Wahrscheinlich hatte ihr die Trompetta den Streich gespielt , ihr die Mitbenutzung ihres Wagens unmöglich zu machen . Dadurch hatte sie einen Miethwagen nehmen , sich ängstigen müssen ... Aber welche frohe Botschaft brachte sie auch mit ! Sie hatte ja den Hof über die Felder hinausfahren sehen , die um Tempelheide lagen , die königlichen Wagen sechsspännig mit Vorreitern und mit zwei Wägen voll Kammerherren und Hofdamen . Und nun , wie gehoben konnte sich die junge Aristokratin fühlen schon durch den Anblick der andern Wägen , die vor Tempelheide standen ! Welch ' Gefühl der Exclusivität , so in einen Saal zu treten , wo es nur Mitglieder der höhern Gesellschaft gab , ja sogar unter sechs bis acht Gräfinnen eine Fürstin , vielleicht eine Fürstin von Sein-Haben-Werden ! Sie kam grade zurecht , in ein Miserere mit einzustimmen , dem es gut that , bei der Stelle dele iniquitatem meam durch ihre helle hochliegende Stimme in der rechten Lerchen-Wirbel-Schwebe gehalten zu werden . Anna dirigirte mit Feuer und Begeisterung . Was auch kommen und drohen mochte , in der Musik hoben sich ihr alle Schwingen . Da hörte der kleine Flug über die Erde auf , da wurde nicht mehr mit den Fittichen über die Rücksichten leise hinweggeflattert , da schlug sie Akkorde , die die Seele entfesselten und emportrugen in die Welt der Ahnungen und des lebendigsten Gottvertrauens . Sonst ihre Stimme im Reden so weich und fast tonlos , jetzt markvoll und schmetternd Befehle ertheilend ! Cis ! Cis ! Cis ! so durchgedonnert durch die falschgreifenden Baronessen und Gräfinnen , ein Zu früh ! den Räthen , Präsidenten , Kapitäns , Assessoren , Sekondelieu-tenants und Kadetten - wieder einem Flottwitz hatte sich endlich die Stimme gesetzt zu einem recht brauchbaren Falsett-Tenor - so ein Zu früh ! das war wie der Tuba-Ton eines Jahrhunderts , der diesen Herrschaften sonst gewöhnlich nur zuzurufen pflegt : Zu spät ! Freilich auch Zu spät ' s ! kamen genug vor , besonders bei den etwas nachmittagsschläfrigen Bässen , die ihr exultabunt ossa mea ganz im Gegensatz zur Bedeutung dieser Worte etwas gar zu sehr wie wiederkäuendes bequemes Hornvieh hervorbrummelten . Am meisten Noth hatte die gute Anna mit der Fürstin Sein-Haben-Werden , die die Musik leidenschaftlich liebte und die heilige vollends mit Auszeichnung , aber an einer für Menschen fast instinktwidrigen musikalischen Gehörlosigkeit litt und im Vergreifen des Einsetzens im Laufe der Übung es in der That für den Zusammenhang der Töne zuweilen zu einem wirklichen kompletten Miserere brachte . Dystra inzwischen litt nicht nur an seinem höchst geringen Interesse für geistliche Antiphonieen und Responsorien , sondern in noch erhöhterem Grade in seinem ganzen , von dem Lokale , wo er sich befand , in Belagerungszustand gesetzten Nervensystem . Der ihm so wohlwollend zugewandte Greis hatte sich von ihm die kleine Haustreppe hinunter in ein Gemach führen lassen , das zwar eine sehr angenehme Kühle verbreitete , aber bald für ihn ein Gegenstand des Schreckens werden sollte . Der Alte hatte es die Spinnstube genannt . Dystra folgte in Bewunderung vor der ländlichen Patriarchalität dieser Wohnung , wo noch gesponnen wurde , wie im Zeitalter der Königin Bertha . Wie erschrak er aber , als er sich auf einen Stuhl neben einem Sessel , in den sich der Alte niederließ , warf und entdeckte , daß dies nicht die Spinn- , sondern die Spinnenstube war ! Wirkliche Spinnen waren es , die hier spannen , und welche Ungeheuer , welche achtbeinigen Arachniden , welche Netze ! Quer über das ganze Zimmer hingen die Fäden und junge und alte Kreuzspinnen schaukelten sich auf ihnen . Es ist wahr , der Greis sprach sehr schön über den Ton und dessen Einwirkung auf die Thierwelt . Er verglich den Ton mit dem Lichte und erklärte , daß Ton und Licht dem Thiere zusammenflösse , dem Fische , dem Käfer , der Spinne . Es ist wahr , man konnte bei den ersten Takten , die in dem Musiksaale nebenan angeschlagen wurden , die Bewegung sehen , wie die Spinnen stutzten und der Thür sich zuwandten . Aber der unheimliche Eindruck blieb doch und wurde gesteigert , als der Präsident auf ein kleines Loch am Fußboden zeigte und sagte : Geben Sie jetzt Acht ! Er gab Acht und errieth fast , daß aus diesem Loche noch ein Freund der Musik erwartet wurde , aber am liebsten hätt ' er sich einen Kehrbesen und eine muthige Magd gewünscht , die hier die Wände rein gefegt hätte . Es half nichts , er mußte die Spannung des Alten theilen , der aus diesem Loche den Besuch einer kleinen Maus erwartete , die nie ausblieb , wenn die Akademie im Gange war . Es dauerte heute lange . Der Alte bekam schon Bedenken , fürchtete für die Rückfälle seiner Katzen , schalt über die Hunde , die Mägde , die Ratten , die Diener , Alles in einem Tone . Er hörte nichts von den majestätischen Hymnen , die nebenan mit allen Unterbrechungen eines möglichsten Strebens nach Correkt-heit gesungen wurden , bis endlich wirklich zu seiner innigsten Freude ein kleines graues Mäuslein sich hervorwagte , klug die Äuglein um sich warf , den Boden prüfte , den Schweif ringelte und sich den an der Thür wie verzaubert lauschenden Spinnen als alter bekannter Musikfreund hinzuzugesellen suchte . Schon längst hatte man nebenan einen Versuch in mehr unserm Jahrhundert sich annähernder Musik gemacht , schon längst hatte Dystra soviel gewonnen , daß er mindestens eine durchgebildetere Verschlingung der von den einzelnen Stimmen getragenen Tonfiguren zu bemerken glaubte , als dem Greise sein Experiment gelungen schien und er sein Mäuschen wie einen alten Bekannten begrüßte . Nur dauerte die Freude nicht lange . Denn ... plötzlich stockte der Gesang , die Spinnen bewegten sich erschrocken auf den hohen Stelzbeinen , das Mäuschen stutzte , eine kräftige Hand pochte an die Thür , ein Bedienter öffnete ... eine Überraschung ... der Hof ... Was ? ... Der