König ... Wie ? ... Die Königin ... Himmel ? ... Anna näherte sich schon dem Papa - es ist ja nicht glaublich ! Doch ! Doch ! Der Hof eben vorübergefahren , schon bei dem Magnifikat still gehalten ... jetzt wo es an Händel ginge , ließe man fragen , ob ein Besuch der Herrschaften erlaubt und Zuhörer gestattet wären ... Staunen , Bewegung , Unentschlossenheit ... endliche Fassung ... zwei Minuten darauf hatte sich die Scene merkwürdig geändert ... dem Schlosse von Tempelheide war großes Heil widerfahren . Viertes Capitel Die beiden Jahrhunderte Im Vorzimmer des Musiksaales zu Tempelheide bei geöffneten Thüren sitzt das Monarchenpaar , andächtig lauschend einem mit unendlich gesteigertem Eifer wieder begonnenen Händelschen Psalm , einem Musikstücke , auf das sich die im Innersten bebende Anna verlassen konnte ... Die Altenwyl , freudestrahlend über den gelungenen Überfall , denn grade in dem Plötzlichen , dem Unvorbereiteten lag der Reiz , lag der Zauber , der allein die Herrschaften in dem Glauben erhielt , sie beglückten sehr die Menschheit und verstünden sie in ihrem tiefsten und geheimsten Walten ... Eine Ankündigung dieses Besuchs , wen hätte sie nicht Alles verletzt , wieviel Neid hätte sie erweckt und wie leicht hätte sie das Zustandekommen vereiteln können , da Anna so schwer zugänglich war ... Nun aber war der kühne Wurf gelungen ... Der Monarch blickt gläubig , seine Gattin erbaut sich an der Sache selbst und an der Andacht des Gemahls ... Zwei Kammerherren in bescheidner Entfernung , zwei Hofdamen sitzend hinter der Herrscherin und alle mit denselben Mienen wie diese , dieselben Achs ! Dieselben Os ! wie jene , ja als sich die Augen der Königin bei einem Adagio mit Thränen füllten , weinten auch die weiblichen Umgebungen ... Die Kammerherren waren etwas selbständiger ; sie fühlten dem Monarchen nach , daß seine Empfindung eine getheilte war . Halb war sie der altklassischen Musik , halb dem greisen Obertribunalspräsidenten zugewandt , der von seinem Gaste , dem russischen Staatsrathe Otto von Dystra , geführt , neben den Majestäten saß und mit sicherm ruhigen Bewußtsein , ja mit einer gewissen vornehmen Fassung die Ehre entgegennahm , die seinem Hause so überraschend widerfuhr ... Dystra war längst dem Hofe vorgestellt und seiner halbverwachsenen Figur wegen sogleich als der Sonderling erkannt , von dem man glücklicherweise seine Bekanntschaft mit gewissen zweideutigen Elementen der Gesellschaft noch nicht in Erfahrung gebracht hatte ... Die Königin irrte sich gar nicht , wenn sie bei ihrem Gemahl voraussetzte , daß ihm diese unmittelbare Annäherung an den Chef der Gerechtigkeit in seinen Staaten außerordentlich wohl that und er sich in dem Bewußtsein betraf : Du lehnst dich da an das Gute und das Edle , an das von Gott Eingesetzte und ewig Gewollte , an den Widerschein der himmlischen Ordnung und du bist in der Weise , wie du nun einmal regierst oder regieren lässest , nicht nur in deinem göttlichen Rechte , sondern auch in der wahren Bahn deiner urweltlich prädestinirten Pflichten ! ... Und nun dazu diese Musik , diese alte bewährte Tonschöpfung eines großen Meisters ! Welche Sicherheit gewährte ihm diese Anlehnung an eine Jakobsleiter , die gleichsam in den Himmel selber führte ! Ach , es sah so düster auf dem Gebiete der täglichen Erfahrung aus . Die Ruhe war hergestellt , aber theilweise mit gewaltsamen Mitteln . Man hatte in Egon von Hohenberg eine seltne Kraft des Willens , der Durchführung , des Vertrauens sogar gewonnen , aber selber wollte man nicht vertrauen . Man fühlte sich einsam , leer , beängstigt wie immer . Man hatte einen Staat , aber kein Volk mehr . Man sah Gehorsam , aber so wenig Begeisterung bei Denen , die gehorchten , weil sie mußten . Man hatte Beispiele von Strenge geben müssen . Bis in das Heer , das man den Kern und die Blüthe des Volkes zu nennen pflegte - der Kern und die Blüthe des Volkes ist die Schule , hatte dagegen Egon selbst einmal eines Abends in den kleinen Cirkeln mit Reizbarkeit gesagt - bis in das Heer war das » Gift der Neuerung « gedrungen . Es waren Beweise von Verrath gegeben worden , die man zum abschreckenden Beispiele hatte mit buchstabenscharfer Rücksichtslosigkeit strafen » müssen « . Noch beunruhigend genug war die Sage von einem großen geheimen Bunde , der bis in die weiteste Verzweigung aller Stände griff und den Boden , auf dem man täglich wandelte , unsicher machte . Egon selbst , der nicht blos das Land , sondern auch zuweilen den Hof , wenigstens dessen liebste Angehörige , tyrannisirte , der Premierminister , dies allbewunderte , strahlend aufgegangne Gestirn , das weithin am europäischen Himmel leuchtete , Egon von Hohenberg selbst hatte eines Abends , als von gewissen strafenden Worten die Rede war , die ein Prinz des Hauses in der Provinz zu einem Gemeinderathe gesprochen , gesagt : Hüteten sich doch die Fürsten , mit ihren persönlichen Ansprüchen auf die Empfindungen der Menschen jetzt noch zuweit sich hervorzuwagen ! Es kann eine Zeit kommen , wo das Fürstenwesen von Allen , vom Bürger , Bauer , Adel und der Bureaukratie umgangen worden ist und es plötzlich in einer Vereinsamung dasteht , die es vor der Treulosigkeit seiner besten Freunde wird erschaudern lassen ! Solche Egon ' schen Worte waren längst die Veranlassung einer geheimen Hofverschwörung gegen den Staatsretter geworden , wie man ihn öffentlich nannte . Die Königin stand selbst an der Spitze dieser Opposition , die zunächst eine sittliche war und von der Gräfin Altenwyl von dem Augenblick offen bekannt wurde , als sich der Fürst mit dem schönsten Mädchen der Residenz vermählt hatte , dem man die bürgerliche Abkunft nachgesehen hätte , wenn nicht Melanie ' s Ruf , der Ruf jener Pauline , unter deren Auspicien diese Ehe zu Stande kam , Anstoß hätte erregen müssen . Es war eine Demonstration gegen Pauline und gegen Egon selbst , daß man Anna von Harder heute besuchte , sittliche Elemente