mehr geopfert , als ein aufrechtes Gewissen verantworten kann . Aber « , fuhr er zögernd und mit gedämpfter Stimme fort , » ist es nicht ein Glück für uns ehrenhafte Staatsleute , wenn zum Heile des Vaterlandes notwendige Taten , die von reinen Händen nicht vollbracht werden können , von solchen gesetzlosen Kraftmenschen übernommen werden – die dann der allwissende Gott in seiner Gerechtigkeit richten mag . Denn auch sie sind seine Werkzeuge – wie geschrieben steht : Er lenkt die Herzen der Menschen wie Wasserbäche . « » Das ist ein seltsam gefährlicher Satz « , rief Herr Fortunatus entrüstet , » den ich erstaunt bin , unter den Betrachtungen und Maximen Eurer Gestrengen zu finden ! Damit ist man auf geradem Wege , die schlimmsten Verbrechen zu rechtfertigen . Bedenkt , wie leicht solch ein gesetz- und gewissenloser Mensch , einmal in seine unberechenbare Bahn geschleudert und von seinen Leidenschaften wie von einem Orkan getrieben , sein eigen gelungen Werk zerstört . Wißt Ihr , wohin es schon mit Jürg Jenatsch gekommen ist ? Ich erfahre aus zuverlässigen Quellen , daß er bei den Verhandlungen in Malland dem an seinen Vorschlägen mäkelnden Herzog Serbelloni wie ein Rasender gedroht hat , er rufe die Franzosen wieder nach Bünden , wenn Spanien nicht seinen Willen tue , ja , daß er , um den Beichtvater Seiner hispanischen Majestät zu gewinnen – denn er wollte einen andern Einfluß gegen den Serbellonis zu Madrid in die Waagschale werfen – seinen angestammten evangelischen Glauben freventlich abgeschworen hat . « » Da sei Gott vor « , sagte der Bürgermeister aufrichtig erschrocken . » Und was fängt unser kleines Land mit diesem jetzt müßig gewordenen und an Taten noch ungesättigten Menschen an « , fuhr Sprecher fort , » der unsern engen Verhältnissen entwachsen und von seinen beispiellosen Erfolgen trunken ist bis zum Wahnsinn ? – In den Pausen seiner Unterhandlungen zu Mailand hat er in unserer Grafschaft Chiavenna , wo er sich von den drei Bünden zum Lohne seines Verrats an Herzog Heinrich die ganze Zivil- und Militärgewalt unumschränkt übertragen ließ , gewirtschaftet wie ein ausschweifender Nero und einen mehr als fürstlichen Hofhalt geführt . Ich könnte Euch manches davon erzählen , denn ich verzeichne seine Taten allwöchentlich mit dem scharfen Griffel der Klio , dessen Spitze ich übrigens zu niemandes Gunsten abstumpfen würde , nicht einmal zugunsten eines Sohnes oder – Schwiegersohnes « , schloß Herr Fortunatus mit trübem Lächeln . » Gott genade uns , welch ein Unwetter ! « rief Fräulein Amantia , unter diesem Schreckensruf ein zartes Erröten verbergend , und wirklich hatte sich der Sturm draußen verdoppelt und seine Stöße , welche die Gitterverzierungen am Fenster wegzureißen drohten , ließen das feste Haus erbeben und die Gläser auf der Tafel leise klingen . Es öffnete sich die Tür , eine erschrockene Magd erschien und berichtete , der alte Glockenturm zu Sankt Luzi sei , nachdem man ihn einige Male habe schwanken sehen , in dem Unwetter krachend zusammengestürzt , gerade als der Oberst Jenatsch mit seinem Gefolge durch das Tor eingeritten . » Das ist nicht ohne Bedeutung « , sagte ernst Herr Fortunatus , während die Männer ans Fenster traten . » Wir wissen aus Tito Livio und haben auch hier die Erfahrung öfter gemacht , daß die Natur mit der Geschichte in geheimem Zusammenhange steht , große Begebenheiten vorausfühlt und mit ihren Schrecknissen ankündigt und begleitet . « Unter andern Umständen hätte wohl der Bürgermeister diese abergläubische Bemerkung mit einem feinen Lächeln beantwortet , diesmal aber konnte er sich eines peinlichen Eindrucks nicht erwehren . Das Zusammenstürzen des Luzienturmes erinnerte ihn an die dem Veltlinermord vorhergehenden Tage seines Aufenthaltes in Berbenn , an die damaligen Zeichen und Wunder und an den blutigen Tod der schönen Lucia . Der Sturm schien sich ausgetobt zu haben , aber die Luft war feucht und schwer und dunkle Wolken hingen tief herab . Die Gasse hatte sich mit geringem Volke von zerzaustem und verstörtem Aussehen gefüllt . Jetzt sprengte ein Reiter um die Ecke in juwelenglänzender roter Tracht und wehendem Mantel , den Hut mit den flatternden Federn fest in die Stirn gedrückt . Es war Jürg Jenatsch , der seinen unruhigen Rappen hart vor dem Sprecherschen Hause bändigte und sich nach seinem Ehrengeleit umsah , das , vom Sturme aufgehalten , eine Straßenlänge hinter dem Voranjagenden zurückgeblieben war . Waser konnte seinen Blick von der Erscheinung des Jugendfreundes nicht verwenden . Er hing wie gebannt an dem starren Ausdrucke des metallbraunen Angesichts . Auf den großen Zügen lag gleichgültiger Trotz , der nach Himmel und Hölle , nach Tod und Gericht nichts mehr fragte . Das Auge blickte fremd über den erreichten Triumph hinweg – welches unbekannte Ziel ergreifend ? . . . Und wieder tauchte dem Bürgermeister eine alte Erinnerung auf : der Brand von Berbenn . Er sah Jürg , die schöne Leiche in den Armen , mit jenem aus Glut und Kälte gemischten Ausdrucke , den er nie hatte vergessen können . Wie kommt es , fragte er sich , daß Jürg heute auf dem Gipfel des Ruhmes geradeso dreinschaut wie damals in der Tiefe des Elends ? » Seht einmal « , flüsterte Sprecher durch die gleichgültige Haltung des ihn nicht beachtenden Reiters gereizt , » der Abtrünnige trägt die Ordenskette St. Jacobi von Compostella ! « Waser antwortete nicht , denn ihm zu Häupten ertönte – eine Seltenheit zu Anfang des Frühjahrs – dumpfes Donnerrollen und jäh zerriß ein falber Blitz die niederhangenden Wolken . » Der Strahl des Gerichts ! « murmelte Sprecher erbleichend . Auch Waser glaubte , Feuer vom Himmel habe den Trotzigen getroffen ; aber als seine geblendeten Augen wieder aufblickten , saß Jenatsch unbewegt auf dem sich bäumenden , stampfenden Rappen . Er zwang sein Tier mit fester Hand . Er allein schien Blitz und Donner nicht bemerkt zu haben . Waser verweilte nicht mehr lange . Es drängte ihn , Jürg aufzusuchen , um den peinigenden Eindruck