sie läßt das Misliche an sich kommen , ohne es zu rufen ... Wie Paula , ihr Gatte und der priesterliche Freund in Coni zusammenlebten , wußte ja Armgart seit Jahren aus dem Briefwechsel der Freundin ... Sie kannte , was hier im Herzen edler Menschen möglich , freilich auch nach der Anschauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein sprechender Beweis für die tiefe Verwerflichkeit der katholischen Kirche war ... Um dieser Schonung ihres Verhältnisses zu Bonaventura willen berührte auch noch Paula nichts , was zum Unaussprechlichen in Armgart ' s Seele gehörte ... Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit für Olympia geworden , hatte er aufgehört , für diese ohnehin im Politischen nicht mit dem herrschenden Zeitgeist gehenden Kreise anders , als in den Bildern alter Zeit zu existiren ... Der Graf hatte schon in Limone seine alte Anhänglichkeit an Oesterreich zu erkennen gegeben ... Die Gegend würde ihn , sagte er , in dieser anarchischen Zeit mit dem feindseligsten Mistrauen betrachtet haben , wäre die Mutter nicht so hochverehrt ... Paula verschwieg nun auch nicht , daß sie alle anfangs dem Ruf des Erzbischofs geschadet hätten ... Armgart erkannte an allem , was sie so abgebrochen hörte , daß nach dem Tode der Gräfin irgendeine große Entschließung im Werke war ... Der Tod Sarzana ' s wurde von Paula bestätigt ... Von Lucinde , von Cäsar von Montalto hatte man keine Nachricht ... Im Austausch der durch alle diese Namen und Verhältnisse hervorgerufenen Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umrisse des sich allmählich als Beherrscher eines dichtbevölkerten Thals und einer kleinen Ortschaft erhebenden , aber mehr den Bergen zugelegenen Schlosses ... Wohl konnte Armgart begreifen , wie sich Graf Hugo ' s Vater mit diesem Prachtgebäude hatte in Schulden stürzen müssen ... Castellungo gehörte der Gräfin , aber ihr Gatte hatte beigetragen , es weit über ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der reizenden Landschaft zu erheben - es war der einzige Adelssitz , der hier noch an die Zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte ... Thürme erhoben sich mit gezackten Zinnen , mit Altanen , freischwebenden luftigen Brücken - alles hätte , ohne den düstern Flor , der auf dem Ganzen lag , einen um so anziehenderen Aufenthalt verheißen können , als die Reize der Natur , wie ihm schmeichelnd , sich rings um den mächtigen Bau lehnten ... Eine üppige Fruchtbarkeit , gute , freundliche Menschen , die ihre Wohnungen bis weit hinauf über die Berggelände hatten , alles das machte den wohlthuendsten Eindruck ... Wie schmerzlich , daß die Diener , die den auf dem bequemsten Schlängelpfade bis zum Schloß anfahrenden Wägen entgegeneilten , schon in ihren Mienen die angebrochene letzte Stunde der Gräfin berichteten ... Hedemann , nach dem die Sterbende ein besonderes Verlangen trug , stand schon an der Eingangspforte unter den mächtigen Wappenschildern von Marmor und sah sich in der weiten schönen Gegend und in den blumengeschmückten Höfen des Schlosses mit einem Blick um , als wollte er sagen : Hier wirst auch du dein letztes Lager finden ! ... Eilends stiegen alle aus ... Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen , der Monika den Arm bot ... Paula wurde vom Obersten geführt , der sich noch scheute , sich ihr zu sehr zu nähern ... Aber Paula ' s gen Himmel erhobener Blick schien den Dank aussprechen zu wollen , daß sich ihr Leben schon lange unter die allgemeinen Bedingungen der Natur gestellt hätte ... Fest klammerte sie sich an den ihr sympathischen Mann - den Vater ihrer geliebten , so langentbehrten Armgart ... Auch der Mutter warf sie nur Blicke der Liebe und Versöhnung zu ... Der Aufgang , das Treppenhaus , alles gab sich in hohem Grade würdig ... Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit ... Die Diener gingen leise auf und ab in reicher Zahl ... Die alte Gräfin hielt auf den Glanz ihres Hauses ; zumal , seitdem die frühere Entbehrung geschwunden ... Ordnung und Sauberkeit waltete auf allen Gängen ... Die steigende Mittagshitze verlor sich in Schatten und Kühle ... Im Schmuck der dann betretenen hohen , luftigen und hellen Zimmer herrschte ein gewählter Geschmack ... Graf Hugo ' s Liebhaberei waren schon in Salem kunstvolle Möbel und gediegene Einrichtungen ... Schon in Limone deutete er dem Obersten an , daß ihn Langeweile nie beschlichen hätte - zu thun gäb ' es bei großem Besitz immer und oft fehle ihm die Zeit , alles allein zu besorgen - Schloß Salem war unverkauft geblieben und seit diesen zehn Jahren jährlich von ihm auf einige Wochen besucht worden ... Für die Ankömmlinge , die er gern für immer gefesselt hätte , war ein ganzer Flügel des Schlosses eingerichtet ... In einem hellleuchtenden , säulengeschmückten Saale stand dann eine von Silber und Krystall glänzende , gedeckte Tafel ... Hier fanden sich alle Schloßbewohner beisammen ... Und wohl sah man , daß der Todesengel waltete ... An einer hohen , schwarzen , reich mit Holzschnittarbeit gezierten Thür standen weinende Frauen ... Einige davon erkannten sogleich von alten Zeiten her Porzia und begrüßten sie ... Auch Monika und Armgart fanden Bekannte , jene aus Wien , diese aus London ... Inzwischen öffnete der Graf jene schwarze Thür und bedeutete die Freunde ihm zu folgen ... In einem Vorzimmer sollten alle so lange verweilen , bis er die Mutter auf die endliche Ankunft derselben vorbereitet hätte ... Von einem würdigen Manne in schwarzer Kleidung , der ein Prediger schien , wurden zuerst der Oberst und Monika allein hereingerufen ... Paula schloß sich ihnen an ... Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein ... Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Pathenkind kommen ... In einem grünverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollsessel ausgestreckt die Mutter des Grafen , schon einem ausgelebten Körper ähnlich ... Ihre knöchernen Hände hatte sie auf der gepolsterten Lehne des Sessels liegen ... Sie fühlte wol kaum noch die Küsse , die die um sie her Stehenden oder