er sie allein . Er sagte zwar nur : Excellenz waren charmant , waren süperbe ! aber er meinte etwas unendlich Größeres damit . Er plauderte Späße mit Spartakus und Cicero , er nickte zu den Fenstern Olga ' s hinauf , er moquirte sich über die Hofdamen , über die Spinnen , über Pergolese ' s langweiligen Styl , über die Blicke , die die Fürstin von Sein-Haben-Werden auf ihn geschossen hätte , als von Verwandlung des Tereus in einen Wiedehopf die Rede gewesen wäre , als wenn sie nicht viel eher Ursache hätte , den Vortrag einer Geschichte der Verwandlungen in eine Schnepfe oder eine Gans zu fürchten , kurz er versteckte sein Gefühl in ein Hanswurstkleid , das ihm , wie er dachte , besser stand als der Ernst . Anna seufzte über die » Gesellschaft « Olga ' s wegen ... Erschüttert in allen Nerven ging sie erst zur alten Excellenz , die schon in ihren Arbeiten vertieft war und sich mit Behagen die merkwürdigen Scenen noch einmal vergegenwärtigte , dann aber rief sie Olga , um ihr zu erzählen , was sie versäumt hatte und zu staunen , als sie vernehmen mußte , daß ihr die Fortschritte , die sie inzwischen an ihrem Bilde gemacht hätte , lieber wären als alle Schauspiele der Verstellungskunst bei Hofe . Du hast Recht ! sagte Anna , betrachtete das Bild , ergriff Olga ' s Arm , nahm einen großen runden italienischen Hut , den sie ihr sanft auf das schwarze Haar legte und zog sie mit sich die Stiege hinunter in die freie Luft ... Sie hätte es in den schwülen niedrigen Zimmern nun nicht aushalten können . Ihr Blut wallte . So heiß war es ihr seit Jahren nicht durch die Adern gerollt . Jetzt hätte sie einer liebevollen Kindesseele bedurft , die sie zärtlich umfangen , ihr die Stirn geküßt , das Haar , die Wangen , die Hände gestreichelt hätte . Sie sagte es auch der nicht so wie sie angeregten und sie nicht verstehenden Olga . Sie sagte ihr : Ach , hätt ' ich meine Selma jetzt ! Auf dem kleinen Hügel sammelte sich Anna . Die Sonne war im Sinken begriffen . Die fernen Thürme der Stadt wie erleuchtet von ihren letzten rothen Strahlen . Erst Alles ringsumher so geräuschvoll , nun wieder die alte , ihr so wohlthuende Stille ... Es ging dem Winter zu . Wie doppelt genießt man den freundlichen Abschied des Herbstes ! Man möchte ihn festhalten , mit ihm ringen , daß er bleibe , aber in dem Kampfe fallen vom Haupte des gebräunten Knaben aus seinem Erntekorbe erst die Früchte , die Birnen , die Äpfel , die rothbraunen und grünen Trauben , zuletzt aber auch die Blätter selbst ... Olga aß von einem Teller Trauben . Sie hatte Tage , wo sie nichts genoß als Früchte . Sie hielt Anna ' s Hand , fühlte ihre Pulse klopfen , aber sich ihr hinzugeben , sie wie das Kind zu umarmen , das Anna ' n heute vor mehr als dreißig Jahren geboren war , das vermochte sie nicht , in der Voraussetzung der sie umgebenden prosaischen Dinge . Doch einmal sagte sie : Warum soll denn Selma todt sein ? Ein Akkord wehte grade herüber vom Tannenpark ... Sie ist todt ! sagte Anna . Ich mußte sie hingeben schon damals , als ich dem Manne ihrer Liebe sie versagen wollte ! Es war ein mächtiger Geist , um den sie flatterte , wie der Schmetterling um die Lichtflamme . Ich sagte ihr , daß er sie verzehren würde . Sie glaubte es nicht . Ich schilderte ihr sein regelloses , kometenartiges Leben . Sie liebte ihn doch . Ich tadelte sie in ihrer blinden Wahl , ich enthüllte ihr Alles , was ihr diesen Geliebten verdächtigen konnte . Sie haßte mich dafür ; denn so lieben Liebende ! Sie folgte seiner Werbung , in weite Fernen . Wohin ? Wer weiß es ? Nie schrieb sie mir . Ich war todt für sie , sie todt für mich . Und ich weiß es , in Worten , geschriebenen Worten , ließ sich nicht sagen , was mein verlornes Kind mir zu sagen hatte . Ihr Gatte war ihr ein Gott . Ihn betete sie an . Konnte sie so treulos sein , nachdem ich ihn als den Verabscheuungswürdigsten ihr hingestellt hatte , vor seinen Augen sich mit den Frevlern an ihrem Heiligthume auszusöhnen ? Erst war ich trotzig , dann wurd ' ich zaghaft , zuletzt weint ' ich , und als ich nicht mehr weinte , weiß ich , war sie gestorben . Eine Stimme sagt mir ' s. Das hört sich . Das sieht sich auch . In stillen Nächten kommen die Bilder . Ich weiß , Selma ist nicht mehr . Olga brach sich Blumen und wand einen Kranz ; dieser Ton hatte ihr gefallen . Ihren geistigen , poetischen Stolz überwand sie etwas , sie gedachte , der alten Dame , die so überfliegend und ätherisch sprechen konnte , mit einem Kranz zu huldigen ... Es schlug schon sieben vom Thurme ... im Hofe war Alles ruhig ... auf der Straße unten dann und wann ein Wagen noch , ein Reiter ... der Greis zündete Licht an . An seinem Fenster wurd ' es hell . Er studirte ... Der Abend war nicht kühl . Es war eine verspätete Sommernacht ; aber das Dunkel kam früh ... Olga ' s Kranz war fertig ... Von den Tannen würziger und melodischer Hauch ... Eben will Anna Olga ' s Arm ergreifen und sich dem Hause zuwenden , um Abends , wie sie gewohnt , dem Greise beim Thee noch etwas vorzulesen , als ein kleiner Wagen , ein Einspänner , von der Chaussee aus dem Walde herkommend , zum Landhause einlenkt ... Welcher späte Besuch ? frägt Anna und wendet sich der Eingangspforte zu . Der Wagen fährt näher .