Stadt kommen ? « » Wissen Sie das so genau ? « » Ganz genau . Sie werden schleunigst zu irgend einem namhaften Künstler gehen und das Talent des Friedel prüfen lassen , dann werden Sie ihn in die Zeichenschule bringen , werden aufs freigebigste für alles sorgen , was er braucht , und mir hierauf mit bekannter Grobheit melden , die Sache sei in Ordnung , sie gehe mich gar nichts mehr an und ich brauche mich überhaupt nicht mehr darum zu kümmern , – Was sagen Sie zu meiner Hellseherei ? « Normann sagte gar nichts . Es grenzte in der That an Hellseherei , daß man ihm seine geheimsten Gedanken und Absichten so ins Gesicht sagte , er war völlig verblüfft darüber . » Versuchen Sie nur nicht , es mir abzuleugnen , « fuhr Dora triumphierend fort . » Als wir damals den Aufstieg von der Alm aus unternahmen , hielten Sie mir eine lange Vorlesung darüber , daß es sehr erfreulich und nützlich für die Menschheit sei , wenn das › Jammerpflänzchen ‹ , der Friedel , so bald als möglich umkomme , und dann trugen Sie ihn eine Stunde lang in der glühenden Sonnenhitze , um ihm so bald als möglich Hilfe zu schaffen . Als er nach Schlehdorf gebracht wurde , und ich ihn pflegen wollte , wurden Sie grob und erklärten , Sie könnten das ganz allein besorgen . Sie haben auch die ganze Nacht an seinem Bette gesessen und ihm Umschläge gemacht . Jetzt bestehen Sie hartnäckig auf der Stiefelbürste , und sobald ich Ihnen den Rücken gewandt habe , bekommt der Friedel doch den Zeichenstift in die Hand . Sehen Sie nicht so grimmig aus , Herr Professor ! Ich glaube Ihnen nichts mehr , kein Wort , Sie haben bei mir verspielt mit Ihrer sogenannten Herzlosigkeit . « Norman hatte allerdings einen Versuch gemacht , die alte Grimmigkeit zu behaupten , aber es gelang ihm nicht , er fühlte das selbst und auf einmal beugte er sich nieder und fragte mit verhaltener Stimme : » Fräulein Dora , werden Sie bisweilen an mich denken ? « Der Ton der Frage war so ernst , daß er keine unbefangene Antwort zuließ , Dora senkte den Blick . » Ich denke , Sie kommen nach Heidelberg ? « » Vielleicht im nächsten Frühjahr . Jedoch bis dahin – haben Sie mich wohl längst vergessen . « » Nein ! « sagte das junge Mädchen leise , aber fest und hob langsam wieder die schönen braunen Augen empor ; sie tauchten tief in die des Fragenden , tief und ernst , und er mußte der Versicherung wohl Glauben schenken , denn seine Hand umschloß plötzlich mit festem leidenschaftlichen Drucke die ihrige . Da öffnete sich die Thür und Professor Herwig erschien . Auch er bemerkte mit dem höchsten Befremden die Oelpracht seines Kollegen , da er aber dessen Empfindlichkeit kannte , so äußerte er nichts darüber , sondern schüttelte ihm die Hand , während Dora in das Haus ging , um Hut und Handschuhe zu holen . Gleich darauf vernahm man drinnen ihre Stimme : » Wenn ich nur wüßte , wo mein Schleier geblieben ist ! Er war doch um den Hut gelegt , und jetzt finde ich ihn nirgends . « Friedel , der mit seinem Blumenstrauß soeben wieder herbeigekommen war , wurde blutrot und schielte ängstlich zu seinem Herrn hinüber . Jetzt mußte dieser doch den vermißten Schleier übergeben , was er bisher wahrscheinlich vergessen hatte , aber seltsamerweise geschah das nicht . Der Professor , der auf einmal auch merkwürdig rot im Gesicht aussah , wandte sich vielmehr zu seinem Kollegen und begann mit krampfhafter Lebhaftigkeit von irgend welchen Moosarten zu sprechen , zur Verwunderung Herwigs , der es etwas sonderbar fand , jetzt , im Augenblick der Abreise , ein wissenschaftliches Thema zu erörtern . Inzwischen war der Wagen vorgefahren , das Gepäck wurde herausgeschafft und aufgeladen , und die Wirtsleute mit ihrer ganzen Familie kamen herbei , um den scheidenden Gästen lebewohl zu sagen . Professor Normann aber war noch immer bei den Moosen , und Dora suchte noch immer ihren Schleier . Jetzt trat sie heraus und fragte : » Friedel , du hast ja meinen Hut gestern abend in das Haus getragen , hast du den Schleier nicht gesehen ? « Der arme Junge wagte nicht zu antworten und senkte schuldbewußt den Kopf ; da kam ihm die Hilfe von einer Seite , von wo er sie am wenigsten erwartet hatte . Sein Herr wandte sich plötzlich um , nahm ihm den Blumenstrauß ohne weiteres aus der Hand und sagte , ihn der jungen Dame überreichend : » Hier , Fräulein Dora , ein Abschiedsgruß von Schlehdorf ! « Das war ein glücklicher Gedanke , denn nun kamen die sämtlichen Hausbewohner mit ihren Blumensträußen gleichfalls herbei und umringten die Scheidenden . Es begann ein allgemeines Abschiednehmen und Händeschütteln , und darüber geriet der fehlende Schleier glücklich in Vergessenheit . Nur Friedel sah tiefgekränkt aus . Er hatte doch die Blumen gepflückt und zusammengebunden , und nun nahm sie ihm der Herr Professor weg und schenkte sie dem Fräulein , und er selbst stand mit leeren Händen da . Er fühlte sich erst einigermaßen getröstet , als Dora ihn herbeirief und aufs freundlichste von ihm Abschied nahm . Jetzt saßen die Reisenden im Wagen , noch ein letztes Winken und Grüßen , dann ging es fort , hinein in den sonnigen Morgen . Dem Friedel liefen die Thränen über die Backen , aber plötzlich fiel es ihm ein , daß der Weg um den ganzen See herum führe und daß man von der kleinen Anhöhe , am Ende des Gartens , den See überblicke . Er eilte spornstreichs dorthin , und der Professor , dem das gleichfalls einleuchtete , folgte ihm mit langen Schritten . Da standen sie nun beide und sahen dem Wagen nach , der in der That noch eine ganze Weile sichtbar