“ „ Sie überlebte den doppelten Schlag nicht lange . Das Kind wurde von dem Vater in Anspruch genommen . Er hatte jenem zwar Alles geraubt , worauf ihm die Geburt ein heiliges Recht gegeben ; aber ihm ließ man nichtsdestoweniger das Recht , den Knaben seiner Heimath und dem Glauben , in dem er auf Wunsch der Mutter getauft war , zu entreißen , um ihn den Händen seines Bruders zu übergeben und endlich in ’ s Kloster zu stecken . Die Kirche forderte wohl diese Sühne für jene ‚ Vereinigung ‘ , und die ‚ Priesterweihe ‘ sollte den letzten Rest des ‚ Ketzerblutes ‘ tilgen , das es gewagt hatte , sich mit dem Rhaneck ’ schen zu vermischen . “ „ Sie sollen dies Blut kennen lernen ! Noch Eins – was Sie mir sagten , ist nicht nur gehört , sondern verbürgt ? “ „ Ich stehe für jedes Wort ein , das ich gesprochen , wenn es sein muß , mit meinem Schwur . “ „ So haben Sie Dank für Ihre Mittheilung . Mein Entschluß war vorher gefaßt , aber Sie nehmen ihm das Schwerste . Das Gefühl der Dankbarkeit machte mich immer noch feig den Beiden gegenüber ; jetzt weiß ich , daß der Haß Recht behalten hat , der sich immer und immer in mir gegen sie aufbäumte , weiß , wer hier zu richten hat – ich gehe zum Prälaten . “ [ 237 ] Im Stifte sollte das feierliche Todtenamt für den jungen Grafen Rhaneck gehalten werden . Der Rang und Name des Verstorbenen und die Umstände seines Todes erhoben diese Feier zu einer außergewöhnlichen , die selbstverständlich all den kirchlichen Pomp und Glanz beanspruchte , den ihr düsterer Charakter nur gestattete . Der ganze Adel der Umgegend erschien , um den Eltern seine Theilnahme zu beweisen , aber auch die sämmtlichen Dorfschaften , welche unter der Herrschaft des Stiftes oder des Schlosses Rhaneck standen , hatten ihre Bewohner gesandt , es galt ja dem Neffen des Prälaten und dem Sohne des Majoratsherrn . Die Landleute drängten sich noch sämmtlich in dem Klosterhofe , um zu sehen , wie der Prälat an der Spitze seiner Geistlichkeit und begleitet von dem Adel und den Beamten der Umgegend sich in die Kirche begeben werde . Die Gräfin Rhaneck hatte den ersten furchtbaren Schlag einigermaßen überwunden , aber ihr Zustand gestattete ihr noch immer nicht , einer so aufregenden Feier beizuwohnen , der Graf dagegen war erschienen und hatte sich bis zum Beginn derselben in die Gemächer seines Bruders zurückgezogen . Seine Uniform trug heute die Abzeichen tiefer Trauer , und wer ihn so sah , wie er im Armsessel saß , den Kopf in die Hand gestützt , das Auge düster vor sich hinstarrend , der hätte in ihm kaum den noch immer schönen , lebenskräftigen Mann wiedererkannt , die wenigen Tage hatten ihm etwas Greisenhaftes gegeben . Der Prälat , der kalt , selbstbewußt und energisch wie immer neben ihm stand , erschien heute als der Jüngere von Beiden . „ Quäle Dich und mich doch nicht mit solchen Sorgen , Ottfried ! “ sagte er nachdrücklich . „ Die Beweise gegen diesen Günther sind nicht erschöpfend genug , um ihm ernstlich etwas anzuhaben . Wir können ruhig der Untersuchung zusehen , im schlimmsten Falle bleibt es uns immer noch , unseren Einfluß geltend zu machen , um das Aeußerste zu verhüten . “ Rhaneck ’ s Antlitz hellte sich nicht auf , trotz dieses Zuredens . „ Du hast ihn schon einmal vergebens geltend gemacht , als es sich darum handelte , die Untersuchung überhaupt zu verhindern , es gelang Dir nicht . “ Der Prälat zog die Stirn in Falten . „ Dieser neue Landrichter ist eine höchst unbequeme Persönlichkeit , die erste dieser Art , die man uns nach E. schickte ; ich werde sorgen , daß er nicht allzulange dort bleibt . Aber ich wiederhole es Dir , diese Kette von Zufälligkeiten war genug , Günther zu verhaften , nicht ihn zu verurtheilen , dazu gehören andere Beweise , man wird ihn wegen Mangels derselben freisprechen müssen . “ „ Und damit einen ewigen Makel auf seine Ehre werfen . “ „ Willst Du es unternehmen , ihn davon zu reinigen , so thue es ! “ sagte der Prälat scharf . Der Graf machte heftig eine abwehrende Bewegung und wandte sich nach dem Fenster , seine Augen schweiften theilnahmlos über die Landschaft draußen , aber man sah es , seine Gedanken waren ganz wo anders . Der Prälat schwieg , doch ein leiser Ausdruck von Befriedigung lag in seinem Blick ; ihm war es vielleicht nicht unlieb , daß die Untersuchung gerade diese Wendung genommen ; wurde damit doch ein Feind unschädlich gemacht , der mit seinen Neuerungen und seiner Autorität die ganze Gegend bedrohte ; was galt ihm die bedrohte Freiheit und Ehre dieses Mannes ! Er war künftig machtlos dem Volke gegenüber , wenn ein solcher Flecken an seinem Namen haften blieb . „ Hast Du – hast Du die Maßregeln ausgeführt , von denen Du mir schriebst ? “ fragte der Graf plötzlich . Die Frage kam bebend und leise von seinen Lippen und er wandte sich dabei nicht um , um dem Auge des Bruders begegnen zu müssen . „ Ich habe ! “ erwiderte dieser ruhig . „ Das Hochgebirge war seit drei Tagen abgeschnitten von uns , erst seit gestern sind die Wege wieder passirbar , ich habe das sofort benutzt , um einen Boten hinaufzusenden . Er bringt Benedict meinen Befehl , N. unverzüglich zu verlassen und nach dem Kloster abzureisen , das ich ihm bezeichnete . Der Bote muß ihn gestern noch erreicht haben , und jetzt ist er jedenfalls schon auf dem Wege nach seinem neuen Bestimmungsorte . “ „ Und nach welchem Kloster hast Du ihn gesandt ? “ Es klang durch die Frage wieder etwas von der früheren Angst hindurch . „ Ottfried ,