglicher zu machen , gibt es wohl kein besseres Mittel , liebe Laiska , als uns des großen Vorrechts zu bedienen , womit die Natur den Menschen vor allen andern lebenden Wesen begabt hat , » daß es in seiner Macht steht , bloß durch eine willkührliche Anwendung seiner Denkkraft , wo nicht allen , doch gewiß dem größten Theil der Uebel , die ihm zustoßen , den Stachel zu benehmen , indem er sie aus dem düstern Licht , worin sie ihm erscheinen , in ein freundlicheres versetzt , und sie so lange auf alle möglichen Seiten wendet , bis er eine findet , die ihm einen tröstlichen Anblick gewährt . « An diese sollten wir uns dann , wenn wir weise wären , festhalten , ohne spitzfindig nachzugrübeln , wie viel davon etwa bloß Täuschung seyn möchte . Warum wollten wir die Schale mit Nepenthes137 , die uns eine mitleidige Gottheit reicht , ausschlagen , um uns vorsetzlich dem Gram einer einseitigen Vorstellung zu überlassen , der , wie der Geyer des Prometheus an unserm Leben nagt , ohne daß irgend etwas Gutes für uns oder Andere daraus entspringen kann ? Was wir selbst , was alle bessern Menschen , was die Welt überhaupt durch den Tod unsers unersetzlichen Freundes verloren hat , kann uns durch unsern Unmuth nicht wiedergegeben werden . Reißen wir uns mit unsern Gedanken von allen eigennützigen Gefühlen los , und erwägen dafür , was er selbst , der Geliebte , dessen Verlust wir beklagen , verloren oder gewonnen haben mag ! - War es nicht eher ein Gut als ein Uebel für ihn , die Zeit der immer fühlbarer werdenden Abnahme , die Zeit nicht zu erleben , wo der Mensch in seinen eigenen und andrer Augen nur noch als eine zusehends in Trümmer zerfallende Ruine dessen , was er war , erscheint ? » Er hätte , sagen wir , noch lange , vielleicht noch zehn Jahre leidlich leben können . « - O ja , und dann vielleicht noch andere zehn Jahre unter allen Entbehrungen und Beschwerden des höchsten Greisenalters , wie eine allmählich sterbende Pflanze , hingeschmachtet ! der Welt unnütz , sich selbst und seinen Freunden lästig , ein trauriger Gegenstand ihrer in bloßes Mitleiden verwandelten Liebe ! Ihm war ein besseres Loos beschieden . Denn wahrlich , im Genuß aller seiner Kräfte und einer vollständigen Gesundheit der Seele und des Leibes , siebzig Jahre zurückzulegen , und dann ohne Krankheit und Schmerzen so schnell und leicht aus der Welt zu kommen , wie er , ist ein Glück das unter tausend Menschen kaum Einem zu Theil wird . - » Er starb schuldlos von ungerechten Richtern verurtheilt , « - aber ruhig , heiter , freudig , im Bewußtseyn eines ganzen wohl geführten , untadelhaften , gemeinnützlichen Lebens ! geliebt , geehrt , beweint und betrauert von allen guten Menschen ! Er lebt fort im Herzen seiner Freunde , wird ewig leben im Andenken der spätesten Nachwelt , die seinen Namen zur gewöhnlichen Bezeichnung der Idee eines weisen und tugendhaften Mannes machen wird . Seine denkwürdigsten Reden , seine Lehre , sein bürgerliches und häusliches Leben , werden , von seinen Freunden in Schriften dargestellt , noch Jahrtausende lang , vielleicht unter Völkern , deren Benennung uns jetzt noch unbekannt ist , Gutes wirken . Gibt es ein glorreicheres Loos für einen Sterblichgebornen , als , mit allen diesen Vorzügen gekrönt , von der Tafel der Natur aufzustehen und schlafen zu gehen - entweder zur Ruhe eines ewigen Schlafs , oder ( wie er selbst glaubte ) um , mit den Geistern aller Edeln und Guten , die vor ihm waren , vereinigt , ein neues Leben in der unsichtbaren Welt zu beginnen ? Trauren wir also nicht um Sokrates ! Er hat nichts verloren , nichts das ihm nicht reichlich ersetzt wird , nichts , wofür ihm nicht schon die letzte Stunde , da sich Vergangenheit und Zukunft in seinem Bewußtseyn in Ein großes , klares , lebendiges Gefühl zusammendrängte , überschwänglichen Ersatz gegeben hätte . - » Aber was wir selbst an ihm verloren haben ? « - ist , im Grunde , wenig , meine Freunde ! denn von allem , was wir bereits von ihm besitzen , können wir nichts verlieren als durch unsre eigene Schuld ; und in der Folge hätte er doch nur wenig mehr für uns seyn können . Gesetzt aber auch wir hätten viel verloren , so sey uns dieß ein neuer Antrieb , einander desto sorgfältiger und eifriger alles zu seyn , was in unserm Vermögen ist ! Ich gestehe , daß es mir jetzt äußerst peinlich wäre , nach Athen zurückzukehren , wo mich alles noch zu frisch an ihn erinnern würde ; aber in einigen Jahren werden diese Erinnerungen vielmehr angenehm als schmerzhaft seyn . Was die Athener betrifft , die sind , im Durchschnitt , ein so verächtliches Gesindel , daß sie nicht einmal unsers Hasses werth sind , geschweige daß die liebenswürdigste aller Erdentöchter um ihrentwillen zur Medea oder Tisiphone138 werden sollte . An weniger gefühllosen Menschen würden Scham und Reue bereits eine strenge Rache genommen haben . Aber ich besorge sehr , die Athener sind weder der Scham noch der Reue fähig . Desto schlimmer für sie ! Sie werden ihrer verdienten Strafe nicht entrinnen ; und schwerlich würdest du , wenn dir auch alle Fackeln und Schlangenpeitschen der Erinnyen zu Dienste ständen , grausam genug seyn , ihnen die Hälfte der Plagen anzuthun , die sie selbst durch die natürlichen Folgen ihrer unheilbaren Verkehrtheit über sich aufhäufen werden . Meine Geschäfte