vor der eigenen Schwäche , die sie allmählich überkam ; sie ließ sich deshalb die Aussprüche der Ärzte durch Baron Schilling berichten ... Es war ein seltsam neues Gefühl , das sie immer mehr beschlich , das Bewußtsein eines Haltes , der ihr von außen kam . Bis dahin hatte sie sich stets nur auf die eigene Kraft verlassen und ihre Selbständigkeit eifersüchtig wie ihre Tugend ; so hatte sie nie gewußt , was es heiße , Schutz zu genießen – jetzt fühlte sie ihn als eine Wohltat . Sie sagte sich , daß der Mann , der sich mit ihr in den Krankenwärterdienst teilte , aufmerksamen Auges zugleich ihr Wohl und Wehe behüte , aber das stolze verächtliche Lächeln , mit dem sie gewohnt war , unbegehrte Teilnahme zurückzuweisen , spielte ihr dabei nicht um die Lippen ... Wenn der nichts weniger als schöne , aber kraftvoll stattliche Mann mit dem Ausdruck stillen Ernstes am Krankenbett saß , dann schöpfte sie Trost aus seinem Anblick , dann war ihr , als sei ihr Liebling geborgen , als müßten alle finsteren Gewalten zurückweichen . Sie wurde unruhig , wenn er fortging , und atmete freudig klopfenden Herzens auf , sobald sie seinen nahenden Schritt draußen im Korridor hörte . Sie dachte nicht mehr an die Frau , die in Rom betete , um die verhaßten Eindringlinge möglichst schnell los zu werden , an diese Klosterschülerin , welche im finsteren Aberglauben ihr eigenes Heim mit spukhaften Seelen bevölkerte , und alle Wohnräume bis auf die verrufene Zimmerflucht verschlossen hatte , jedenfalls , damit der unsaubere Geist den ungewünschten Besuch austreibe . Etwas Unheimliches hatte diese Erdgeschoßwohnung allerdings auch für Donna Mercedes – es waren die mächtigen , tief auf den Boden herabgehenden Fenster . Die Brüstung zwischen den Zimmern und der draußen hinlaufenden Säulenhalle war so niedrig , wie kaum ein Balkongeländer , das man mühelos übersteigen kann ... Der erstickenden Hitze wegen durften abends die inneren Läden nicht vorgelegt werden ; die Fensterflügel des Krankenzimmers standen auf Anordnung der Ärzte meist offen , und damit kein helles Licht von außen hereinfalle , hatte Baron Schilling das Anzünden der Gasflammen im Vorgarten verboten . Es herrschte somit gähnende Finsternis unter der Wölbung der Halle ? nur ganz fern glühten drüben auf der menschenleeren Promenade vereinzelte Gaslichter , der Nachtwind zog schwach seufzend an der Säulenreihe hin , und vom Klostergut kamen die Fledermäuse herüber und schwammen scheu in dem schwachen grünen Licht , das die kleine Flamme durch den Lampenschirm des Krankenzimmers hinauswarf . Aber dieser blasse Schimmer , den die Nacht draußen schon aufsog , ehe er nur die nächste Säule erreichte , er hob auch andere Erscheinungen aus der Finsternis , und das war unheimlich , visionenartig ... Donna Mercedes sah zweimal dasselbe , als sie regungslos im Dunkel hinter dem Spitzenbehang ihres Bettes sitzend , das phantasierende Kind behütete . Kein Schritt war draußen auf dem Steingetäfel hörbar geworden , nicht das leiseste Geräusch hatte Menschennähe ahnen lassen , und doch hatte sich plötzlich ein Antlitz über die Brüstung hereingeneigt , ein totenweißes , schönes Frauengesicht mit Zügen wie in Stein gemeißelt , mit dunkelglühenden Augen , die starren , verzehrenden Blickes auf das kranke Kind gerichtet waren , als wollten sie ihm die Seele aussaugen ... Bei dem unwillkürlichen Emporschrecken der Pflegerin aber war das Gesicht jedesmal verschwunden , als sei es von einer schwarzen Tafel weggelöscht worden . Donna Mercedes hatte das weibliche Dienstpersonal des Schillingshofes nie beachtet ; aber sie meinte , dieses in Schmerz und Gram förmlich versteinerte Antlitz müßte ihr doch bei der Begegnung notwendig aufgefallen sein . Sie forschte jedoch nicht nach , wie sie überhaupt während der ganzen schweren Prüfungszeit nur über das Allernötigste sprach . So waren viele Tage in unbeschreiblicher Angst und Aufregung verstrichen – nun eine furchtbare Nacht noch , in der man jeden Augenblick fürchtete , den schwachen Kindesodem für immer verlöschen zu sehen , dann brach ein rosig schöner Morgen an , und das goldene Tageslicht flammte auf , um ein junges Menschenkind wiedergewonnen in seine lebenatmende Flut zurückzunehmen – der kleine José war gerettet . Der Jubel darüber war groß . Die beiden Schwarzen gebärdeten sich wie toll , und Lucile war in ihrer Freude so maßlos wie vorher in ihrer Angst . Zum erstenmal wieder sorgsam frisiert , in hellseidenem Kleide , die Locken voll frischer Rosen , einen Rosenstrauß an der Brust und in den Händen , kam sie geschmückt und grazienhaft wie eine Bajadere früh in das Krankenzimmer geflogen und machte Miene , sich stürmisch über den Knaben hinzuwerfen und sein Lager mit den starkduftenden Blumen zu bestreuen ; allein die anwesenden Ärzte verbaten sich energisch derartige Freudenausbrüche , was die kleine Frau durchaus nicht begreifen wollte und als ein gänzliches Mißverstehen ihrer Zärtlichkeit sehr übel nahm . Sie kehrte ihnen trotzig den Rücken und lief schmollend hinaus – die Gefahr war ja vorüber – nun konnte man ja wieder naiv und unartig sein . Donna Mercedes war tagsüber standhaft geblieben ; sie hatte den Tränen des Glückes , der unaussprechlichen Erleichterung vor den Augen der anderen gewehrt . Aber nun war es wieder Abend geworden ; Baron Schilling hatte sein Atelier aufgesucht , Lucile und Paula tranken den Tee in den Gemächern der kleinen Frau , und Deborah war hinübergegangen , um dabei zu bedienen . Es war um die neunte Stunde , aber schon herrschte die Finsternis der tiefen Nacht – der Himmel hing voll Regenwolken . Nur hinter der weit drüben liegenden Häuserreihe der Straße schoß dann und wann die grelle Lohe des Wetterleuchtens empor , um machtlos in den düfteschweren , schwülen Lüften zu verlöschen . Der kleine José schlief – es war der traumlose Schlaf der tiefsten Erschöpfung ; ein in den Kissen ruhender Engel von Wachs hätte nicht lebloser daliegen können , als dieses Kind in seinem spitzenbesetzten , weißen Nachtkleidchen ... Donna Mercedes kniete an seinem Bette und hatte die Rechte leise auf das kühle