Stock des Königlichen Schlosses . Der Adjutant empfing uns und gleich danach erschien auch der Prinz in Person . So groß das Zimmer war , so war es doch derart eingerichtet , daß weder Pracht noch Größe ins Auge fielen . Im Gegenteil , der Eindruck des Behaglichen überwog . An einer scheinbar willkürlich gewählten Stelle stand ein kleiner runder Tisch , an welchem sechs Personen bequem Platz hatten . Ein dicker Smyrnateppich war darüber gebreitet , kein Tischtuch , wohl aber sechs Kuverts ; in der Mitte eine Moderateurlampe . Der Prinz wies einem jeden seinen Platz an . Ihm gegenüber saß der persönliche Adjutant , zu beiden Seiten je zwei Gäste , der zuhöchst im Range Stehende zur Rechten . Zwei große Schüsseln Austern harrten bereits der Gäste und jeder griff nach Belieben zu , während im harmlosen Geplauder Neuigkeiten , oft personeller Natur , ausgetauscht wurden . Sobald die Austern verzehrt waren , wurde ein Braten gereicht , selten noch irgend etwas anderes , und damit war die Mahlzeit beendet . In Berlin , im Gegensatze zu Dreilinden , erhielten die Gäste nur Champagner , der aus silbernen Bechern , mit hohem Fuße und innen vergoldeten Schalen , getrunken wurde . Das starre Festhalten an diesem Gebrauch war bezeichnend für den Prinzen ; er glaubte fest daran ( sprach es auch einmal in meiner Gegenwart aus ) daß der perlende Schaumwein seinen Gästen das willkommenste Getränk sei . Nicht gerne wich er von dieser Tischregel ab und so galt es denn als eine besondere Gunst , den schüchternen Hinweis auf einen widerspenstigen Magen respektiert und statt des Champagners eine Flasche Rotwein für den mehr oder weniger maroden Gast erscheinen zu sehn . Der Prinz selbst trank den Wein stets mit Mineralwasser gemischt , mit dem er seinen Gästen gegenüber geizte ; ja , die grüne Biliner Glasflasche stand wirklich wie ein Sakrum vor ihm und wer nicht weißes Haar ( oder keines ) hatte , der durfte nicht wagen , an dem Inhalt teilzunehmen . Nach Beendigung der kaum eine halbe Stunde dauernden Mahlzeit blieb alles sitzen . Nur gelegentlich erhob sich der Prinz , um persönlich ein Buch oder eine Karte herbeizuholen . Dann kursierten die Zigarren , deren Beschaffenheit der Prinz selbst definierte . Vor jedem Gaste stand außerdem noch ein Aschenbecher , eine flache Porzellanschale mit zwei Laubfröschen , die sich – menschliches Tun humoristisch nachahmend – in den verschiedensten Lagen und Beschäftigungen zeigten . Der Prinz besaß eine große Sammlung davon und je nach der Laune des Zufalls sah ich an den verschiedenen Abenden die guten Frösche musizieren oder disputieren oder zechen . Zigarrenabschnitte durften nicht in den Aschenbecher gelegt werden , darüber wachte der Prinz streng ; sie wurden peinlich gesammelt und am Ende des Jahres dem wohltätigen Vereine überwiesen , der sie verwertete . Unter den die Wände schmückenden Gemälden befanden sich zwei , die an keinem anderen Orte so berechtigt gewesen wären , wie hier . Das eine fixierte den Moment , wo der Prinz , nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr , auf dem Schlachtfelde von Vionville erscheint und die Meldung des Generals von Stülpnagel über die momentane Situation der 5. Division entgegennimmt . Das andre Bild zeigt den Prinzen am 29. Oktober vor Metz , in dem Augenblicke , wo der französische General Girard mit abgezogenem Käppi den Auftrag Bazaines ausrichtet : › Monseigneur , j ' ai l ' ordre de vous rendre la garde impériale . ‹ Zu diesen zwei Bildern gesellte sich noch ein drittes von verwandtem Interesse : Der kommandierende General des IX. Korps von Manstein erstattet am 1l . Januar 1871 , bei der Ferme St. Hubert , dem Prinzen Meldung über die Aktion bei Champagné ( vor Le Mans ) ; der Kommandeur der siegreichen 18. Division , General von Wrangel , steigt eben zu Pferde ; von der Seite sieht man General von Alvensleben , Kommandierenden des III. Korps , heransprengen , begleitet vom Chef seines Stabes , damaligen Obersten von Voigts-Rhetz . Noch ein anderer Gegenstand – aus dem Schlosse Frescaty bei Metz stammend – bot gerade hier ein besonderes Interesse : ein rechteckiger Tisch mit schwarzer Marmorplatte , deren vier Ecken die folgenden Inschriften , auf Goldbronze graviert , trugen : a. 173000 Gefangene , darunter 3 Marschälle , 6000 Offiziere . Verlust der Rheinarmee , bis zur Kapitulation , in Schlachten und Gefechten : 43000 Mann . b. 57 Adler ( folgen die Bezeichnungen und Nummern sämtlicher Regimenter , von denen die Adler stammen ) . c. 4700 Militärfahrzeuge ; 13000 Pferde ; Bekleidungsmaterial für 700000 Taler im Wert . d. 1570 Geschütze ( unter besonderer Angabe der einzelnen Gattungen . ) Die Herkunft und Bedeutung dieser historischen Reliquie ( des Tisches ) war mir unbekannt geblieben , bis der Prinz mich eines Tages bei der Hand nahm – wie er gerne tat , wenn er seinem herzlichen Wohlwollen einen Ausdruck geben wollte – und mir sagte : › Auf diesem Tisch ist die Kapitulation von Metz unterzeichnet worden . ‹ So war das Speisezimmer im Königlichen Schlosse zu Berlin und ich sehe , während ich dies niederschreibe , wieder die durch Reflektoren erleuchteten Gemälde vor mir und dazu den kleinen Tisch der Tafelrunde , bedeckt mit dem mattfarbigen Smyrnateppich , in seiner Mitte die trauliche Lampe , darum herum die glitzernden , silbernen Becher mit dem auf Goldgrund gebetteten perlenden Wein , die Aschenbecher mit den unermüdlich tätigen Laubfröschen , die braunen Havannakisten , die große mattglänzende Bombe mit den holländischen Zigarren , – und als Tafelrunde selbst den Kreis der Männer , die den Prinzen umgaben . Das waren die › buveurs intrépides ‹ ( wie uns der Prinz einmal in scherzender Verachtung eines viel besprochenen Pamphlets nannte ) , dieselben unerschrockenen Trinker , welche den Tag über im Generalstab oder im Ministerium , vor der Front oder am Studiertisch in schwer verantwortlicher Stellung gearbeitet hatten und welche am folgenden Morgen dieselbe Tätigkeit wieder aufnehmen mußten