. Sogar die arme steife Frau von Henning hat ihre Tochter nach Paris gehen lassen . Fragt mich mein Vater , was in aller Welt ich in Zürich thun will — ich habe eigentlich keine Antwort . Und wer weiß , ob ich mich dort nicht noch überflüssiger fühle als zu Haus . Zwar — es ist schon wunderschön , einmal sein eigener Herr zu sein ! ” “ Das wollt ' ich meinen , ” rief Greffinger und lachte herzlich . Agathe war ungefähr in der Stimmung , in der sie als Kind auf den Ketten am Kasernenplatz gesessen und mit den Beinen gebaumelt hatte — ein wenig ängstlich , ein wenig beklommen , aber doch so heimlich frech und froh . Sie saß neben Martin auf dem Deck des Dampfers . Durch das blau aufschäumende Gewässer rauschte ihr Fahrzeug dem jenseitigen Seeufer entgegen . Agathe wollte mit ihrem Vetter das Hörnli besteigen . Man sollte von dem Felsplateau schon auf mäßiger Höhe einen herrlichen Rundblick genießen . Längst war die Partie geplant . Aber mit Papa und Martin und Gerichtsrats — nein , von der Zusammensetzung versprach Agathe sich nicht viel Vergnügen . Nun hatte Papa einen zweitägigen Ausflug mit dem Professor und ein paar anderen Herren unternommen . Martin lockte Agathe auf ihrem Morgenspaziergang weiter und weiter , bis zum Ufer . Dort lag der Dampfer bereit . Und Agathe hatte ihm selbst den Vorschlag gemacht , mit ihr hinüber zu fahren . “ Du fängst ja schon an , Dich zu emanzipieren , ” rief er fröhlich . Agathe bedauerte , daß das Dampfschiff nicht gleich bis nach Zürich fuhr . Heut wäre es ihr leicht geworden , ihrer ganzen Vergangenheit , Vater und Freunden und solidem Ruf und allem Lebewohl zu sagen . Sie waren beide sehr vergnügt und schwatzten lustige Thorheiten . Martin richtete die verfängliche Frage an Agathe , warum sie nicht geheiratet — sie hätte doch gewiß viel Körbe ausgeteilt . Agathe schüttelte den Kopf . — Sie wäre gewiß immer zu abweisend gegen die Männer gewesen ? Er erzählte ihr von einem Gymnasiasten , der sich die Buchstaben A. H. mit einer Stecknadel und blauer Tinte auf die Brust tätowiert habe . Agathe plagte ihn um den Namen . Er verriet ihn nicht , fügte nur hinzu : “ Ich war es aber nicht . ” Agathe glaubte doch , daß er es gewesen . Martin versprach ihr , wenn sie auf dem Hörnli wären , sollte sie Asti zu trinken bekommen . Er betrug sich heut überhaupt recht wie ein junger Mann , dem der Kopf voll Tollheiten steckt . Oben auf dem Hörnli schrieb er ins Fremdenbuch des Gasthauses : Mark Anton Grausiger , Wäschefabrikant und Gattin . Darüber geriet Agathe ins Kichern wie ein Schulmädchen . Vor ihnen lag in Totenstille und Mittagsduft die Kette der schneebedeckten Gebirge , der ungeheuren Felsenmassen , deren Farben im Lichtglanz aufgelöst waren . Tief im Thal reckten dunkle Wälder sich zum Wasser nieder , und in fahlem Blau schlummerte der glatte See . Nußbäume gaben Schatten über ihren Köpfen , und die Waldrebe kletterte an den Stämmen empor , rankte ihre zierlichen Klammerzweige mit den weißen Blüten von Ast zu Ast . Aus einem dunklen Gestrüpp von Lärchen und Tannen , durch das der Weg sich emporwand , hauchte es zuweilen wie ein kühler , duftender Atemzug über sie hin . Dort blühten Alpenveilchen im Moose . Es war heiß , und sie wurden müde und schweigsam im Ruhen und Schauen . Martin hatte den Hut abgenommen , sein Gesicht glühte , und er trocknete sich die Stirn mit dem Tuch . Eine kleine Kellnerin brachte ihnen das Essen und bediente sie . Das frische Ding , rund , weiß und rot wie ein Borsdorfer Äpfelchen , war appetitlich anzusehen in ihrem schwarzen Sammetmieder und der hellen Schürze . Agathe und Martin beobachteten , daß ein plumper , fettglänzender Mann mit einem großen Siegelring am Zeigefinger , der seine Mahlzeit schon beendet hatte , die niedliche Kleine zu sich winkte , einen Stuhl herbeizog und sie zudringlich nötigte , sich neben ihn zu setzen und ein Glas Wein mit ihm zu trinken . Sie antwortete ungeduldig ; man konnte sehen , es war nicht das erste Mal , daß sie sich gegen ihn zu wehren hatte . Er versuchte , sie am Rock festzuhalten , sie befreite sich unwirsch , schalt derb auf ihn ein und lief davon . Agathe wandte die Blicke ab . Die Natur und ihre eigene frohe Stimmung waren ihr entweiht . “ Dem Kerl möcht ' ich die Wahrheit sagen , ” grollte Martin zornig . “ Was solch armes Mädel zu ertragen hat ! ” Der dicke alte Philister ging , nachdem sein Versuch , einmal über die Stränge zu schlagen , mißglückt war , verdrießlich schnaufend fort . Wie schön ! Nun waren sie allein und konnten unbefangen schwatzen . Agathe hörte es gern , wenn Martin in Eifer geriet und ihr auseinandersetzte : sie müsse vor allen Dingen das Leben kennen lernen , wie es wirklich sei , nicht wie es wohlerzogenen Regierungsratstöchtern vorgemalt werde . Dann würde das Interesse an dem vielgestaltigen , grausig mächtigen und herrlichen Ungeheuer so stark in ihr werden , daß sie es wieder lieben lerne in seinen Abgründen und Tiefen und schroffen , schrecklichen Höhen , und daß sie gesund und froh werden würde an der Luft der Erkenntnis . “ Bist Du nicht weitergekommen in diesen vierzehn Tagen ? ” fragte er . “ Haben wir nicht schöne Stunden miteinander gehabt ? War das nicht besser , als Deine Gesellschaften und Deine Referendare und Lieutenants ? ” Agathe bejahte mit einem tiefen , leuchtenden Blick ihrer braunen Augen . Herrlich sprach er ! Welch ein Glück , daß sie ihn wiedergefunden ! Es war ja schon fast am Ende gewesen mit ihr . Diese elende , in lauter kleine Leiden und Sorgen und unnötige Arbeiten zerfaserte